Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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pp -Ji., 1 394 Nichts for ungut, Fräulein Rchfeld, ich Hab'Sie lange aufgehatten. Ja, wemmer ins Plaudern kommt", er geht mit verlegen demütigem Lächeln. „Nein, nein, kommen Sie nur einmal wieder, Herr Jakob." „Und weinen Se nich mehr so viel um den Herrn Vater, das will der liebe Gott nich. Was haben Sie 'n gepflegt!" Wieder wiegt er das Haupt und schnalzt bei jodein Wiegen -mit.- der Zunge an den Gaumen. „Soll einer erst erna ene Tochter suchen, die ihren Vater so pflegt." ' ' Dann ist er draußen, und ich stehe vor der: Staffelet und schluchze fassungslos. Vater, hörst du es? Hörst du, was der alte Mann — du hast ja ferne schlichte Lebensweisheit oft erwähnt — gesagt hat: Ich habe dich so gepflegt. Und du wußtest für jeden, was für ihn gut war — für jeden! Nur für deine Tochter nicht! Nur für deine Tochter nicht! * Mit Cilli bin ich auseinander. Ich hoffe es wenigstens. Sie ist so beleidigt von mir gegangen, daß ich es denken muß. Sie kommt nicht wieder. Sonst hätte mir das weh getan, so wenig gut sie mir immer tat. Es war immer, als peitsche ihre Unruhe die meine hoch, als locke sie alles, was schlecht in mir ist, hervor. Aber ihretwegen hätte ich es sonst bedauert. Sie hat mir zu oft gesagt, daß mein wohlbehaglrch „sauberes Heim" ihr eine Oase ist rn der Wüste ihres ungemütlichen Daseins, als daß ich verkennen könnte, daß sie viel damit verliert. Mag sie! Wer schützt mich vor Verlusten? Wer sorgt sich um mich, ob ich auch nicht ärmer, noch immer und immer ärmer werde? Cilli erzählte, Herr Simon aus Magdeburg habe ihr sehr höflich geantwortet, sie solle. ihm seine Vorsicht nicht übel nehmeni er habe schon gar zu bittere Erfahrungenmit Hausdamen gemacht, die er selbst auf den besten Eindruck hin engagiert habe. Da müsse sie ihm schon gestatten, daß er sich ihr freundliches Anerbieten reiflich überlege, ja, auch, sie werde auch das verstehen — sich über sie erkundige. „Weißt du, Gertrud, nun ist es doch sehr leicht möglich, daß — wenn auch indirekt, vielleicht durch deine lieben Rosch-- ininer — eine Anfrage über mich an dich herantritt. So viel kann ich doch wohl von deiner Freundschaft erwarten — na, das ist ja übrigens ganz selbstverständlich —, daß du mich empfiehlst?" „Nein, Cilli, das kannst du nicht." Nicht? Bist du verdreht?" Sie sah mich maßlos verblüfft und erschreckt an. „Ich gehe sogar noch weiter", sagte ich hart. Ich bin jetzt nicht in der Stimmung, Winkelzüge zu machen, um die Empfindungen anderer zu schonen —, „ich werde, selbst, wenn ich nicht gefragt werde, eben durch Meine lieben Roschinin-er' — denn ich selbst stehe nicht mit ihm in Verbindung — ihm sagen lassen, daß ich keine Frau der Erde für ungeeigneter zur .Kinderpflege und -erziehung halte als dich." „Aha!" — und ein überschlaues, fast schadenfrohes Erkennen tritt in ihre jetzt boshaft blitzenden Augen: „vielleicht läßt du ihm auch sagen, welche Frau du ihm statt meiner vorschlägst — natürlich nicht als Hausdame. Beileibe nicht! Mit einer halben Million kann man sich auch den Ehemann kaufen, wenn man ihn will, das heißt, wenn er einem vorteilhaft ist. Denn wollen tut man einen ganz anderen, einen, der hübscher ist und jünger als der sünfköpfige Witwer." „Cilli, höre auf!" schreie ich gequält. „Warum denn? Ist es denn so schlimm, daß du es auch ein einziges Mal ins Gesicht gesagt bekommst? Hinter deinem Rücken pfeifen es ja schon die Spatzen von den Dächern." ft**;'. ' P'r'f -r __ _ . „Was denn?" Auf einmal ist es todesruhig in mir. Ich wundere mich selbst, wie fest und sicher ich mich ihr gegenüber fühle. „yiuit daß du es mit Westphal hast", klingt es schrill von ihr her. Sie will verwunden, um jeden Preis. Und merkwürdig,: es .gelingt ihr gar.nicht. Ganz kühl, beinahe ein" wenig spöttisch lächelnd, sage ich: -„Cilli, das glaubst du ja selber nicht." Ich glaube, ohne es zu wollen, habe ich sie entwaffnet. Denn sie sinkt auf den Stuhl nieder und weint fassungslos in ihr Taschentuch. Das Thema Westphal ist begraben. „Was willst du nun eigentlich von mir?" sagt sie nach einer Weile inganz verändertem Ton. Sie sieht jetzt beinahe kindlich hilflos aus. „Ich will, daß du deine Bewerbung um die Stelle bei Simon zurückziehst." „Willst du ihn selber?" „Nein. Ganz gewiß nicht. Aber das tut auch nichts zur Sache. Ich will nicht, -daß du die Kinder dort betreust und beeinflußt." „Ihr Geldsäcke seid so protzig, wie ihr selber gar nicht ahnt", sagt sie bitter. „Eine Sprache riskierst du mir gegenüber — es ist unglaublich." Ich gehe nicht aus den dummen Vorwurf ein. „Nun, wie ist es? Gehst du aus meine Forderung ein?" frage ich ungerührt. „Ziehst du die Bewerbung zurück?" „Ja", sagt sie bitter. „Du hast mich ja in der Hand, weil du mich anschwärzen kannst." Auf einmal lacht sie bitter auf. „Wer uns hört, muß denken, du hast mir Geld gepumpt. Dabei kann ich mich wahrhaftig nicht entsinnen —" „Wenn ich dir damit helfen könnte, Cilli," nun wird mein Ton doch wärmer, „mit Freuden! Zu jeder Zeit!" „Donnerwetter, das klingt nach was," sagt sie schon wieder etwas munter: „heute habeich keinen Bedarf. Aber man kann ja nie wissen. Sicher ist vorläufig, daß du als Freundin mir einen Knüppel zwischen die Beine wirfst. Ein edler Freundschaftsdienst, wahrhaftig! Aber für heut adieu, ich kann nicht mehr " Sie reicht mir lose die Hand, die ich n-icht gleich fahren lasse. „Also, du versprichst mir, du bewirbst dich nicht um die Stelle?"' „Ja, ja, ja", sagt sie, ungeduldig abwehrend und geht. Sie wird doch auch Wort halten? Mir täten die kleinen Magdeburger Waisen gar zu leid, und der Vater dazu. * „Tante Trude, hast du eine ganze Stunde Zeit für mich? Ich habe den letzten Patienten schnell hinausgeworfen und mich frei gemacht von allem." So, auch von Luzi? Wie lange ist es wohl her, daß sich Benno mehr als Minuten zu einem Gespräch mit mir nahm! Und wie sieht der Junge aus!? Lächelnd, sicher, von einer so fröhlichen Energie, wie ich ihn bisher nie gesehen habe. Sein Wesen war oft recht zerstreut und abstoßend in letzter Zeit. „Wie geht es Fräulein Luzi?" frage ich, um ihm den Anfang zu erleichtern. Denn, daß er von ihr und nur von ihr sprechen wird, ist sicher. „Danke!" sagt er warm, und in dem „Danke" liegt eine zärtliche Glückseligkeit. „Meiner Braut geht es gut," „Benno!" Ich glaube, ich habe ganz laut aufgeschrien, wie jemand, der plötzlich - merkt, daß er in die Tiefe stürzt. „Benno, um Gottes willen, das geht nicht. Das ist ansgeschlossen!"