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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-17 · Heft 33 (17.8.1917) · p. Seite 390

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 390 (sequence 6)
Language
German
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im Sterben liegende Mutter zu Men, muß aber schleunigst aus seiner Geburtsstadt entweichen, weil er sonst Gefahr läuft, mit der deutschen Polizei in Konflikt zu geraten. Sein Leben in Paris verläuft ohne wesentliche Abenteuer; die Hauptsache ist, daß er den Bruder jener Antoinette Jeanncquin, der französischen Lehrerin, die er in Deutschland gelegentlich gesehen, von ihr einen tiefen Eindruck empfangen und einen weit tieferen auf sie gemacht hat, kenneiilerur Olivier, sich mit ihm aufs innigste befreundet, mit ihm zusammenlebt und zusammenarbeitet, daß er durch ihn die wahre Auffassung des französischen Lebens, der französischen Seele empfängt und in dem Zusammenwirken des deutschen und französischen Geistes das Heil der künftigen Kultur erblickt. (Uebrigens soll dargus hingewiesen werden, daß dies Zusammentreffen mit Olivier ein wenig willkürlich ist, daß aver die Schilderung der Antoinette, ihrer Kindheit und des idyllischen aufopfernden Lebens mit ihrem Bruder ein wahres Prachtstück ist, nur freilich gar zu lang und ohne rechten inneren Zusammenhang mit unserem Roman.) Solcher Anschauungen, die für unsere Zukunft von hoher Bedeutung sind, tonnen wir uns als Deutsche freuen, da auch wir inmitten des großen Weltbrandes doch nicht daran verzweifeln, daß einmal eine Zeit toinmen iverde, da die Menschheit sich ihrer großen Friedensaufgaben erinnern wird. So sehr nun unsere Zeitung auch Wert darauf legt, ihrem Titel einer allgemeinen entsprechend, große nichtjüdische literarische Erscheinungen zu würdigen, so würde sie als ein jüdisches Blatt doch an einem Buche Vorbeigehen müssen, wenn dies nur ausschließlich deutsch-französische Gegensätze und Zusammenhänge behandeln würde. Dies ist aver nicht der Fall. Bictmchr fprelt gerade das Jüdische in unserem Buche eine große Rolle. Unter den wenigen Bekannten, die Christoph in Paris findet, ist einer ern Jude, Sylvain Eohn, der eine breite Stelle in dem Roman einnimmt. Er ist Buchhändler, führt den Helden des Romans bei Musikverlegern ein, sucht ihn auch in der Gesellschaft heimisch zu machen, ist bald sein Gönner, bald sein Feind und hat sür seine Schicksale große Bedeutung. Durch seine Vermittlung verkehrt Ehrislvph in jüdischen Salons, wo er viele Jüdinnen kennenlernt (ihre nicht eben sehr schmeichelhafte Beschreibung S. 115); durch ihn wird er besonders mit einem jüdischen Kritiker Lucien Levy-Coeur bekanntgemacht, einem höchst widerlichen Gesellen, der, ohne von Musik etwas zu verstehen, sich zu einem maßgebenden Kritiker aufgeschivungen hat, schtießtich mit Ehrisioph in schlimme Händel gerat, die sogar zu einem Duell süyren. Zur Charakteristik der französischen Stimmung gegen Juden heißt es einmal (S. 155 ff.): „Da gab es Antiscmllen, oie alle Kraft ihres Wesens in einen wutenden und ohnmächtigen Haß gegen alle mit Glüüsgütern Gesegneten verausgabten, denn sie haßten alle Juden und nannten Juden alle, die sie haßten." Unter den Stoffen, mit denen Christoph als Komponist sich beschäftigt, ist eine Art von Oratorium „David" (S. 179 ff.), das bei seiner Aufführung infolge der Kabalen seiner Feinde einen völligen Durchfall erlebt, das aber schließlich der Grundpfeiler des Ruhmes des Komponisten wird und von besonderer Wichtigkeit für den Helden des Romanes ist, da es ihm die Freundschaft des oben erwähnten Olivier verschafft. Auch in der allzu lang ausgesponnenen Episode der Antoinette, der Schwester Oliviers, spielen Juden eine bedeutende Rolle. Zunächst eine Familie Nathan, die nicht unsympathisch geschildert wird (S. 312 ff.) und eine deutsche Familie Grünebaum, bei der Antoinette einige Zeit als Lehrerin des Französischen verweilt, die im Gegensatz zu Nathans mit ziemlicher Abneigung dargestellt wird (S. 323 ff.). Mit einer ganz besonderen Ausführlichkeit, nnt offensichtlichem Interesse und lebhafter Teilnahme wird ein jüdischer Gelehrter Felix Weil vorgesührt, ein stiller Arbeiter von hervorragender Bedeutung (hauptsächlich 420 ff.). Höchst eigenartig, wenn auch ziemlich bestreitbar, sind des Berfasfers Ausführungen über die Bibel, den Judengvtt und ähnliches (S. 449 ff.), auf deren Anführung und Widerlegung ich jedoch verzichte. Mit noch größerem Behagen als der Gelehrte Weil, wird ein anderer Jude, ein Kunsthändler Thaddäus Mooch, ein Mann unabhängigen und unbestechlichen Urteils und großer Tatkraft dargestellt (S. 452 ff.). Daß aber diese Vorführungen von Juden nicht etwa willkürlich herausgegrifsene Einzelheiten sind, daß diese Personen nicht etwa entbehrlich genannt werden können, sondern zu dem ganzen Gefüge des Romanes gehören, geht aus folgender ausführlichen Stelle hervor, die ich wegen ihrer Bedeutung dem Wortlaute nach hersetze: . „Merkst du," sagte Christoph zu Olivier nach Mvochs Fortgang, „daß wir immer mit Juden zu tun haben, einzig und allein mit Juden? Das ist dock) slark — sollten wir etwa selber Juden sein? Beruhige mich. Man könnte meinen, wir zögen sie an. Ueberall srud sie auf unserem Wege, ob als Feinoe oder Verbündete." „Das kommt, weil sie tlüger als die anderen sind," sagte Olivier. „Die Juden find bei uns säst die einzigen, mir denen ein jreier Mann etwas Neuartiges^ etwas Lebendiges besprechen kann. Die anderen sitzen in der Vergangenheit, in toten Dingen fest. Unglücklicherweise besteht' diese Vergangenheit für die Juden überhaupt nicht, oder sie ist zum mindesten nicht die gleiche wie für uns. Mit ihnen können wir uns nur vom Heute unterhalten, mit unseren Stammesbrüdern nur vom Gestern. Schau dir nur die jüdische Tatkraft in allen Dingen an, im Handel, in der Industrie, im Lehrfach, in der Wissenschaft, in der Wohltätigkeit,, in der Kunst. . ." Die Juden find im heutigen Europa die zähesten Agenten alles Guten und alles Bösen. Sie befördern aufs Geratewohl das Samenkorn des Gedankens. Hast du unter ihnen nicht deine schlimmsten Feinde und deine ersten Freunde gesundend" ... „Seien wir vor allem nicht unklug," sagte Olivier; „verstümmeln wir unsere bereits kranke Kultur nicht noch dadurch, oaß wir uns anmaßen, einige ihrer lebendigsten Zweige abzubrechen. Wenn das Unglück es wollte, daß man alle Juden aus Europa jagte, so würde dieses an Intelligenz und Tatkraft verarmt Zurückbleiben und womöglich den völligen Untergang gewärtigen müssen. Ganz besonders bei uns, im augenolicktichen Zustand des französischen Lebensgesühls, wäre ihre Vertreibung sür die Nation ein - noch tödlicherer Blutverlust als die Vertreibung der Protestanten im 17. Jahrhundert. Allerdings nehmen sie in diesem Augenblick einen Platz ein, der in keinem Verhältnis zu ihrem wahren Wert steht. Sie nutzen die politische und sittliche Anarchie von heute aus und tragen viel dazu bei, sie zu vergrößern, aus angeborener Neigung und weil sie sich dabei wohl fühlen. Die Besten, wie unser ausgezeichneter Mooch, identifizieren leider aufrichtigen Herzens die Geschicke Frankreichs mit ihren jüdischen Träumen, was uns oft mehr gefährlich als nützlich ist. Aber man kann ihnen nicht zürnen, weil sie Frankreich nach ihrem Bilde schaffen wollen: das beweist ihre Liebe zu ihm. Ist ihre Liebe gefährlich, so brauchen wir uns nur dagegen zu verteidigen und sie in der ihnen gebührenden Stellung zu halten, die bei uns die zweite ist. Nicht etwa, weil ich ihre Rasse der. unseren unterlegen glaube (alle diese Fragen nach der Ueberlegenheit der Rassen sind albern und widerwärtig) —, aber man kann nicht zugeben, daß eine fremde

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