Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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383 „Paula!" rufe ich ihr nach. „Ja, Tante." Sie steht schon wieder neben mir. „Sei vorsichtig. Mach' keine Dummheiten. Du kannst keinen Christen heiraten, solange Großmama lebt, du darfst es nicht." „Aber Tante, die Angst!" sagt sie wie erschreckt über meinen dringlich aufgeregten Ton. „Gerade, als ob er schon um mich angehalten hätte! Soweit sind wir noch lange nicht." Ich liege mit geschlossenen Augen da, und sie geht behutsam auf Zehenspitzen heraus. i* Wie ein Blick in eine andere Welt war es mir heute früh, als ich nach der durchwachten, durchgrämten Nacht Günthers wohlausgeschlafenes heiteres Gesicht sah. Hier war die graue Unruhe, die Sorge und Schlaflosigkeit gewesen; bei ihm Unbekümmertheit, Frohsinn und Sicherheit. „Wie ich mich freue, Tante Trude! Wie ich mich freue, daß Sie wieder gesund sind!" „Und Sie waren nicht böse," sage ich leise, gedehnt, „daß Sie gestern abend um 9 Uhr vor verschlossene Türen kamen, daß ich mich schon schlafen gelegt hatte, trotzdem Sie sich doch angemeldet hatten?" Es ist etwas in mir, was mich reizt, ihn herauszusordern und zu stechen. Sein unbekümmert frohes Lachen klingt Merkwürdig gegensetzlich in meine düstere Stimmung hinein. „Aber gar nicht," sagt er seelenvergnügt. „Die Tropfen haben Sie auch nicht genommen, wie ich sehe," er hebt das Medizinfläschchen im Vorbeigehen vom Nähtisch, das noch sein gefaltet Papierhütchen trägt. Er kichert lustig: „Recht so, Tante Trude. Den Arzt mit samt seiner Medizin verschlafen, das ist das Heilkräftigste, was ein Patient sich antun kann. Ich rate Ihnen das dringend für alle Zeiten: halten Sie sich so viel wie möglich von den Aerzten fern." Man muß mitlachen, so froh und munter ist er heute, aber mein Herz lacht nicht mit. „Na also, als Arzt habe ich hier nichts mehr zu tun," sagt er mit lustigem Spott. „Als Mensch darf ich mir so früh noch keine Besuche leisten. Zu schade, Tante Trude, daß der Feierabend nicht gleich mit dem frühen Morgen beginnt. Ich habe heute keine Lust zur Arbeit." Seine schnellen weitausschreitenden Schritte, mit denen er durch den Regen die Straße hinaufschreitet, sehen nicht wie Arbeitsunlust aus. Ich sehe ihm nach. Daß ich gesagt habe: „Ach, bleiben Sie doch noch!" hat er gottlob wohl nicht gehört. Wie etwas Wohlschmeckendes, wie einen süßen Trunk empfinde ich seine frische, belebende Nähe und graue mich vor der Bitterkeit, dem schwächenden Verschmachten hinterher. Der alte Jakob geht vorbei. Habe ich ihm zugewinkt? Vielleicht ich bin ja so allein, und er ist etwas Bekanntes aus der alten Zeit. Mit seinem langsamen Gang, in dem so viel Demut und Ergebenheit liegt, kommt er angeschlürft. „Kommen Sie herein, Herr Jakob. Ich habe Sie lange nicht gesehen. Wohin des Wegs in dem Regen? Gelt, das Wetter ist heut schauderhaft? So naßkalt." „Wie Gott schickt, is gutt", sagt er und stellt umständlich den triefenden Schirm in die Korridorecke. „Aber Schmutz bring' ich Ihnen mit, Fräulein Rehseld. Ich mecht schon besser hier draußen hleiben." „Nein, Herr Jakob, Sie müssen mit hereinkommen." Ich nötige ihn auf den Stuhl am Kaffeetisch. Er sitzt wie in Angst, ihn zu beschädigen, nur auf einer Ecke. „Und eine Tasse heißen Kaffee trinken Sie mit mir mit, das wird Ihnen guttun nach der Kälte." Er wehrt heftig mit der Hand. „Kaffee dürfen Sie doch mit mir trinken, Herr Jakob?" „Nein, nein, nein!" Er lächelt mich aber wohlwollend an, wie man die Naivitäten eines Kindes belächelt. Er, der Fromme, soll bei mir Kaffee trinken? (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. Ostjüdische Erzähler: I. L. Perez, Scholem- A l e i ch e m, Schaloin A s ch. Ausgewühlt und aus dem Jiddischen übersetzt von AlexanderEliasberg. 1. bis 5. Tausend. (Der Liebhaber-Bibliothek 34. Band.) Gust. Kiepenheuer, Weimar 1916. Die drei genannten Erzähler, die uns in dem vorliegenden Bündchen mit charakteristischen Perlen, zugleich in ansprechenden Bildern vorgeführt werden, sind unseren Lesern wohlbekannt. Sie führen uns in eine seltsame Welt ein, die uns oft eher abstößt als anzieht, und fordern nicht selten, trotz aller Anerkennung des großen Talents, zum Widerspruch heraus. Als poetisch ist mir von J.L. Perez „Drei Geschenke" erschienen; von Scholem-Aleichem: „Pessach im Dorfe"; von Schalom Asch: „Menschen und Götter". Aber auch die anderen Geschichten in ihrer Mannigfaltigkeit: humoristisch und ernst, friedlich und grausig, Schilderungen einzelner Vorgänge und Darstellungen allgemeiner Zustände sind interessant und gewähren, da sie geschickt ausgewählt und lesbar, wenn auch nicht eben künstlerisch übersetzt sind, einen ungefähren Einblick in das Schassen dreier bedeutender Erzähler und die Ahnung einer Welt, die glücklicherweise nicht die unsrige ist. L. G. Jugenderinnerungen eines Glückskindes. Von MaxGrube. Verlag Grethlein u. Comp., G. m. b. H., Leipzig. Gern weise ich meine Leser auf dies unterhaltende und durch feine vielen Mitteilungen über Theaterzustände vergangener Zeit, besonders das Wirken der Meininger, höchst belehrende Buch hin. Rührt es auch von einem Christen her und handelt es auch zumeist über Nichtjüdisches, so enthält es doch gar manches, das dem Jnteressenkreise dieses Blattes nahesteht. Hervorgehoben seien die Notizen über Professor Heidenhain in Breslau (S. 55), den Schauspieler Stanislaus Lesser (S. 65), Ludwig Chronegk (S. 186, besonders S. 225 ss.), Varnay (S. 204, 335, daselbst auch S. Friedmann), O. Lehseld (S. 205 ff., äußerst charakteristisch), den Sanitätsrat Moritz Gumbinner (S. 276), die merkwürdige Auffassung des Shylock in Unterhaltungen mit Geibel (S. 308 ff.). — Das Buch ist äußerst flott geschrieben ohne die bei Schauspielern so häufige Eitelkeit und Selbstbefpiegelnng; wir lernen einen charaktervollen, zielbewußten Menschen kennen, der, aus gutem Hause stammend (sein Vater war Professor und Staatsrat), dem Theaterdrang nicht widerstehen kann, dem elterlichen Hause entweicht und nach schweren Anfängen zu einer guten, geradezu glänzenden Stellung gelangt. Hervorragende Zeitgenossen treten in großer Zahl dem Leser entgegen; mit besonderer Liebe und großer Anfchaulichkeit werden die Meininger Zustände als Markstein der neueren Theatergeschichte geschildert. L. G. — Der fliehende Felician. Roman von Alfred Lemm. Georg Müller Verlag, München 1917. Ein Jugendwerk mit allen Uebertreibungen, selbst Rohheiten, die ein solches an sich zu tragen pflegt. Ich bin bei der Lektüre an Gutzkows Erstlingswerk gemahnt worden, ohne irgendeine bewußte Anlehnung anzunehmen. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der, von der rein bürgerlichen Umgebung seiner Heimat angeekelt, seine Braut verläßt, nach Paris reist, dort längere Zeit in der seltsamsten Gesellschaft mit Weltbeglückungsplänen, dann m ödestem Sinnenrausch verlebt, schließlich nach seiner Vaterstadt zurückkehrt, aber kurz vor seinem Eintreffen stirbt. Dieses Wüten gegen sich selbst ist trefflich, aber mit entsetzlichen Uebertreibungen, mit Darlegung wahnwitziger Pläne und Vorführung von Menschern geschildert, die dem ruhigen Leser oft den Eindruck völlig Verrückter machen. Sympathischer als die Männer, die alle einen Stich ins Tolle, manche geradezu ins Verbrecherische haben, sind die Frauen, wenn sie auch alle nach Pariser Art leben, selbst die verworfene Franyoise, besonders aber Madeleine, Stella, Ruth. Vielleicht ist die letztere eine Jüdin, obgleich das nicht ausdrücklich gesagt wird; sicher ist einer der Pariser Gefährten, Weinbaum, ein Jude, vielleicht auch ein Baumeister, dessen Lebenswerk ein — Zeitungskiosk ist. Solche und noch viel ärgere Absonderlichkeiten: Träume und Pläne, bei denen man den Kopf schütteln muß und bisweilen