Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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*- 378 da er mit ansehen muß. wie Jesus bei dem Zöllner Zachäus einkehrt und wie dieser dort der Martha und Maria, die ihn waschen und salben, liebevoll begegnet. Da stürzt er zornig und in seinem Glauben irre geworden in sein Haus. Seine Frau und seine Kinder wollen seine Umkehr nicht verstehen; auch seine Mutter, zu der er eilt, nachdem er noch einmal Jesus im Tempel die Wechsler hat vertreiben sehen und manche seiner Reden mitangehört hat, will seine Umkehr, die er ihr lebhaft verkündet,, nicht glauben und kann sie nicht billigen, da sie selbst heimliche Anhängerin Jesu geworden ist. Er aber, nun festgewurzelt in seinem Haß, verrät seinen Herrn, nachdem er außer den 30 Silberlingen ebensoviel aus der Privatschatulle des Kaiphas und Sitz und Stimme in den Beratungen der Aeltesten erhalten hat. Aber die, denen er Jesus ausgeliefert, verachten ihn, und es bleibt ihm, nachdem er noch einmal vergeblich versucht hat, den Lauf der Gerechtigkeit aufzuhalten, nichts anderes übrig, als einen selbstgewählten Tod zu sterben. Seine Gattin Mirjam, die trotz des zeitweiligen Fehles des Gatten in ihrer Liebe zu ihm nicht wankend geworden ist, folgt ihm im Tode nach. Dieses Werk, das die Stimmungen und' Zustände unter den Juden zur Zeit Jesu zu schildern versucht, ist kein Kunstwerk und weniger eine Dichtung als die fromme Expektoration eines gläubigen Autors. Ihm kommt es mehr daraus an, Zeugnis abzulegen für seine christliche Gesinnung, als daraus, ein treues geschichtliches oder wirklich dichterisches Bild einer vergangenen Epoche oder eine Charakteristik einer merkwürdigen Persönlichkeit zu entwerfen. Nicht Judas Jscharioth, sondern Jesus steht im Mittelpunkt der Erzählung. Das Epos von Tony Eyck') ist ein Epos, das Judas nicht allein schildert, sondern die ganze Zeit und seine Umgebung, z. B. Gamaliel und seinen Kreis. Judas, der Schüler dieses Gamaliel selbst, ist hier ein Forscher und Grübler, verlobt mit Maria, aber im Gegensatz zu dieser Braut, die eine Bewunderin der Römer ist, Feind der Römer und bereit, alles zu ihrer Vernichtung zu tun. Sein Bund mit seiner Braut wird dadurch gelöst, daß Maria sich einem Römer ergibt; dieser Berlust steigert womöglich noch den grimmigen Römerhaß, von dem Judas schon erfüllt ist. Die eigentliche Erzählung wird durch lange Abschweifungen unterbrochen, z. B. einen großen -Vortrag Gamaliels über die vergangenen Epochen, ebenso durch lange Episoden von Nikodemus und seinem Verhältnis zu Jesus, die mit Judas nicht das geringste zu tun haben. Eine sehr merkwürdige, nicht unpoetische Erfindung der Dichterin ist, daß Judas durch bie' Stimme Kains auf die Zukunft vorbereitet und durch den Satan selbst versucht wird. Erst im vierten Gesang wird Jesus durch die Erzählungen gläubiger Frauen angekündigt. Endlich erscheint er selbst, und durch seine Wiedererweckung des Lazarus zwingt er den Judas in seinen Bann. Aber es bedarf mancher Mahnungen und wiederholter Aufrufe, um diesen bei der widerwillig übernommenen Ausgabe, ein Jünger Jesus zu sein, festzuhalten. Vor allen Dingen unterscheidet sich Judas von dem Meister dadurch, daß er im Gegensatz zu dessen Verzeihungskrast und Vergebungssülle seine Wucht des Hasses beibehält; erst durch Lazarus' Zureden und durch Jesu Predigten wird er scheinbar endgültig gewonnen. Doch ist dies wirklich nur ein Schein, denn er bleibt im tiefsten Innern von Jesu getrennt. Zu dieser inneren Trennung, die darin besteht, daß er die Gewalt der allumfassenden Liebe nicht begreifen kann, und daß er von dem Propheten statt Reden Taten wünscht, gesellt sich eine mehr äußeve, der Zorn nämlich über die Zurücksetzung, die er h „Judas Jscharioth." Ein Epos von Tony Eyck. Kommissions- Verlag: P. Hauptmann, Bonn. durch Jesus erfährt. In dieser seiner Vereinsamung sucht er seine Mitjünger zu bewegen, die Waffen zu ergreifen um „dem Königstraum Geltung zu verschaffen", findet aber bei seinen Kameraden kein Entgegenkommen. Da wird Jesus gekreuzigt — von dem Verrat des Judas wird nichts erzählt, er wird wohl als bekannt vorausgesetzt —, Judas bekennt dem Gamaliel seine Untat und sucht den Tod. Das Werk ist eine recht merkwürdige Dichtung in schönen, klangreichen Versen, aber das eigentliche Jscharioth-Problem wird darin nur angedeutet, nicht gelöst. Wohlgelungen ist die Ausarbeitung des Gegensatzes der beiden Helden Jesus und Judas; aber unaufgeklärt bleibt das Wichtigste: Wie konnte sich ein Kraftmensch, ein in seinem Haß und seiner Liebe stets offener Eiferer, zu einem solchen Verrat bequemen? Sein Selbstmord kann diese augenblickliche Verblendung wohl sühnen, aber die eigentliche Aufgabe der Dichtung wäre es gewesen, eine solche Verblendung begreiflich zu machen. IV. Von der Zeit Jesu wenden wir uns zurück zur jüdischen Urzeit, zur Entstehung der Welt, indem wir die Aufmerksamkeit unserer Leser auf eine merkwürdige Dichtung, ein Adam- Drama, lenken"). Herr Nadel, der Verfasser dieses biblischen Dramas, macht von dem Vorrechte des Dichters Gebrauch, die Quellen zu benutzen, wie es für seine dichterischen Pläne paßt. Ich gebrauche absichtlich das Wort Dichter zu wiederholten Malen, weil ich nach dieser Probe überzeugt bin, daß Herr Nadel, kein Neuling auf dem von ihm betretenen Gebiete, poetisches Talent besitzt. Der Inhalt seines Dramas ist kurz der: Adam und Eva, aus dem Paradiese verstoßen (Inhalt des Vorspiels), mühen sich 18 Jahre lang in harter Arbeit. Sie haben Freude an ihrem zarten Sohne Abel, empfinden dagegen Haß gegen Kain, der freilich stärker auf seiten des Vaters als aus der der Mutter ist. Der Friede, der allmählich in der Familie wieder eingekehrt ist, wird dadurch gestört, daß Abel ein Mädchen Adah findet, die Kain als seine Geliebte oder als Frau betrachtet, besonders aber dadurch, daß Adam die Mutter jenes Mädchens, Kelimah, die ihre verloren geglaubte Tochter zurückholen will, erschaut, in Liebe zu ihr entbrennt, die von der gleichfalls, und zwar mit Puval, vermählten Frau erwidert wird, so daß er seine eigene Gattin zu verstoßen gedenkt. Er wird aber, nachdem er die Ermordung Abels durch Kain erfahren, zur Selbstbesinnung gebracht, möchte seinen Fehl vergessen machen, aber Eva strrbt und läßt den Gatten allein. So schließt das Drama ohne eigentliches Ende, denn man erfährt nicht, was aus Kain wird, der nach dem Bekenntnis seiner Untat sich dem väterlichen Hause entzogen hat, und wie das Schicksal Adams sich gestaltet, der nun nach dem Verluste seiner Söhne und dem Hinscheiden seiner Gattin völlig einsam zurückgeblieben ist. Völlig frei erfunden gegenüber dem biblischen Berichte ist der Brudermord aus Eifersucht, das sinnliche Vergehen Adams und der dadurch verschuldete Tod Evas, ebenso die Persönlichkeiten der beiden Frauen Kelimah und Adah. Diese Erfindungen mag man gelten lassen. Ebenso wird man gern zugeben, daß das Drama sehr schöne Stellen hat. Zwar ist der Charakter Abels etwas zu weichlich gehalten, die Persönlichkeit Adahs bietet ein seltsames Gemisch von Grauen vor dem Manne, Sehnsucht zu ihm nebst einer starken Dosis Koketterie, aber des ersten Menschenpaares Liebessehnsucht, Glücksgefühl und beginnende Trennung werden psychologisch gut geschildert, nur daß Adam zwischen Treue und Untreue etwas haltlos einherschwankt. Einheitlich sehr gut, wenn natürlich auch °) „Adani." Drama in einem Vorspiel und vier Akten. Von Arno Nadel. Leipzig, Insel-Verlag, 1917.