Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-17 · Heft 33 (17.8.1917) · p. Seite 395

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229319--73340-3285816
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Er faßt meine beschwörend ihm zugestreckte Hand und hält sie fest. „Tante Trude/' sagt er sanft und doch mit verhaltener Bestimmtheit, „daß wir uns gleich richtig verstehen. Ich komme nicht, um dich zu fragen oder deinen Rat zu holen. Die Tatsache steht fest, ist nach reiflicher Uebcrlegung glücklich vollzogen. Ich wollte es dir nur zuerst mitteilen." „Warum gerade mir zuerst?" sage ich schwach. Ich habe mich so maßlos erschreckt. „Weil ich dich für die Gescheiteste von der Familie halte, auch für die Duldsamste und Einflußreichste. Kurzum, weil ich von dir, deinem Takt und deiner Güte erwarte, daß du so viel wie möglich die Kämpfe, die ja nicht ausbleiben werden, verringerst und milderst. Du sollst durch deinen klugen Ein>- fluß die Pslästerchen auf die verschiedenen Wunden legen, auf Großmamas Ehrenstandpunkt, auf ihre Geldsucht, aus—" „Spotte nicht", schreie ich auf. „Sie hat es nicht verdient." „Nein, wahrhaftig nicht", sagt er gutmütig. „Wenn ich ihr den Kummer ersparen könnte, zehn Jahre meines Lebens gäbe ich darum." Sofort greise ich auf, was mir als Rettungsanker erscheint. „So opfere ein paar Jahre, Nicht deinem Leven, nur deinem Glück. Sie wartet noch — vielleicht nur kurze Zeit —" In maßlosem Schreck halte ich inne. So schlage ich ja jetzt selber vor, was mich bei Paula neulich so maßlos entsetzt hat. Sie sollen warten — warten aus der besten Großmutter Tod. „Nicht eine Stunde!" sagt er fest. „Luzi geht mir zugrunde." , ., ,. „Und so geht Großmama zugrunde. Das ist freilich nicht schlimm", werfe ich bitter ein. Er zuckt die. Achseln. „Erstens hat Großmama schließlich das Leben hinter sich." Und dann, wie selber beschämt über sein rohes Wort: „Sie braucht es doch nicht. Sie kann es doch anders auffasjen. Es liegt doch in ihrer Hand." „Benno, du weißt so gut wie ich, daß Großmama nicht mehr unilernen kann", sage ich tonlos, und er schweigt einverstanden. Fällt mir denn nichts, gar nichts ein, um ihn, um uns alle zu retten? „Benno, du bist doch Zionist", sage ich leise. „Und meinst du, sie nicht?" Sagt er freudig. „Ich sage dir, sie ist geradezu begeistert vom Zionismus. Das wird eine Jüdin, wie sie sich vielleicht in ganz Wostock nicht zum zweiten Male findet." „Du hast mir einmal erzählt," wende ich behutsam ein, „ein Antisemit habe gesagt, aus dem Judentum könne einer ebensowenig austreten wie aus dem Negerstand. Du gabst dem Feindlichen damals recht. Wenn man doch aber nicht aus der Rasse austreten kann, so kann man doch ebensowenig in sie hineintreten, Benno. Luzi kann doch also gar nicht Jüdin werden." Jetzt ist er dunkelrot geworden. „Einer unserer Führer hat eine Christin, die Jüdin wurde, geheiratet. Wenn unser Haus mal so gut jüdisch, so gut zionistisch wird wie das ihre —" Nun ja, Benno, eine Antwort ist das ja nicht, aber wer gibt sich mit Logik ab, wenn das Gefühl bestimmt!? (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. — Der Mifchnatraktat Sotah. Einleitung, Textausgabe, Uebersetzung und Erklärung des Traktates von Pros. Hans Bahr und Dr. L. A. Rosenthal, Rabbiner. Erster Teil: Einleitung in den Traktat Sotah. (Schriften zur Beleuchtung der Lehrweise und Entwicklung des Talmuds.)' Berlin C 2, Vertag von Louis Lanull, 1916. Es ist die seinsinnige, iextkritische Methode, wie wir sie aus Rosenthals bisherigen Schriften kennen, eine Historisch-kritische Untersuchung des Mischnatextes nach seiner logischen Zusammenstellung, seinem Gedankengang und seinem geschichtlichen Hintergründe. Das vorliegende Hest ist eine Einleitung zu einer von den genannten Verfassern besorgten Ausgabe des Codex Neapolitanus der Mischnah Sotah. Gerade dieser Traktat ist wie kaum ein anderer geeignet, den großen Gewinn der kritischen Methode Rosenthals richtig einschätzen zu lassen, da die Konstruktion dieser Mischna in der Tat viele Rätsel aufweist. Besonders sind es die letzten drei Abschnitte dieses Traktats, die hier gar nicht am Platze zu sein scheinen, und die man viel eher in anderen Traktaten, jo vor allem in Sanhedrin und Berachoth, erwarten würde. Sie handeln über verschiedene Gebetsformelu, über Thoravorlesung, über Zeugen- und Reinigungseid, über die Ansprachen des Fetdpriesters an das Heer, über die Vorschriften von Buch Mose 21, 1—9; 25, 5—10; 27, 1—8, u. dgl. m. Rosenthal weist hier in bewundernswerter Weise die ganze gejchichtliche redaktionelle Entwicklung des Mischnatrattats, der, wie R. mit scharfem kritischen Blick erkannt hat, weit älter ist als die meisten anderen, die ihm inhaltlich verwandt, aber erst aus seiner Grundlage redigiert worden sind. Die ersten drei Wschnitte ergeben sich für R. als die allerältesten Teile dieses Traktats; die anderen drei sind zwar jünger, gehören aber nichtsdestoweniger zum alten Bestandteil dieser Mischna. Aber auch die letzteren scheinbar ganz fremden Appendizes schauen, wie die Gegenüberstellung mit der Tosifta beweist, aus ein lehr hohes Alter zurück und bezeugen so, daß auch die vorliegende Mijchnaordnung in eine sehr frühe Zeit Zurückreicht. Rchenthal gelangt so zu dem Ergebnis, daß Sotah und ebenso Berachoth als Priester- und Tempettrattate anzusehen seien, die also zu einer Zeit entstanden sein müssen, als Tempel und Priestertum noch bestanden haben, die aber später, in den Zelten des Rabbi Jehudah Hanassis nur eine neue Auslage erlebt haben. Später sind dann ganze neue Traktate aus Sotah hervorgegangen. Diese Arbeit R.s, die sonst noch sehr viele neue Anregungen bietet, wird von jedem, der der jüdischen Religionsgejchichte einiges Znteresje eutgegenbringt, mit großem Gewinn gelesen werden. Jampel. Karl Ettlinger: Benno Stehkragen. — Ullstein u. Co., Berlin und Wien. 1 Mark. Das „Karlchen" der „Münchener Jugend" hat einen Roman geschrieben, den ivir deshalb an dieser Grelle erwähnen wollen, iveil er tief erjüllt ist von echtjüdischem Empfinden. Benno Stehkragen gehört zu den bedauernswerten Erscheinungen, bei denen die äußere, von der Statur stiefmütterlich behandelte Persönlichkeit in krassem Widerspruch steht zu dein reichen Innenleben. Seine Seele fliegt den höchsten Flug, aber im Leben stößl er sich überall an den kleinen Wldevwärligtenen des Daseins! Aus fromm-jüdischer Familie hervorgegangen, ist Benno Stehkragen dem Glauben der Väter stets treu gewesen; sein Familienjum, sein Lebenswandel, alles ist von dieser eraeu Linie erfüll!. Die Liebe zu einem Mädchen, das seiner nicht wert ist, läßt ihn das Gleichgewicht der Seele verlieren, und noch kurz vor seinem Tode begeht er durch die Rettung eines Kindes eine gute Tat. Karl Ettlinger hat das Buch im Schützengraben begonnen, im Lazarett während der Genesung von schwerer Verwundung vollendet! Auch das „Karlchen" ist ein anderes geworden, alrer die Freunde seiner Kunst werden die Wahrnehmung machen, daß er an Tieze des Gefühls, an Wärme der Darstellung gewonnen hat. Dr. \V. C. Festschrift zum 70. Geburtstage des Oberkirchenrats Dr. Kroner, Stuttgart. Herausgegeben vom Württembergischen Rabbinerverein. 1917. (Käuflich zu beziehen durch Herrn Rabbiner Tr. Straßburger in Ulm.) Erst jetzt — durch die ungünstigen Zeitverhältnisse verzögert — erscheint die Festschrift, die dem aWemein bekannten und verehrten Oberkirchenrat Dr. Kroner in Stuttgart von seinen württembergischen Amtsgenossen zum 70. Geburtstage gewidmet ist. Von dem unermüdlichen Professor Brann abgesehen, sind nur Mitglieder des Württembergischen Rabbinervereins, den Dr. Kroner ins Leben gerufen, mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.