Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- Seite 388 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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uns festhält, ein GleickMwicht in der Stimmung wie im Willen. Das häufigste Wort, das für dieses Beständige gebraucht wird, ist das vom Durchhalten. Wir verstehen es richtig erst, wenn wir den starken moralischen Ton auch vernehmen, der darin liegt. Wir können für eine Sache kämpfen und durchhalten nur. wenn wir an sie glauben, wenn wir dessen gewiß sind, daß sie die gute, die gerechte Sache ist. Menschliches Tun und menschliches Glauben -drängen innerlich zueinander hin: wir können auf die Dauer allein an das glauben, was wir selber tun, und wir können auf die Dauer allein das tun, woran wir glauben. Erst wenn wir Jahr um Jahr, trotz allem, Gerechtigkeit, Geradheit, Treue, Wahrhaftigkeit geübt haben, so daß sie ein Teil unseres Wesens, ein Inhalt unseres Lebens aeworden sind, erst dann alauben wir stark und innig an .sie. Und unsere Tat bat sich ihnen zuaewendet, nur weil der . Glaube an ße in uns bineinaesenkt worden war. So lebendig ist in sedem Menschen das Bedürfnis nach dieser Einheit des Handelns und der llebcrzeuguna, daß er sie selbst nackträalich schaffen, will: er sucht die Recktsertiguna. an die er sich und andere alauben machen möchte. S^iit für das Gute und Rechte wollen sich die Menschen aus die Länge der Zeit einießen, und nur wenn es das wahrhaft Gerechte ist. können sie auf die Dauer, auch in Sorge und Rot. vor sich selber bestehen und stark bleiben. Wir können durchhalten, nur wenn das Bewußtsein von der Gerechtigkeit nie verloren wird. Es ist früher oft gesagt worden, daß Macht vor Recht aebe, oder wie das Wort des römischen Dichters bald spottend, halb ernst sagte: ,,Tie siegreiche Sache gefiel den Göttern." Die Geschichte kann auch davon erzählen, zwar nicht in ihren Ergebnissen. aber in ihren Vorkommnissen. Die Schwachen beugen sich der Macht, auch innerlich, und wenden sich so ihr zu und alauben an sie: sie erscheint ihnen als das Entscheidende, als das Weaweisende. Der Erfolg übertönt das Recht und wird schließlich als -das Reckt angesprochen - „nichts ist so erfolgreich wie der Erfolg". Wenn es häufig so gelungen ist, so doch immer nur dem raschen und starken, dem betäubenden Erfolg, der am Ziele stand, ehe er zum Nachdenken zwang. Unter der Macht des Erlebnisses blieben dann die Fragen ungedacht und ungefprochen. Wo aber der weite Weg durch die langsame Zeit mit ihren Gefahren und Muhen durchschritten werden muß, dort tritt die Frage hervor, und sie verlangt ihre Antwort, sie fordert den Beweis des Rechts, sie heischt die Ueberzeugung, die ihr die Kraft gibt. Der Materialismus, der das moralische Bedürfnis, das im Menschen liegt, gering schätzt, kann wohl Erfolge gewinnen, aber er vermag nicht durch schweres Ringen zur siegenden Entscheidung zu führen. Dem langen Kampfe sind Menschen gewachsen nur kraft dessen, daß sie an ihn glauben dürfen. Ten Weg durch das „ich will", „ich soll", „ich muß" zu kommenden Tagen hin, dieses Durchhalten können wir nur dann bestehen, wenn wir es wissen, daß um des Rechtes willen das alles geschieht. Drei Jahre hindurch predigt >uns nun der Krieg von dem Erlebnis, von der Erwartung und von der Bewährung, und wir Menschen haben gesucht zu vernehmen und zu antworten. Alle Predigt, die wir halten können, ist ja nur ein Ringen um das oder mit dem, was die Wirklichkeit zu uns spricht. Sie hat nicht immer dasselbe gesprochen, aber ein Satz klang immer darin, immer gleich und immer stark: „Gerechtigkeit erhöhet ein . Volk." * Ueber die Juden in der nun fast völlig befreiten Bukowina schreibt die. „Frankfurter Zeitung": Kommt man von Rumänien her, etwa von Jassy, so fällt einem zunächst eines auf: die Juden gehaben sich ganz anders als im .Bojarenlande, wo sie.scheu «nd gedrückt das „Auge des Herrn" vermeiden. Auf dem Perron des Bahnhofs wandeln sie in eifrigem Gespräch, stattliche Gestalten in aufrechter Haltung. Der. Bürger grüßt sie, sie grüßen den Bürger. Auch nichts fron der geschäftigen Unterwürfigkeit, wie sie uns in Lemberg ins Auge , fällt. Das ist weder der rechtlose Paria des Rumänen noch der betriebsame Faktor des Schlachzizen. Das W ein Mensch eigenen Rechtes.und eigener Würde. Besaßt man sich etwas mit der politischen und sozialen Geschichte des Landes, so kommt man auch auf die Lösung des Rätsels. Die Juden der Bukowina sind gewissermaßen Autochthonen, so lange im.Lande fast wie die Huzulen und Rumänen, länger jedenfalls als die nachgesiedelten Deutschen, und sie waren wie diese Ackerbauer, Handwerker. Jetzt bilden sie auch eine eigne „Ration" neben den Rumänen, Ruthenen und Deutschen. Sie sind deutschsprachig, wie denn überhaupt die Amtssprache in der Bukowina auch dank den Juden deutsch ist, aber sie haben ihren eigenen jüdischen Landtagsklub und betonen, obgleich den Deutschen politisch zugezählt, stark ihre eigene, jüdische Nationalität. Sie haben ihren „Ausgleich" mit diesen Nationalitäten zustande gebracht, der ihnen ihre eigene politische Vertretung sichert und nationale Kämpfe verhütet: ein Vorbild für Gesamt-OMerreich. Und sie haben ihren Stolz. Nie wird ein Bukowinaer Jude seine Heimat verleugnen, wie mall es bei dem galizifchen, wenn er erst die Landestracht abgelegt hat, erleben kann. Wer über all das, und noch einiges mehr, sich informieren will, möge das jetzt im Verlage von R. Löwit in Men erschienene Büchlein „Die Juden in der B u k o w i n a" von Dr. Saloman K a ß n e r lesen. Er wird die Stunde, die er auf die Lektüre dieses sorgfältig geschriebenen, auf gründlichen Studien beruhenden Buches verwenden muß. nicht bereuen. Er wird dann das interessante Land, das nun hoffentlich endgültig von den „Moskalen" befreit ist, er wird auch die Träger der westlichen Kultur im Osten, die freien, selbstbewußten Juden der Bukowina 'besser verstehen rrnd ihnerl weitere glückliche Zeiten der stiolzen Selbstbehauptung wünschen. * Daß es den Juden in Rußland trotz ihrer gesetzlich vollzogenen Befreiung nickt aut gebt, daß unter ihnen Pogromfurcht besteht und daß bei vielen Parteien die Lust vorhanden ist, die Juden zu Opfern auszuwäblen. ist oft genug in diesen Uebersichten dargelegt worden. Zu diesem bedauernswerten Zustand gesellt sich nun auch die Not. Wir lesen im „Berliner Börsen-Courier": Die schwierige Lage de r russischen Juden. Bern, 9. August. Die Pariser Ausgabe des „Nelv Bork Herald" meldet aus Petersburg, mtet den russischen Juden herrsche großes Elend. Die Juden hätten zwar durch die Revolution die Freiheit erlangt, aber es fehle ihnen an den notwendigsten Barmitteln, um sich den dringendsten Lebensunterhalt zu verschaffen. Man werde sich wahrscheinlich an amerikanische Bankiers wenden. um 12 Millionen Rubel zur Bekämpfung der schlieren Not zu erhalten. * Auck die Lage der in En gland lebenden russischen Juden ist nichts weniger als angenehm. Zu deren Kennzeichnung mag folgender Bericht der „Schlesischen Zeitung" dienen, den wir hier, trotz seines gehässigen Tones, namentlich am Schlüsse, mitteilen, weil er die Stimmung vieler englischen Kreise widergibt. Er lautet: Die russischen Juden in London. Bezüglich der zu vielen Tausenden im östlichen London ansässigen russischen Juden sind — wie schon bekannt — die russische und die englische Regierung übereingekommen, daß diese Leute, soweit sic sich im wehrpflichtigen Alter befinden, zum Heeresdienst entweder in England oder in Rußland herangezogen werden sollten. Aber dm einzige, wofür die Londoner russischen Juden gern kämpfen, isl gerade das Nichtdienen, und mit sichtlichem Verdruß erzäblen die „Times" in einem „Die Taktik der russischen Juden in London' i'lberschriebenen Bericht: „Diese Leute, die während des Krieges gute Geschäfte gemacht haben, wollen nicht kämpfen, und lebhaft wider setzen sie sich jedem Versuch, die Vereinbarung (d. h. die eingangs erwähnte) durchzuführen. In der Hoffnung, sich damit einen Auf schub zu sichern, erklären sie sich jetzt bereit, mit ihren Familien nach Rußland zurückzukehren. In Wirklichkeit wünschen sie das gar nicht, aber sie scheinen zu glauben, daß die Schiffahrtsschwierigkeiten. dic Negierung verhindern werden, eine solche Massenrücksiedlung zu bewirken. In einer vom Schutzkomitee der ausländischen Juden