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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-10 · Heft 32 (10.8.1917) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 32 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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so interessiert. So im eigentlichen Sinn Jude, wie Sie es sein wollen, war er gar nicht." „Das war nicht seine stärkste Seite," Preßt cs sich aus mir Heralls, und im Todesschreck schaue ich nach der Staffelei hin. Habe ich das gesagt? Habe ich das gedacht? War das ein Tadel von mir meinem Vater gegenüber? Ist seine aus allem Alltag, aus allem Grau mir herausleuchtende Gestalt mit in das Dunkel gesunken, in dem ich die ganze Welt sehe? Großer Gott, das ist das schlimmste. Wenn ich zu Vater, selbst zu Vater schlecht sein kann, wenn er mir nicht mehr Licht lind Leuchte ist. „Günther, ich habe eine Bitte." „Nun, Tante Trnde? Wenn ich sie erfüllen kann, ist sie erfüllt." Und nach einem Weilchen, in dem er mich mitleidig angesehen hat: „Blaß sieht sie aus, meine Tante Trude." Lh, wie kann er weich reden! Welcher Wohlklang kann in seiner Stimme sein! Umsonst werden ja wohl nicht seine Patienten, gerade die schwereren — den eingebildeten Kranken, „den nervösen Damen der besseren Gesellschaft" kommt er, glaube ich, leicht grob —, so an ihm hängen. Ganz schwach kann ich werden unter dieser gütigen Stimme. „Gehen Sie nach Hause", sagte ich hart, „mir ist nicht gut." „Nanu, und da schickt man den Arzt nach Hause? Danke für Ihr Vertrauen. Aber ich denke gar nicht daran zu gehen." Er setzt sich breitbeinig auf den Stuhl vor meine Chaiselongue. „Legen Sie sich hin", herrscht er und zieht mich nach dem Sofa, und ich bin zu schwach, ihm nicht zu gehorchen. Er hält mit ernster Miene meinen Puls gefaßt. Wie ist das? Verraten die Pulsschläge, wie es in mir aussieht? Warum sieht er so erschreckt, so zweifelnd aus? „Gehen Sie nach Hause," rufe ich unter zornigen Tränen, es klingt schreiend. Meinen Puls habe ich ihm entrissen und beide Hände vor mein Gesicht gelegt. „Ich. kann nicht mehr. Quälen Sie mich nicht, ich bin nicht krank. Gehen Sie, ich muß allein sein." Er schiebt den Stuhl zurück, „Tante Trude", er spricht jetzt recht überlegen, als sei er ein reifer Mann und ich ein Kind, „bei dieser Art Krankheit zeige ich sonst wenig Geduld. Man sagt mir nach, daß ich da leicht saugrob werden kann. Bei Ihnen traue ich mich das natürlich nicht. Ich tue Ihnen jetzt den Willen und gehe, aber ich komme sehr bald wieder, und dann verlange ich — hören Sie mich? — dann verlange ich", er betont es mit scharfem Nachdruck, „von Ihnen, daß Sie mir Rede und Antwort stehen und sich mir anvertrauen. Verstehen Sie? Krank sein und doch nicht krank sein — dafür habe ich kein rechtes Verständnis. Und auch dafür nicht — na, Tante Trude, nicht wahr, das ist doch wohl auch ganz ausgeschlossen (er spricht wieder milder, vertraulicher, nicht so berufsmäßig fremd und energisch), daß Sie sich etwa, — ich bin Arzt und Sie sind eine Arzttochter —, daß Sie sich etwa vor mir genieren könnten?" „Nein, Günther, nein, aber gehen Sie jetzt nur," sage ich müde. „Auf Wiedersehen heute abend 9 Uhr. Eher kann ich nicht. Dieses hier nehme ich selbst mit in die Apotheke", er hat etwas auf einen Zettel geschrieben, „das wird Ihre Donna nachher abholen, und Sie werden es brav mit einem halben Weinglas voll Wasser einnehmen. Heute abend werden wir dann weiter sehen." Er spricht wieder sehr ärztlich, aber er hält meine Hand und sieht mir in besorgter Güte in die Augen. Ach ja, er ist ein lieber Arzt. Dann geht er hinaus, und meine Augen gehen ihm böse nach. Du Dummer du, du Dummer! Meinst du, deine Beruhigungstropfen könnten mir helfen? Ich denke ja gar nicht daran, sie zu nehmen. * Ich habe Josepha gesagt, daß ich für keinen Menschen zu sprechen bin, ich sei nicht wohl. Und sie hat mir Paula doch hereingelassen. „Ich habe gedacht, die Verwandten" — entschuldigte sie sich, als ich ihr hinterher zornige Vorwürfe machte. Natürlich habe ich sie selber verdient, wie es gewöhnlich ist, wenn man andere ausschilt. Warum hat man sich „so verwandt" gestellt, daß man jetzt seine Tür kaum mehr verschließen kann. Paula wollte durchaus an meinem Bett sitzen, mich pflegen, mir Gesellschaft leisten. Von Günther reden heißt das, du sorgliche Pflegerin, trotz der süßen Herztöne, die du findest, wenn du mir zärtlich etwas anbietest und mir die Decke glatt klopfst. Sie hat weiche Hände, meine sogenannte Nichte, und weiche, lockende Töne in der Stimme. „Bei dir ist es so schön," sagte sie und sieht sich wohlbehaglich um. „Die schönen Rosen." Sie greift nach der Vase und bringt sie ihrem Gesicht nah. „Laß sie stehen!" sage ich angstvoll. Und sie sanft, wie man zu einem erregten Kranken spricht: „Ich lasse ja die Vase nicht fallen, Dante Trude. Woher sind denn die schönen Rosen?" „Das Mädchen hat sie vom Markt mitgebracht." Und sie entzückt: „Wenn ich erst verheiratet bin, werde ich mir auch immer frische Blumen im Zimmer leisten und sie so schön pflegen wie du." Den beiden Mädchen imponiert hier alles so. Was sie bei mir sehen, das wollen sie sich „später auch leisten". O ja, ich habe die Rosen sorglich gepflegt. Sie halten länger als die Freude, die ich an ihnen hatte.. „Ich wollte schon gestern zu dir kommen," sagt Paula, „aber dann wurde es zu spät." Ich lausche mit angehaltenem Atem. Aber nein, weiter erzählt sie nichts. Da preßt mir die Neugier die nächsten Worte heraus: „Ich weiß es, du trafst dann Dr. Westphal und begleitetest ihn ins Lazarett." ' . „Ja," sagt sie, und ein selig lüstigdv Ton schwingt mit. „Wir haben uns sein unterhalten. Nicht war, du findest doch nichts dabei, daß ich ein Stückchen mit ihm mitgegangen bin?" „Natürlich finde ich etwas dabei." Und sie ganz naiv: „Ja? Dann will ich's gewiß nicht wieder tun. Sag es bloß Großmama nicht." „Na also, demnach weißt du doch, daß es Großmama tadeln würde." „Ach, Großmama. Meinetwegen," sagt sie schmollend. „Die findet bei allem was. Die Hauptsache, daß sie erst den zehnten Teil von dem erfährt, was man erlebt. Aber bei dir ist es etwas anderes. Ich will nichts tun, was du nicht gutheißen würdest." Ach, wie es mich quält, das Vertrauen, wie es mich quält! „Du, Tante Trude!" Es klingt so geheimnisvoll. „Ja?" „Er hat gesagt, er würde genau so gern eine Jüdin heiraten, wenn er sie liebte. Die Person sei alles, die Rasse nichts." „Paula, geh jetzt, mir ist gar nicht gut," presse ich heraus. „O Gott, arme Tante!" sagt sie mitleidig. „Und da erzählte ich ihr noch von meinen Angelegenheiten." Sie hat sich zärtlich über mein Bett gebeugt und faßt meine Hände. Dann geht sie mit besorgtem Blick.

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