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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-17 · Heft 33 (17.8.1917) · p. Seite 389

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 389 (sequence 5)
Language
German
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bctönftoitctfii Versammlung haben sie folgende Entschließung gefaßt: Da die russische Regierung es ablehne, ihnen Erleichterungen für die Mitnahme ihrer Familien nach Rußland zu gewähren, lehnten sie eS ab, ohne ihre Familien zurückzukehren. Anderseits wollten sie sich auch nicht in das Heer eines Landes hineinzwingen 'lassen, zu dessen Bürgern sie nicht gehörten. Müßten sie wegen des Verhaltens der russischen Regierung in England bleiben, so verpflichteten sie sich, das rühmliche Beispiel der eonseientious vbjeetors (der Militärdienstverweigerer aus Gewissensbedenken) zu befolgen und allen Opfern dieses Schrittes in ihrem Kampfe gegen Ungerechtigkeit und Bedrückung beizustehen." Die Stimmung unter den anderen Bewohnern von London-Ostend aber ist dafür, daß man kräftige Maßregeln ergreifen möge, um die russischen Juden zum Dienen zu bringen. Allein in den Vorstädten Stepney und Hackney leben noch 11000 ausländische Juden militärpflichtigen Alters als Zivilisten, und man klagt darüber, daß sie sich die Einberufung von Engländern zunutze gemacht haben, um deren sreigewordene Stellungen zu besetzen oder um die Geschäfte wegzuschnappen, welche die Rekruten im Stiche lassen mußten. „Die Garung hier," erklärte ein angesehener Einwohner von Hackney, „wird zusehends bedenklicher, und wenn die Regierung mit fester Hand eingreifen wollte, hätte sie das ganze britische Volk hinter sich. Das Verlangen der Rückbeförderung der Familien nach Rußland ist ein grober Bluff, besonders bei den jüngeren Männern. Sie wollen nicht nach Rußland, sie wollen überhaupt für niemanden kämpfen. Man durchschaut sie vollkommen, wenn man sie von der „Militärdienstverweigerung aus Gewissensbedenken" reden hört. Mit Kriegslieserungsverträgen und mit Kriegsarbeit Geld zu machen — daran hat ihr Gewissen sie nicht verhindert." Gleichfalls aus England kommt eine höchst bedauernswerte Kunde, die uns von weittragender Bedeutung zu sein scheint. Wir haben in der letzten Zeit mehrfach darauf hinzuweisen gehabt, wie sehr der Plan eines jüdischen R e i ch e s i n P a l ä st i n a um sich greift. Ehedem nur die Utopie der zionistischen Partei, ist er nun von ernsthasten Politikern in Frankreich, England und Amerika erwogen worden. Welche Absichten Amerika mit der Begünstigung dieser Idee verfolgt, ist nicht klar; es sicht so aus, als wenn die in Amerika lebenden zionistischen Massen, meist russischen Ursprungs, diese ihre Hoffnung den Regierenden suggeriert hätten, so daß die Amerikaner in ihrer judenfreundlichen Stimmung der Sache der Juden einen Dienst leisten wollten durch Wiederherstellung oder Neuerrichtung eines jüdischen Staates. Deutlicher zu erkennen sind Englands und Frankreichs Absichten. Sie haben nicht die Beglückung der Juden im Auge, sondern zielen einfach auf Erweiterung ihrer Machtsphäre, auf eine Schwächung oder Zerstückelung der Türkei; sie wollen in einem ohnmächtigen Judenstaat ein dankbares und darum gefälliges Werkzeug errichten, einen Vasallenstaat, dessen sie sich nach Belieben bedienen können. Nun aber stellt sich auch die englische Arbeiterpartei im Namen der Freiheit auf diesen Standpunkt. Sie versendet eine Denkschrift, die der Londoner Konferenz vorgelegt werden soll, die noch vor dem Stockholmer Kongreß, am 21. August, zu tagen bestimmt ist. In dieser Denkschrift wird die Forderung erhoben: „Die Konferenz will gleiche Rechte für die Juden aller Länder und hofft auf eine nationale Regelung, durch die Palästina von der türkischen Unterdrückung befreit und ein freier jüdischer Staat werden wird." So froh wir auch den ersten Teil dieses Satzes begrüßen und eine Erwirkung gleicher Rechte für die Juden aller Länder von ganzem Herzen ersehnen, so entschieden müssen wir uns gegen den jüdischen Staat in Palästina erklären. Wirw ollen k e i nen jü d ische n S t a a t. Orokellar Sr. Lsssrus. Gest. i. August 1917. er Verstorbene war am 6. April 1847 zu Neüsalz a. O. als Sohn des Kaufmanns Löbel Lazarus und seiner Frau Emilie geb. Freund geboren. Nach dem frühzeitigen Tod der Mutter wurde er im Hause des Rabbiners Dr. Freund in Görlitz, seines Onkels, erzogen. Er hat diesem und seiner Gattin zeitlebens dankbare Zuneigung bewahrt. Er besuchte das Görlitzer Gymnasium und studierte später Medizin auf der Universität in Breslau und Berlin, Nach Beendigung seines Studiums brach der Krieg 1870 aus. Er stellte sich als freiwilliger Arzt zur Verfügung, machte den Feldzug mit und zeichnete sich später noch durch die Leitung des Ruhrhospitals auf dem Tempelhofer Felde aus. Im Jahre 1874 trat er als Assistent Ludwig Traubes in das Jüdische Krankenhaus ein und wurde 1880 als Nachfolger Heinrich Jacobsohns leitender Arzt der inneren Abteilung, der er bis zum Jahre 1910 Vorstand. Lazarus' wissenschaftliche Arbeiten betreffen hauptsächlich die Krankheiten der Atmungsorgane., Namentlich die Frage der Wirkung des Luftdruckes auf die Ätmungsyrgane und der Beeinflussung der Krankheiten des Kehlkopfes und der Lunge durch arzneiliche Einatmungen. Angeregt zu diesen Studien wurde er durch das von Traube im Jüdischen Krankenhaus eingerichtete pneumatische Kabinett, dessen . Leitung er nach Traubes Tode übernahm. Auf ihn ist auch die Einrichtung der Politik für innere und Hals- und Nasenkrankheiten zurückzusühren. Lebhaftesten Anteil hat er bei der Errichtung der Krankenpslegerinnenschule im Jüdischen Krankenhaus genommen. Er hat auch ein „Handbuch der Krankenpflege" geschrieben. Auch die Fürsorge für Lungenkranke hat ihn lebhaft beschäf- . tigt. Seit 1911 war er Stadtverordneter und vertrat seit sechs Jahren den achten Wahlkreis der ersten Abteilung. Er war in kinderloser, sehr glücklicher Ehe verheiratet mit der Tochter Hedwig des Fabrikanten Löwe aus Mannheim. Die 1884 geschlossene Ehe wurde 1907 durch den Tod der Frau gelöst. Bei Ausbruch des gegenwärtigen Krieges stellte er sich dem Sanitätsamt zur Verfügung und wurde in verschiedenen militärärztlichen Tätigkeiten verwandt, zuletzt leitete er als Oberstabsarzt /das Reservelazarett Brauerei Happoldt. R. M. Komain KoilaiM. Von L u d w i g Geige r. ■ n ' em ersten Band ist Anfang 1917 der zweite des außerordentlich merkwürdigen Buches gefolgt"). — Ich halte diesen zweiten Band sür unendlich bedeutender; er ist außerdem für uns Deutsche weit wohltuender als der erste. Das Romanhafte tritt freilich in diesem neuen Bande fast noch mehr zurück'als in dem ersten. Die Schicksale nämlich, von denen in den 562 enggedruckten Seiten berichtet wird, lassen sich in wenigen Zeilen wiedergeben. Christoph Kraft geht nach Paris, muß sich dort furchtbar quälen, setzt sich aber endlich durch. Er lebt jahrelang in der französischen Hauptstadt, nur am Schlüsse des Büches geht er auf einige Stunden nach Deutschland zurück, um seine h Vgl. Jahrgang 1915 dieser Zeitschrift Nr. 18, S. 202 und 203. 2) Romain Rolland: „Johann Christoph in Paris." RoMan. 4. bis 6. Tausend. 1917. Literarische Anstalt Rütten u. Leerung, Frankfurt a. M. Geheftet 7 Mark, in Leinen 8,50 Mark, in Leder 12 Mark. Prof. Dr. Lazarus.

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