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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-10 · Heft 32 (10.8.1917) · p. Seite 377

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 32 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
Seite 377 (sequence 5)
Language
German
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377 ist ein Volk der Leidenden und Gelittenen, der Duldenden und Geduldeten. Leid und Geduld aber schenkten uns Wissen. Wir sind Kennende und Erkennende, Prüfende und Wägende. Unser Geist hat die Gabe der Zersetzung. Und wir sehen in die Dinge hinein, während ihr an ihnen borüberseht. Unbefangenheit ging uns verloren in Furcht und Kamps und Zwang. Aber Schärfe des Bewußtseins und zähe Hartnäckigkeit waffnen uns. Wir liegen im Staube vor euch, den Siegern, aber euer Fuß trifft nur unseren Nacken. Unsere Seele bleibt unerreichbar für euch, unsere Bedränger. Und heimlich stehen wir im Bunde mit jenen Mächten, die euch und eure Herrschaft überwinden werden: den Mächten der Erkenntnis und des Zweifels. Der Fluch und zugleich die Gnade unseres Stammes ist unser Wissen." Die Art, wie ihr Einfluß aus den Kaiser geschildert wird, die Beschreibung seines Fortschreitens von Lüsten zu Grausamkeiten, von furchtbarsten Untaten zu den abscheulichsten Begierden und endlich Actes Tod, der durch die aufgepeitschte Menge vollzogen wird, und Neros Alleinsein inmitten der schaudervollsten Greuel sind mit hoher Kunst geschildert, die, wenn auch der Gegenstand ein geradezu entnervender ist, den Leser sortreißt und unter den Bann der Dichterin stellt. Handelt es sich in dieser ersten, zugleich der größten Novelle des Bandes um zwei Handlungen und um zwei Personen, so ist auch in der zweiten Hauptgeschichte, „Ebräische Hände", von zwei Persönlichkeiten, zwei Frauen, die Rede, aber einer mehr oder weniger gemeinsamen Handlung. In einer ganz freien Gestaltung des bekannten historischen Stoffes mit vielen neuen eigenen Erfindungen erzählt die Dichterin von dem Schicksal der Berenice, der jüdischen Geliebten des Titus, und der gleichfalls jüdischen Frau Jerusa, der Geliebten Domitians. Sie berichtet, wie die erstere, von dem römischen Volk verachtet und verflucht, mit Tausenden von Hebräern von Rom nach Jerusalem zurückgeschickt wird, während Jerusa als Geliebte Domitians in Rom verbleibt. Der Gegensatz zwischen den beiden Frauen, der Berenice, der leidenschaftlichen und doch innerlich reinen, und der Jerusa, der äußerlich schamhaften und innerlich verderbten, wird fein ausgearbeitet, das Schicksal der geknechteten und wieder befreiten Juden grandios vorgesührt. Um von Sprache und Gesinnung der Verfasserin eine kleine Vorstellung zu geben, sei hier der Schluß der Erzählung wiedergegeben; unmittelbar vorher war berichtet worden, wie Berenice ihrem Leben selbst ein Ende gemacht habe. Dieser Schlußpassus lautet: „Das römische Volk aber murrte laut und geheim und beschuldigte den Stamm der Ebräer, diese Plagen und Greuel aus rachedürstendem Sinn über Rom geschickt zu haben. In jedem römischen Gedächtnis war die Vorstellung haften geblieben von dem Wald ebräischer Hände, der sich gen Himmel gestreckt die Lüste verfinstert und einen Schatten über die Welt geworfen hatte. Diese erhobenen Hände hatten von ihrem geheimnisvollen Gott die Gabe des Leides erbeten und hatten ihn angefleht, Rom zu vernichten. Und der Furchtbare, der mit diesem Volke zu sein schien, säte mit der Hand der Rache die Geschenke der Verdammnis. Und es erwuchs im Herzen der Welt ein Haß gegen Juda, den Jahrtausende nicht sollten auslöschen können. Im Lande der süßen Früchte aber und der herben Erkenntnisse regten und rührten sich wieder die klugen und erfahrenen Hände seines Volkes. Und wenn die Lichter des Tages erglommen oder die Schatten der Dämmerung sanken, hob sich der Wald von Händen gen Himmel. Und es hallte über die Erde der Trostgesang der Kinder Israels: Ich erhebe meine Augen zu den Bergen! Von wannen wird mir Hilfe kommen? Hilfe kommt mir vom Ewigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Nicht laß er wanken deinen Fuß, nicht schlaf dein Hüter: Sieh, nicht schläft, nicht schlummert der Hüter Israels." III. Die drei hier zusammengestellten Dichtungen haben es mit Jesus und seiner Bewegung zu tun. Am kürzesten kann ich über einen eigentlichen Christus-Roman sprechen3). Die Dichtung darf an dieser Stelle angeführt werden, da Jesus ein geborener Jude war und der bekannte Dichter sich gelegentlich redliche Mühe gibt, von seiner jüdischen Umgebung in Palästina zu sprechen. Dieser Umstand ist jedoch der einzige, der uns berechtigt, in diesem Zusamnienhang auf das Werk einzugehen. Denn im wesenüichen ist es ein solches, das die Persönlichkeit des Religionsstifters dichterisch zu würdigen sucht, ebensoviel auf Rom und den Einfluß Jesu auf Römer und Römerinnen eingeht (eine freie Erfindung des Verfassers) als von seinem palästinensischen. Aufenthalte spricht. Vor allem aber dürfen wir bei dem Buche deshalb nur kürzer verweilen, da es sich viel weniger um eine Dichtung jüdischen Inhalts als um ein christliches Andachtsbuch handelt, und es wäre vermessen, wenn ich, zumal an dieser Stelle, mich eingehend mit Glaubensüberzeugungen eines einer anderen Religion Angehörenden beschäftigen wollte. Die zwei anderen Dichtungen, die in diesem Zusammenhang gewürdigt werden sollen, gehen uns näher an, da sie sich mit dem Jscharioth-Problem beschäftigen. Dieses Problem, wie man es wohl nennen darf, kann auf dreierlei Weise gefaßt werden. Man kann darstellen, wie Judas Jscharioth, der seinen Heiland um 30 Silberlinge verriet, ein Heuchler, ein feiler Knecht war, der, um einen wahrhaften Sünderlohn zu verdienen, wie uns diese niedrige Summe erscheint, gemeinste Tücke bewies, so daß er den, dem anzuhängen er vorgab, den Schergen auslieferte; man könnte sodann zeigen, daß Jscharioth gerade aus Liebe zu seinem Meister handelte, indem er des Glaubens war, ihn durch Auslieferung an die Römer dem sanatisierten Volkshaufen zu entziehen, in welchem neben exaltierten Freunden auch grimmige Gegner sich befanden, und wie er sich mit dem Wahn schmeichelte, daß der den Römern Ueberlasfene bei diesen gerechte Behandlung und menschliche Gesinnung finden würde; oder man könnte endlich darzutun versuchen, daß der Angeber, ein wirklicher Zelot, seine anfängliche Begeisterung für seinen Meister in grimmigen Haß verkehrte, wie er in dem Neuerer allmählich den gefährlichsten Feind seiner Ueberzeugung erkannte und seiner Glaubensgemeinschaft durch eine zwar moralisch im höchsten Grade verwerfliche, aber der Allgemeinheit nützliche Tat einen ihm heilig und großartig erscheinenden Dienst hätte leisten wollen. Bei allen drei Darstellungsarten wäre das Psychologische die Hauptsache: es käme darauf an zu zeigen, wie die Ereignisse einen Schuldlosen zum Verbrecher machen, einen Gläubigen zu einem Ungläubigen umstempeln oder einen ursprünglich Harmlosen in die Bahnen eines politisch Verschlagenen lenken. Solchen verschlungenen Pfad psychologischer Betrachtung wandelt Th. Kahle4) erst im letzten Teile seines Buches. Bis S. 200 ist der Held, ein naher Verwandter der hohenpriesterlichen Familie, ein reicher Kaufmann, der mit Verzicht auf sein Geschäft und seine großen Einnahmen unbedingt Jesus folgt sowie seine Frau und seine Kinder, die übrigens gleich ihm überzeugte Anhänger des Propheten sind, verläßt. Erst gegen Ende des Romans wird er von Haß und Neid erfüllt, 3) Rudolf Hans Bartsch: „Er, ein Buch der Andacht." Leipzig, Verlag L. Staackmann, 1915, 4) Th. Kahle: „Judas Jscharioth." Ein Roman aus eines Volkes großen Tagen. Richard Mühlmann Verlagsbuchhandlnng (Max Gross«), Halle, 1916.

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