Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nasse, die mit der unseren noch nicht verschmolzen ist, sich anmaßt, besser zu wissen, was uns frommt, als wir selber. Sie fühlt sich in Frankreich wohl: das ist mir sehr recht. Aber sie trachte nicht danach, ein Judäa aus Frankreich zu machen. Eine kluge und starke Regierung, die die Inden an dem ihnen angemessenen Platz festhalten könnte, würde aus ihnen eines der nützlichsten Werkzeuge der französischen Größe machen; sie .würde dabei ihnen wie auch gleichzeitig uns einen Dienst erweisen. Diese hypernervösen, aufgeregten und ungewissen Wesen bedürfen eines Gesetzes, das sie bindet, und eines festen, aber gerechten Herrn, der sie bändigt. Die Juden sind wie die Weiber: ausgezeichnet, wenn man sie im Zügel hält; aber beider Herrschaft ist abscheulich, und die sich ihr unterwerfen, geben ein lächerliches Schauspiel." Endlich muß auch folgende Stelle dem Wortlaut nach hier stehen (S. 517 ff.): „Die französischen Antisemiten begehen ebenso eine Schlechtigkeit wie eine Dummheit, wenn sie durch ihre beleidigenden Verdächtigungen die französischen Gefühle der in Frankreich angesessenen Juden entmutigen. Abgesehen davon, daß jede Familie nach zwei oder drei Generationen dem Boden, auf dem sie sich festgesetzt hat, notwendigerweise verwurzelt und das Blut der Erde ihr eigenes Blut geworden ist, haben die Juden ganz besondere Gründe, das Volk zu lieben, das im Abendland die vorgeschrittensten Ideen geistiger und sittlicher Freiheit repräsentiert. Sie lieben es um so mehr, als sie seit hundert Jahren dazu beigetragen haben, daß es so wurde, und als jene Freiheit zum Teil ihr Werk ist. Wie also sollten sie es nicht gegen die Gefahren jeder freiheitswidrigen Reaktion verteidigen? Es hieße jener Reaktion freie Bahn schaffen, wenn man versuchen wollte — wie es eine Handvoll verbrecherischer Politiker und eine Herde dummer Bieder-, Männer möchten — die Bande zu zerreißen, die jene Adoptivfranzosen an Frankreich fesseln." Man sieht aus diesen Ausführungen, von welch großer Bedeutung für die Juden im allgemeinen und besonders für die Stellung der Juden in Frankreich der zweite Band unseres Werkes ist. Schon deshalb müssen wir es freudig begrüßen. Aber ich bin nicht einseitig genug, um ein Buch nur dann für wichtig zu erklären, wenn es bedeutsame Stellen über Juden enthält. Und so wiederhole ich, daß wir es in dem Werke Romain Rollands mit einer außerordentlich merkwürdigen Erscheinung zu tun haben: Die Art und Weise, wie hier Psychologisch die französische Volksseele ergründet wird, wie sie erkannt wird, nicht im marktschreierischen Treiben einzelner, lauter Vvrdränger, sondern wie sie in der stillen Arbeit breiter Volksmassen und einsiedlerischer Bürger zutage tritt, die tiefe und gedankenvolle Art, in der die Gemeinsamkeit aller Nationen und das Hinarbeiten auf große und wichtige Ziele kundgegeben wird, macht das Werk zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung, vor der man gerade in unserer Zeit nicht achtlos vorübergehen darf. Wir sind daher aus den dritten Band außerordentlich begierig, der nach einer Voranzeige des Verlegers im Herbst 1917 erscheinen soll. Line jüdische Gedichtsammlung über den Krieg. 3n Nummer 25 vom 22. Juni 1917 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" hat A. Mahler eine dankenswerte Anregung gegeben, die hoffentlich die Beachtung findet, die sie verdient. Nur müßte die Sammlung von Gedichten, die er anregt, sich ein werteres Ziel stecken, etwa in der Weise, welche durch die Ueberschrist dieser Zeilen angedentet wird. Eine solche Sammlung würde nicht nur inhalt- und umfangreicher werden, sondern -vor allem an innerem Wert und Gehalt gewinnen. Äe würde, geradö weil die Dichtung die beste Künderm menschlichen Lebens und Erlebens ist, ein beredtes Zeugnis der Stimmung der deutschen Juden werden; sie würde zeigen, mit welchen Empfindungen und Stimmungen sie in den Kampf gezogen sind, wie auch sie todesmutig für das Vaterland ihr Leben eingesetzt haben und was sie nachher empfinden, wenn Feindschaft und Rassenhaß ihnen ihr Vaterland rauben wollen. Um daher der Mahlerschen Anregung in der eben dargelegten Erweiterung noch besonderen Nachdruck zu verleihen, bringen wir hier mit gütiger Erlaubnis des Verfassers zwei Gedichte zum Abdruck, welche als Beiträge zu der gedachten Sammlung dieser zur besonderen Zierde gereichen würden. Ihr Verfasser ist der als Dichter und Pädagoge gleich rühmlich bekannte Hamburger Schulmann Dr. Jacob L o e w e n - berg, dessen Gedichtsammlung „Aus jüdischer Seele" wir sie entnehmen. Dem ersten der beiden Gedichte liegt eine bestimmte Begebenheit aus der Zeit der Befreiungskriege zugrunde. Ein Teilnehmer der Befreiungskriege, Franz Neumann, der später als Lehrer der mathematischen Physik in Königsberg wirkte und dort im hohen Alter von säst 98 Jahren am 23. Mai 1895 gestorben ist, hat „Erinnerungsblätter" hinterlassen, die seine Tochter Luise Neumann herausgegeben hat (Tübingen und Leipzig 1904). In diesen heißt es nach einer Mitteilung von Martin Philippson in seinen Untersuchungen über den Anteil der jüdischen Freiwilligen an dem Befreiungskriege 1813 bis 1814 in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, Jahrg. 50 (1906), S. 5, folgendermaßen: „Unter der Kompagnie freiwilliger Jäger, der ich 1815 angehörte, waren zwei Juden. Der eine, vielfach geneckt, warf sich bei dem ersten Kampf mit dem größten Heldenmute auf den Feind und forderte seine Quälgeister auf, ihm dorthin zu folgen. Von mehreren Kugeln getroffen, lag er bald auf offener Straße. Er wurde gerettet, mußte dann aber sein ganzes Leben lang auf zwei Krücken gehen. Der andere, von feinem und einnehmendem Wesen, fiel bei Ligny." Loewenbergs dichterische Verewigung dieser Begebenheit schließt sich eng an den Bericht Neumanns an und weicht nur zum Schluß von diesem ab — aus Gründen, die keiner Erläuterung bedürfen. Das Gedicht ist von seltener Lebendigkeit, ganz dramatisch bewegte Handlung, kein Wort ist in ihm zu viel. Denjenigen, welche an der fünften Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden in Hamburg 1913 teilgenommen haben, wird es in besonderer Erinnerung sein: MaxMontor trug es damals im Deutschen Schauspielhaus in einer Weise vor, die sich jedem Hörer tief ins Gedächtnis Prägen mußte. Und nun das Gedicht selbst: Anno 13. Im Kolberger Jägerregiment. Wie schweres von der Mutter, vom Lieb sich auch trennt. Sie kamen alle daznmal. Und einer hieß Isaak Löwenthal. Sie hängten sich an den Namen mit Spott: „Ein schöner Namen! Wahrhaftig! Bei Gott! Einst grüßt ihn Odin in Walhalls Saal: Willkonnnen Held Isaak Löwenthal!" Das wurmt ihn, und als sie das erst entdeckt, Da ward er nur desto mehr noch geneckt. Er gab's ihnen wieder, er war nicht faul: „Schab', daß dein Verstand nicht so groß wie dein Maul." Da forderten sie ihn mit Schimpf und Hohn. „Ein andermal, Jungens, ich stelle mich schon. Wir zogen für so was doch nicht in den Krieg." „Dn bist ein Feigling!" — Er hört cs und schwieg.