Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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den die einzelnen dabei einstreichen, mißgönnen wir ihnen keineswegs. Aber es soll doch nicht übersehen werden, daß die Juden — bis auf wenige Ausnahmen — durch den Krieg schwerste Einbuße erlitten, vielfach verarmt sind, daß dagegen der Wohlstand der Landwirte sich ungewöhnlich gehoben hat. Für die Früchte desselben Baumes, desselben Gartens, für die Molkereierzeugnisse desselben Stalls, für die Ernte desselben, allerdings unter viel größeren Schwierigkeiten bebauten Ackers erhalten sie geaen die Friedenszeit ins Vielfache gesteigerte Preise. Das ist gewiß zumeist ein natürlicher, duxch die Verhältnisse ihnen zuwachsender, einwandfreier Gewinn. Wenn aber nach den Urhebern der künstlichen Lebensmittelverteuerung gefahndet wird, so wird man auf einen Juden, den die alldeutschen und antisemitischen Blatter bei ruheloser Jagd auf jüdische Angeklagte in irgendeinem ungarischen Städtchen -auftreiben, ein Schock nichtsüdischer Verurteilte Nachweisen können. Wir haben, im Unterschiede zur antisemitischen Presse, noch keinen einzigen genannt — unser Material, ist. wie wir oft betont haben, eine Abwehr- und keine Angrifsswaffe, aber wir werden zu' dieser Abwehr auch vollauf gerüstet sein, wenn man sie uns aufnötigt. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Landwirtschaft im Dämmer ihrer abgelegenen Dörfer sich betätigt, wohin die Scheinwerfer der Ueberwachung nur schwer dringen, während die Kausleute in den Städten unter der scharfen Ueberwachung der Behörden und der noch viel wachsameren Mißgunst leben. Wenn aber das „Vauernblatt" sich zu der Verleumdung versteigert, daß „prozentual der Jude am wenigsten Opfer an Gut und Blut gebracht bat", so wäre dagegen aus die Tausende im Felde gefallener Juden hinzuweisen, wenn eine solche Beschuldigung überhaupt der Beachtung gewürdigt werden könnte. * - Ein Antisemit im Deutsckren Reichstag hatte sich einmal die rhetorische ^rage gestattet: „Zeigen Sie mir doch einmal einen jüdischen Flieger," Darauf antworteten die K. E.-Blätter mit einer Zusammenstellung von nicht weniger' als fünfzig jüdischen Fliegern. von denen viele gefallen, manche, beinahe ein Dutzend. Inhaber des Eisernen Kreuzes erster Klaffe sind. In dieser Aneinanderreihung, die auf Vollständiakeit verzichtet, wird zugleich mitaeteilt. Haß es 125 jüdische Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasse gibt, von denen dem Herausgeber jenes Blattes eine Liste vorliegt. Diese Zahl ist deswegen außerordentlich hoch zu nennen, weil Juden es äußerst selten höher als bis zum einfachen Leutnant bringen. * In Deutschland hört leider der An>tis e m i t i s m u s nicht auf. Zeugnis dafür bietet folgende Mitteilung aus Würzburg: „Geheimer Nnt Professor Dr. Ernst Maver liest deutsches Recht und sagt gelegentlich der Erörterung der rechtlichen Lage der Juden im Mittelaster: ..Die Juden, welche auch jetzt im Begriff waren, uns die Kehle zuzuschnüren". Man wandte sich persönlich an den Rektor der Universität, Professor Dr. Schmidt, durch den dem Beschwerdeführer folgendes eröffnet wurde. „Das Rektorat als solches hat mit der Angelegenheit amtlich nichts zu hm. Jur Vermeidung eines Skandals bat der Rektor lediglich versucht, die Sache in Güte zu ordnen. Professor Mäher sieht sich zu einer Erklärung dem Beschwerdeführer gegenüber'nicht veranlaßt. Er hat nur an den Rektor einen Brief gerichtet und ihn ermächtigt, dem Beschwerdeführer dessen Inhalt bekanntzugeben. Danach bestreitet Professor Maver die Aeußerung nicht, erklärt jedoch, dieselbe sei in einem Zusammenhänge gefallen, der jede beleidigende Absicht ausschließe.- Er habe nämlich den Standpunkt vertreten, daß die Juden von jeher durch das ganze Mittelalter him dnrch in schroffstem Gegensatz zum. Germanentum gestanden hätten, was sich bis zum heutigen Tage erhalten habe. Beweis dafür sei der Abfall Italiens, das Eingreifen Amerikas gegen Deutschland; beides sei auf jüdischen Einfluß zurückzusühren. Es müsse jedoch zugegeben werden, daß die übergroße Mehrzahl der deutschen Juden sich Mühe gibt, diesen allgemeinen Zug ihrer Rasse zu überwinden und redlich für das deutsche Volk, das. sie ausgenommen hat, einzustehen". Gegen solche Darlegungen muß aufs, entschiedenste Verwahrung eingelegt werden. Es ist nicht genug zu entgegnen. wie die „Korrespondenz des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" es tut: Kein noch so scharfes, noch so zorniges Wort kann den Herrn Professor treffender kennzeichnen, als er .es selbst in jenen Ausführungen tat. Man muß vielmehr dem Universitätslehrer nachdrücklichste entgegnen, daß er durch seine Behauptungen über Italien und Amerika, ebenso wie durch seine Angaben über die Juden in Deutschland während des Mittelalters, die Geschichte gefälscht hat. In Italien haben die Juden niemals eine solche . Rolle gespielt, daß sie fähig gewesen wären, in die Politik bestimmend einzugreifen, in Amerika waren die Juden, solange es möglich war, -das deutschfreündliche Element. Was aber Deutschland betrifft, so weiß ein jeder, daß während des Mittelalters die Juden rechtlos waren und von jeder Teilnahme am deutschen Kulturleben gewaltsam zurückgedrängt wurden, daß sie es trotzdem nie daran fehlen ließen. Deutsch zu lernen, sich deutsches Wesen anzueignen, daß sie, aus Deutschland vertrieben, deutsche Art und deutsche Sprache nach dem Osten retteten und dort durch Jahrhunderte wahrten, und daß sie, sobald sie nur einen Hauch der der Freiheit in Deutschland spürten, wohin sie immer wieder zurückzukehren versuchten, sich eifrig und erfolgreich bemühten, deutsche Sitte anzunehmen und Mitkämpfer deutscher Aufklärung zu werden. Es ist wahrhaft herzzerreißend, in einer Zeit, in der deutsche . Juden mit ihren christlichen Mitbürgern leiden und bluten, einem deutschen Universitätslehrer solche Dinge sagen zu müssen, die jeder Schulknabe wissen müßte. Wie deutsche Juden dachten und denken, könnte der Herr Professor aus den vielen Jahrgängen dieser Zeitschrift lernen: ist er der Belehrung fähig, so mag er sie aus dem nachfolgenden Bericht des Feldrabbiners Dr. B a e ck entnehmen, den wir dem „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnehmen. Der treffliche Geistliche, der seit Kriegsbeginn in vorbildlicher Treue seines Amtes waltet und der. wenn einer, in schönster Harmonie deutsches und jüdisches Wesen zu verbinden weiß, schreibt: -Den 18. Juli 1917. Im vergangenen Monat fand die gewohnte Reihe der Gottesdienste statt, und die Worte, die in ihnen gesprochen worden, waren durch den Gedanken bestimmt, daß nun auch ein drittes Kriegsjahr sich vollende? Ein lanaes Menschenalter hindurch war der Krieg für uns ein bloßes Wort gewesen, ein Wort aus der Ferne oder aus der Vergangenheit. . So istes begreiflich, daß er erst allmählich für uns ganze Wirklichkeit geworden ist. Nun ist er es geworden: durch drei Jahre hat unser Körper ihn bestehen, unsere Seele sich mit ihm auseinandersetzen müssen. Zuerst war er ein Ereignis gewesen; er war etwas, was uns ganz erfüllte, uns ganz gefangen nahm, äußerlich und noch weit mehr innerlich, so daß wir in ihm atmeten und lebten. Das Außerordentliche war in unser Dasein eingetreten; wir fühlten uns nicht gezwungen, sondern nur geführt, wir fühlten uns als die, welche mitzogen in dem „gleichen Schritt und Tritt". Ans dem Ereignis ist dann die bestimmende Forderung geworden und dann nach und nach das Geschick. Die Geschehnisse wurden seltener, und an die Stelle des Zieles, zu dem man hindringen wollte, kam das stetige, gleiche Gebot, das immer nur denselben Platz zeigte. Das Bewußtsein des Freien und Freiwilligen mußte zurückweichen, und um so mehr wurde das Bezwingende, Bannende empfunden. Das Zeichen der Zeit war nicht mehr das Gehen, sondern das Standhalten, das Bleiben. Aus dem Ereignis ist so das Schicksal geworden. „Ich will", „ich soll", „ich muß", in dem Wechsel-dieser drei Worte ist der Gang . der drei Jahre des Krieges bezeichnet. Das erste Jahr war das des Erlebens, das zweite das der Erwartung, das dritte das des Bestehens. Aber dieser Wechsel der Tage und der Empfindungen mit der Ebbe und Flut, die er-brachte, verlangte doch auch etwas, was