Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 33 (17.8.1917)
- Date
- 1917-08-17
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229319--73331-3285807- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
entsprechend, mehr zu dem gebildeten Frankreich Hinneigen mutzte als zu dem gebildet sein wollenden „offiziellen" Deutschland. In Wirklichkeit wird Heine nirgend so wenig verstanden wie in Frankreich, und nirgend wird er so hoch verehrt und so glühend geliebt wie in Deutschland. Daran wird auch der „Hammer" des Deutschmahners Theodor Fritsch nichts ändern. Denn Heine hat uns Wahrheiten gesägt, die zwar furchtbar hart, ungerecht und bitter Klugen, die aber dennoch — Wahrheiten sind. Und er hat uns mit Schätzen überschüttet, die nicht zum „Schlechtesten" gehören, was Literatur und Kunst je hcrvorgebracht haben und je Hervorbringen können. Er hat eben nicht bloß kritisiert und zertrümmert, sondern auch ernst nachgedacht und aufgebaut. Heines „Blich der Lieder" ist wirklich kein orientalisches Psalmbuch, sondern ein innig deutsches Liebeslied. Wer uns von Liebe redet und singt, der ist nicht unser Feind, der ist unser Freund! Hütet euch vor den Freunden, die immer nur I — a und Amen zu euch sagen — wahrlich, da ist mir der Feind noch lieber; denn „Teuer ist mir der Freund, doch auch den Feind kann ich nützen — Zeigt mir der Freund, was ich kann, lehrt mich der Feind, was ich soll" sagt Friedrich Schiller in den „Votivtafeln". Als „Mischling", „Fremdling", „Dekadent", „Leidender" fühlte und sah Heine schärfer als andere, was uns fehlt und was uns entstellt. Man soll sich doch vergegenwärtigen, in lvelcher Zeit er gelebt und geschaffen hat. Damals -war Deutschland im Innern geradezu hündisch geknechtet, und so wetterte er gegen den Polizei- und Bureankratenkuüppel. Datz er trotz Abstammung und Neigung der Seele ein besserer Deutscher war als Hunderttausende unserer Bier- und Tabakdeutschen, wird unwiderleglich bewiesen durch die Handhabuna der deutschen Sprache. Selten hat ein Dichter unserer Sprache so sütze Töne entlockt als Heinrich Heine in dem Liede „Du bist wie eine Blume". Wilhelm Schwaner spricht noch mehr zum Lobe Heinrich Heines sund gleichzeitig auch Friedrich Nietzsches). Das mag man in seinem Blatte selber Nachlesen. Aber das Gesagte mag genügen, um zu zeigen, daß man auch dem „jüdischen" Dichter Heine gerecht werden kann, wenn man sich nur bemüht, ihur —- gerecht zu werden. Und „W a h r h e i t und Gerechtigkeit", das müssen die Losungsworte im Banner derjenigen sein, die für Frieden und Dreiheit nach innen wie nach außen eintreten wollen. Ter Treiheitshacich, der kräftig durch die Lande weht, mutz zum Sturm werden, der die alten Zöpfe des Vorurteils (welche nicht einmal die Chinesen mehr tragen wollen) abreißt und die morschen, faulen Stämme umstürzt, welche die „Teufelswerke" des Klassen-, Rassen- und Massenhasses bisher getragen haben. Unter diesem Zeichen werden wir siegen, und dann — wird auch wieder der süße, goldene Friede bei uns einkehren. Aber ein ewiger Friede, eine dauernde Versöhnung der Völker werden nur dann kommen, wenn gleichzeitig der — Krieg erklärt wird, der Krieg gegen das, was letzten Endes' all das jetzige Unheil verschuldet hat, der Krieg gegen die Phrase. Solange man den Demagogen nicht Zügel anlegen wird, die in Zeitungen, Volksversammlungen und Parlamenten mit ihren hohlen Phrasen sich selbst und die anderen betäuben und aufreizend und aufwiegelnd neue Gluten in den kaum erbauten.Friedenstempel zu schleudern drohen, -wird der Friede keinen Bestand haben. Im Namen der Religion hat man im Mittelalter schreckliche Verfolgungen und furchtbare Volkskriege in Szene gesetzt, an ihre Stelle ist in unserem aufgeklärten Zeitalter die Phrase getreten. Um sie zu „befreien", drangsaliert, knebelt und knechtet man kleine Nationen, und um den Völkern die Zivilisation zu bringen und sie den Segen der Humanität zu lehren, verübt man an ihnen die entsetzlichsten Greuel. Nicht die Phrase kann die Völker beglücken, und das erste Recht, das sie für sich verlangen, ist das Recht auf ruhige Arbeit und friedliche Entwicklung. Alle, alle wollen sie den Frieden, aber einen Frieden „sans phrases", den keine Helden der „Redensarten" mehr zu stören und zu brechen vermögen. Me Woche. Berlin, -den 14. August. pit neuem tobt eine ungeheuere S ch l a ch t i m W e st e n. Nach den Berichten unserer Heeresleitung leistennrnsere unerschütterlichen Truppen heldenmäßigen Widerstand, so daß von einem Durchbruch der Engländer in keiner Weise die Rede sein kann. Im Osten schreiten unsere Truppen langsam siegreich vorwärts, aber die Russen, deren Kampflust und Widerstandsfähigkeit man hundertmal totgesagt hat, sammeln sich immer von neuem, verteidigen aufs heißeste jeden Fußbreit Landes, und sie scheinen ebensowenig wie irgendein anderer unserer Feinde zur Nachgiebigkeit bereit. Sie alle wollen unsere Unterwerfung, ja Vernichtung. Selbst die Sozialisten der meisten Länder, die laut erklären, auf Annexionen und Entschädigungen zu verzichten, verlangen als selbstverständlich die Wiederherstellung Belgiens und Serbiens, die Zurückgabe von Elsaß-Lothringen: sie wollen, unter dem Vorgeben, Deutschland zu einem demokratischen Lande zu machen, es aus der Reihe der bestimmenden Weltmächte ausstreichen. So muß dieser ungeheure Krieg, der von uns nicht gewollt war, und zu dessen Beendigung wir uns wiederholt bereit erllärten, weitergehen. Denn mit unserer Ehre verträgt es sich nicht, in erniedrigende Bedingungen einzugehen. Deutschland muß weiterkämpsen um seinen Bestand; unser Sehnen geht dahin, daß es diesen Riesenkrieg glücklich und glorreich beende. Der „Korrespondenz des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" entnehmen wir folgenden Artikel: u e b e r angeblichen jüdischen K r i e g s w u ck e r wird immer dreister gefabelt, je mehr man das Bedürfnis fühlt, die lauten Klagen über agrarischen Lebensmittelwucher zu überschreien. Es soll keineswegs geleugnet werden, daß unter denen, die sich von unserer Lebensmittelnot mästen, auch Juden zu finden sind. Wo irgend sie bei diesem elenden Gewerbe erwischt werden, mögen sie nach Gebühr hart bestraft werden — unter dem freudigen Beifall aller deutschen Juden, die unter den allgemeinen Uebelständen mit am schwersten leiden. Wenn aber zum Beispiel das „Bayrische Bauernblatt" in seiner Nummer vom 19. Juni d. I. von „iüdiscken Getreide-, Malz- und Pserdeschiebern" spricht, so tut es dies wieder besseres Wissen, denn es kann ihm nicht unbekannt sein, daß unter den bayrischen Malzschiebern auch nicht ein Jude zu finden ist. Wenn das „Bauernblatt" zur Aufrüttlung des niedrigsten Neides in seinem lieblichen Stil weiter klagt, „daß die Juden schon vor dem Krieg das meiste Geld hatten und nach dem Kriege wohl noch mehr haben werden", so ist dem gegenüber die Jaage erlaubt, seit wann denn der Besitz eine Schande ist? Weitaus der größte Teil der Juden seufzt unter bitterer Armut und Not. aber auch die vermögendsten sind entfernt nickt so reich wie die christlichen Großgrundbesitzer und Großindustriellen. Sie alle haben denn auch am Kriege unendlich viel mehr verdient als die paar Dntzend Juden, die efttm auch an Kriegslieferungen beteiligt waren, Mit dem Lebensmittelhandel ist sicherlich kaum ein Prozent der deutschen Juden befaßt, dagegen sind mit ihm naturgemäß ausnahmslos alle Landwirte verbunden. Wir sind weit davon entfernt zu verkennen, wie mancherlei Schwierigkeiten die Landwirtschaft in der Kriegszeit zu überwinden hat, weit davon entfernt zu übersehen, wie große Verdienste sich die Landwirtschaft um die Allgemeinheit erworben hat. Auch den größten Verdienst,