Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-17 · Heft 33 (17.8.1917) · p. Seite 393

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 393 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229319--73338-3285814
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

393 der Mangel an näherer Bekanntschaft mit ihnen, die zu knüpfen man nicht ider Mühe wert oder unter seiner Würde hält, den größten Einfluß darauf haben. Und jene Versunkenheit — hat sie nicht wieder ihren Grund in der allgemeinen Verachtung selbst, in der Ausschließung von bürgerlichen Gewerben und besonders iy, dem gänzlichen Mangel an Unterrichtsanstalten unter ihnen oder in der Einseitigkeit und Verschrobenheit derselben? Sollen die jüdischen Einwohner eines Staates aufgeklärtere bessere Menschen und nützlichere Bürger werden, so räume man die Ursachen weg, die sie daran hindern; man behandele sie menschlicher, man sorge, daß sie vernünftige Schulen erhalten (ein Gegenstand, um welchen sich bis jetzt selten ein Staat bekümmerte) oder noch besser, man lasse sie an den christlichen Schulen teilnehmen, man halte sie selbst, nach dem schönen nachahmungswürdigen Beispiel, welches in unseren Tagen die kuvbayerische Regierung ausgestellt hat, Pflichtmäßig dazu an, und man wird schon in den nächsten Generationen Wunder sehen. Für die Kinder aus anderen Religionen ist nicht der mindeste Nachteil davon zu befürchten, da alle Schüler ohne Unterschied durchaus auf einerlei Art behandelt wevden und einerlei Schulzucht unterworfen sein müssen. Nach den Erfahrungen, die ich selbst darüber gemacht habe, kann ich zur Ehre dieser Religion versichern, daß sich unsere Schüler aus derselben bisher immer durch Fleiß, Bescheidenheit, Ordnungsliebe vorzüglich ausgezeichnet haben." - > ,.M So weit der Verfasser! Soll man hieran Betrachtungen knüpfen? Ich denke, es genügt, wenn man neben die Jahreszahl 1805 die von 1916 setzt. Welch ein Unterschied zwischen damals und jetzt! ggmgglggf ES*. Tante Trude. Romam einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (24. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ott soll mich dervor bewahren. Es ist mein Einziges." Hat ihn die Zumutung doch gekränkt? „Ich weiß, ich wer kein reicher Mann dervon, ich Hab nischt dervon, aber es is mein Einziges. Gefälltes mer hier unten schon nich, will ich mer's wenigstens nich auch noch da oben verderben." Er weist mit Hand und Augen zur Decke. „Wie Sie wollen, Herr Jakob", sage ich einlenkend. „Freilich, einen koscheren Haushalt habe ich nicht, Vater war ja nicht fromm." „Er war nich fromm", sagt er, das Haupt schwer wiegend, „und er war doch fromm. Mechten alle Menschen so nich fromm sein, wie er war. Ach, Fräulein Rehfeld, mir fehlt Ihr guter, seliger Vater sehr. Mer is alt und überall fühlt mer's in de Glieder, mer hätten Arzt netig, aber ich kann mich zu keinem von de neumodische Doktors entschließen." Jetzt erst sehe ich, wie verfallen der alte Mann aussieht, seit ich ihn das letztem«! gesehen habe. „Aber Sie müssen doch mal zu einem Arzt gehen, Herr Jakob." „Nee, nee, nee," wehrt er, „mit Ihrem guten Vater, da war das so was anderes. Man hate'n gar nich brauchen sagen, was is — er hat gewußt. Er hat genau gewußt, was sor en jeden gut is. DaS war auch eine Stimme, wemmer im Wartezimmer ausgehorcht hat: „Der Herr Doktor Rehfeld trefft sor jeden's Richtige." Gott Hab en> selig, er war en gebenschter Doktor. Nu Fräulein Rehfeld, ihm is je wohl. Ihm is wohler als uns allen. Weinen Se nich, es geht mer so nah. Gott, wemmer einen kennt von Kindsbeinen an. Ich weiß noch wie heute, wie ich bin zum Herrn Dokter in die Sprechstunde gekommen, und er hat mich so gut angehert wie immer, aber er hat Augen gemacht, da hat mer angesehen, se sehen ohßer das, was in de Stube is. Und wie er mir hat's Rezept schreiben wollen, sinen de Hände geflogen. Und dann hat er mir en Thaler in de Hand gedrikt und hat gesagt, ich soll mer 'ne Flasche Wein kaufen. Ich Hab' gesagt: „Danke scheen, Herr Dokter, ich werfe auf Ihr Wohl trinken." Hat er gemeint: „Nicht auf meins, Jakob. Auf das von meine Frau und meine Tochter!" Wie heißt: Tochter, Herr Dokter?" „Nu ja", hat er gemeint, „vor 'ne Stunde hat mir meine liebe Frau eine Tochter geschenkt. Aber eine, die sich gewaschen hat, Jakob, ein Prachtskind. S's nächste Mal zeige ich's Ihnen." Ich sag' Ihnen, Fräulein Rehseld, ihm sin de Tränen in de Augen gestanden, und ich Hab' auch geplanchent, ich schäm mich ohßer, 's zu sagen. Mer hat doch gewußt. Zehn Jahr war's doch der Wunsch im Hause gewesen. Und so en Schuft gab's im ganzen Orte nicht, der den Dokter Rehseld nich alles Glück der Welt gegennt hätte. ä Ich Hab' dann immer meine große Zimche gehabt, wenn de kleine fixe Dingelchen an unseren Fenstern vorbei zur Schule getrippelt is. Wenn ich zum Herrn Vater gekommen bin, Hab' ich gesagt: „Herr Doktor, über die muß mer Broche machen." Und er hat gelacht und gesagt: „ja, Jakob, da haben Sie auch recht." Und wie Se in die Tanzstunde gekommen sin — ja, ja, ja, de Zeiten gehen hin. Mer weiß nich, wo se geblieben sin. Ich sehe noch wie heute, wie ich dein Löwenwirt mit bedient habe, zwischen all die Gojimmädchen sin Sie de schönste und de blondste gewesen." Ein Blick gleitet über mich hin und plötzlich unterbricht er sich: „Ich meine, Se hätten doch früher ganz gelbe Haare gehabt, Fräulein Rehseld? Heite sin se doch mehr braun?" Ich lache leise. „Ja, ja, Herr Jakob, man ändert sich." „Nu, was," sagt er, sich besinnend, „was kommt drauf an? Blond is ene Farbe, braun is auch ene Farbe. Die Hauptsache is doch die Gesundheit. Was tu ich mit de Haarfarbe? Aber, was ich erzählen wollte, die Aeltesten un de Jingsten hab'n de Hälse nach Ihnen gedroht, weil keine so zierlich getanzt hat, und so niedlich ausgesehen hat wie Sie." Er wird ordentlich lebhaft, sein faltiges Gesicht strahlt in hellem Entzücken: er ist ins Schwärmen gekommen, der Alte. „Alle haben se gesagt: „de Schönheit hat se von de Mutter und de Herzensgute und de Freundlichkeit zu alle Menschen, hoch und gering, hat se vom Vater." Der reiche Silberberg hat vor mir gestanden und da Hab' ich ihn Heren sagen: „wenn die in e paar Jahren noch zu haben is, bis mein Siegfried so weit ist, muß sie meine Schwiegertochter werden." „Mit Verlaub, Herr Kommerzienrat", habe ich mich da ins Gespräch gemischt, „die wird ohßer in e paar Jahren noch zu haben sein." „Nu was," sagt er nach einer Weile, wie sich wieder besinnend, „wies Gott sor richtig findet, so macht er's . Er wird wissen, warum." Wer hätt' damals gewußt, wie alles hat kommen missen? Nach e paar Jahren hatte sich der junge Herr Siegfried schon lange verplempert gehabt und er un de neue Mischpoche haben den Alten mechulle gemacht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.