Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229318--73327-3285802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 Armenwesen nuirbc abMlehnt. Zu einer lebhaften, teilweise sehr erregten Debatte kommt es beim nächsten Punkt der Tagesordnung: „Antrag des Gemeindevorstandes aus Bewilligung eines Beitrages für die Freistellung von Mehl für die Miazzothversorgnng 1917". Der Vorsitzende ist erstaunt über den Antrag des Vorstandes, denn nach § 11 der Verfassung der Gemeinde ist die Versorgung mit Mazzoth ausdrücklich Sache des Synagogeuverbandes und hat die Gemeinde als solche nichts mit der ganzen Angelegenheit zu tun. Herr A l b e r t Wolfs ist derselben Ansicht wie der Vorsitzende und findet es eigentümlich, daß der Gemeindevorstand sich in. die inneren rituellen Angelegenheiten der Verbände einmische. Herr L i s s e r ist der Ansicht, daß, wenn das Repräsentantenkollegium jetzt einen Beitrag für die Mazzoth gewähre, dann fei der Shnag.ogenverb.and verpflichtet, jedem Gemeindmitglied ohne Rücksicht auf die religiöse Gesinnung Mazzoth zll liefern. Im übrigen möchte er an den Vorstand des Shnagogenverbandes das Ersuchen richten, bei der Lieferung von Mazzoth in Zukunft e b e n s o l i b e r a l zu verfahren w i e in B e r - l i n und nichtdenBez u g v o n M a z z o t h v o n d. e r F ü h r u n g eines rituellen Hausstandes abh än gi g zu ma chen. Herr L i p P m a n n wieist noch darauf hin, daß nach 8 11 der Gemeinde- Verfassung der S h n a g o ge n v e r b a n d verpflichtet sei, jedes Gemeindemitglied mit Mazzoth zu versorgen. Das Vorgehen des Synagogenverbandes bei der letzten Verteilung von Mazzoth, den Bezug derselben von dem Nachweis der Führung eines rituellen Hausstandes abhängig zu machen, habe bei einer großem Anzahl von Gemeindemitgliedern eine große Erregung h e r v o r g e r n se n und sei auch bis he r in keiner anderen Ge m e i n d e gebräuchlich gewesen. Auf eine Anfrage bei der Zentrale für Beschaffung der rituellen Lebensmittel in Frankfurt a. M. sei ihm die Antwort zuteil geworden, daß diese Anordnung o h n c i h r Wissen und ihre Einwilligung g e s ch e h e n sei. Herr Albert Wolfs teilt mit, daß das Verfahren bei der Verteilung von Mazzoth auf Anordnung der hiesigen Behörde geschehen sei, die stets auf die religiösen Bedürfnisse der Inden Rücksicht genommen habe. Er sei der Ansicht, wer keinen rituellen Hausstand habe, dem sei es aueh kein religiöses Bedürfnis, Mazzoth zu essen. (Widerspruch). Herr Kimmelstiel betont, daß es ihm wohl ein religiöses Bedürfnis sei, das Passabfest zu feiern und Mazzoth zu essen, wenn er auchkeinen rituellen Hausstand habe, und gleich ihm denken Hunderte von Gemeindemitgliedern, fü r der en r e li gi ö se s Bedürfnis gesorgt werden müsse. Das Ergebnis der Debatte, an der sich noch eine Reihe anderer Herren beteiliat, ergibt die A b l e b n n r» q des Antrages des G e m e i n d e v o r st a n d e s. G (ei ch - zeitig wird aber beschlossen, den G e m e indevo r sta n d bar-auf aufmerks am zu machen, daß der Synagogenverband seinen gemäß § 11 der Verfassung übernommenen Ve r p f l i chtu n go n be t r e ff s der Versorgung mit M«a zzoth nicht n a ch g e k o m in e n i st. D e r Gern e i n d e v o r st a n d wird ersucht, Mittel und W e g e z u f i nde n , um derartigen Vorkommnissen f ü r d ie Z u - k u n f t v o r z u b e u g e n. §2 Pirmasens, 3. August. Die noch dunkle Ermordung des Kaufmanns Löwenthal aus Berlin scheint sich jetzt aufzuklären, und zwar durch eigene Unvorsichtigkeit der unter dem Verdacht der Täterschaft Verhafteten, Vater und Sohn Gebhardt. Rach einem Telegramm aus Pirmasens wurde ein Kassiber gesunden, in dem der innge Gebhardt seinen Vater nach dem Versteck der 40 000 Mark fragte. Ferner wurde ein Stück Leder in der Fabrik Gebhardts gefunden, an dem Menschenblwt klebte, das wahrscheinlich von Löwenthals Leiche stammt. Die Leiche ist immer noch nicht gefunden worden. Bruchsal, 3. August. Mit militärischen Ehren wurde jungst auf dem hiesigen jüdischen Friedhof der 42jährige Feldwebel und Führer einer Gefangenenkompagnie in Mannheim Simon V a e r zu Grabe getragen. Welch großer Beliebtheit sieb der Verstorbene erfreute, geht daraus hervor, daß Generalmajor Röhr ich eigens von Mannheim nach Bruchsal kam und für sich und sein Offizierskorps je einen Kranz mit warmen Worten der Anerkennung für den Verstorbenen niederlegte. Herr Rabbiner Dr. Gr zh misch gab nach einer tiefempfundenen Trauerrede Kenntnis von einem bei ihm von Oberst Stoker vom Mannheimer Gefangenenlager eingelaufenen Brief, in dem dieser Herr seinem' lebhaften Bedauern Ansdruck gab, daß es ihm sein Gesundheitszustand nicht erlaube, an der Beerdigung teilnehmen zll können, um die Verdienste des Feldwebels Baer selbst in einem Nachrufe hervorzuheben. Wenn das Mannheimer Lager, das ursprünglich nur für fünfhundert Gefangene gedacht war, aber in kurzer Zeit über 5000 beherbergte, mustergültig wurde, so sei das in erster Linie auf den unermüdlichen Fleiß, den Pflichteifer und das Organisationstalent des Feldwebels Vacr zurückzu führen . — GailLrrgen, 3. August. Am 11. d. M. fmtn das hiesige Israelitische Krankenhaus auf sein 25jähriges Bestehen zurückblicken. Obgleich aus bescheidenen finanziellen Verhältnissen hervorgeheud, wurde es für viele Kranke eine Heilstätte, für Sieche eine Heimstätte. Es ist dies nicht zlnn wenigsten dem Verdienste des seit Gründung des Krankenhauses dort tätigen, hochgeschätzten Arztes Herrn Dr. med. E. Heikbronn zu verdanken, der unermüdlich seine Kräfte in den Dienst der der Nächstenliebe gewidmeten Anstalt stellte. Es ist beabsichtigt, am Gründnngstage ein Fest in bescheidenem Rahmen abzuhalten. 'j » Kalen. er. Warschau. 3. August. Eine er n st e W a r n u n g vor der von zionistischer Seite anaeregten Volksabstimmung über die Bedeutung der indisch-nationalen bzw. des Palästinazieles der Zionisten für die Iudenbcit veröffentlicht die vier erscheinende ortbodorc Tageszeitllng „D a s j ü d i s ch e W o r t". In den letzten Jahren hat man Geleaenheit gehabt zu scheu, wie ganze Nationen sich durch unverantwortliche Straßenbelden haben hvvnotisieren lassen und dadurch in das grösste Unglück acraten sind. Diese Besiviele zeigen, daß man die Tätigkeit solcher leichtsinnigen Politiker in ihren Wirkungen nickst unterschätzen darf, daß aber die Juden sich in gleicher Weise nicht verführen lassen dürfen, sondern ernstlich prüfen müssen, ob in den Plänen der begeisterten Volksredner nicht eine ernste Gefabr sür das Judentum steckt. Eine solche aesährlicke Agitation ist zweifellos das Plebiszit, das die Zionisten jetzt oraanisieren. Welchen Nutzen es im besten Falle bringen kann, wissen dst Zionisten selber nickst. Es ist klar, das; es unermeßlichen Schaden herbeiführen kann. Das türkische Reich wird von mehreren hunderttausend Inden bewohnt: bis jetzt hat ihnen als einem lovalen Elemente die türkische Regierung wohlwollend gegenübergestanden. Wenn mau jetzt aber eine Bewegllng organisiert, die die Abtrennung eines Teiles des türkischen Reiches zum Ziele hat, so kann inan sich dstst Folgen leicht vorstellen. Einen solchen Schritt könnten höchstens die Inden in den Koalitionsländern mit dem Druck ihrer Neuerungen motivieren: für die polnischen Juden gilt eine derartige Ausrede nickst. Ferner ist zu bedenken, daß ein solcbes Vorgehen gegen die Türkei das Judentum in den Ruf einer historischen Undankbarkeit bringen würde, denn gerade die Türkei ist es gewesen, die dem Strom der ans Spanien und Portugal ansgewiesenen Juden ihre gastfreien Tore öffnete. Endlich wird noch darauf hingewiesen, daß dieses zionistische Plebiszit eine direkte Gefahr für die jüdischen Bürgerrechte in vielen anderen Ländern darstellt. „Wir leben in einer Zeit großer Ereignisse, und in solcher Zeit ist jeder unüberlegte Schritt besonders gefährlich." Von Kgh und Jfnu — Der vor einiger Zeit innerhalb der Repräsentantenversannnlung unserer Gemeinde infolge der Wahl eines bekannten freidenkenden Theologen zum Gemeinderabbiner ausgebrochene Konflikt har zu dem bedauerlichen Vorgänge geführt, das; sämtliche konservativen Mitglieder der Repräsentantenversammluna samt den Stellvertretern ihre Aemter niedergelegt haben. Alle von friedliebender Seite bisher unternommenen Versuche, die betreffenden Herren zu bewegen, die Erklärung ihrer Amtsniederlegung zurückzuziehen, haben gu keinem befriedigenden Ergebnis geführt. Die konservativen Repräsentanten beharren auf ihrem einmal gefassten Entschluß und scheiden mm endgültig aus dem Kollegium. — Am vergangenen Sonntag Predigte in der I ü d i s ch e n R e f o r m gemeinde zur Gedächtnisfeier des vor drei Jahren erfolgten Kriegsbeginns Herr Dr. Felix C o b l e n z. Er hob hervor, daß sich der jüdische Begriff der Anhänglichkeit an die göttlichen Gebote mit dem, deutschen des kategorischen Imperativs Kants decke und daß die sittliche Vertiefung, die das deutsche Volk aus diesem schrecklichsten aller Kriege gewinnen müsse, nicht nur dem jetzt lebenden, sondern auch den künftigen Geschlechtern zum Segen