Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 müssen Jiddisch oder Russisch sprechen. Die Negimentssahne soll das Wappen des Königs David zeigen. Die Teilnehmer dieses jüdischen Regiments bestehen wohl aus russischen Flüchtlingen, die sich ihrer Militärpflicht in Rußland entzogen haben und nun in England „ersaßt" werden sollen. Bemerkenswert ist, daß diese jüdischen Flüchtlinge nicht in das englische Heer eingereiht werden, sondern besonderen Formationen zugewiesen sind. Die Mitteilung dieser Nachricht durch das offiziöse W. T. B. legt die Vermutung nahe, daß auch bei uns ähnliche Maßnahmen er?- wvgen werden sollen. Die am Schlüsse ausgesprochene Vermutung wird, wenn sie nicht einfach als schlechter Scherz aufzufassen ist, wohl nur in den Kreisen der antisemitischen Redaktion des genannten Blattes und ihrer Anhänger gehegt. Daß die leitenden Stellen in Deutschland solche der Vernunft hohnsprechenden, dem Buchstaben und Geiste der Verfassung zuwiderlaufenden Pläne hegen sollten, ist völlig ausgeschlossen. Was für fremde Juden in England gilt, ist für deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens unmöglich, wie auch die „Deutsche Tageszeitung" wissen müßte. Als am 1. August der Deutsche Kaiser und der König von Bayern ihren Truppen und allen ihren Landeskindern Dank für die erwiesene Opferfreudigkeit sagten, sie zum Ausharren ernnlnterten und auf einen glücklichen Ausgang vertrösteten, machten sie keinen Unterschied in Klaubenssachen, sie kannten nur Deutsche und Bayern. Es ist ein ungeheurer Frevel, wenn ein Blatt, das sich deutsch nennt, es wagt, angesichts der Tausende von Juden, die sich vor dem Feinde ausgezeichnet haben, trotz der Tatsachen, daß Ungezählte den Heldentod gestorben sind oder an schweren Verletzungen leiden, von — jüdischen Regimentern in Deutschland zu reden. Möchten wir doch die Zeit erleben, daß diese heillose Verkennung unserer Stellung, daß diese grobe Mißachtung uneres Rechts endlich schwinde. Selbst in Rußlands barbarischsten Zeiten hat keine Regierung an jüdische Regimenter gedacht — aber ein deutsches Antisemitenblatt ist in seiner Abneigung und Verblendung noch schlimmer als die judenfeindlichste Regierung. Es ist bedauerlich, daß solchem Treiben nicht Einhalt getan wird. Dichtungen aus dem Gebiet jübilcher Geschichte. Besprochen von Ludwig Geiger. n der nachfolgenden Uebersicht sind acht Dichtnngen \ verschiedener Art: Romane, Novellen und ein Epos znfanunengestellt, deren Gemeinsames darin besteht, daß sic sämtlich ihren Stoff ans der jüdischen Geschichte entlehnen. Verschieden sind sie anßer der Dichtungsart darin, daß sie mannigfache Zeiten behandeln und daß sie verschiedenen Epochen entstammen. Mannigfache Zeiten: der Makkabäeraufstand; die römisch-jüdische Epoche; die Entstehung des Christentums; die Urzeit. Entstanden zu verschiedenen Zeiten, denn während die in den letzten Abschnitten behandelten Dichtungen der uninittelbaren Gegenwart angehören, ist die im ersten Abschnitt durchgenommene schon zehn Jahre alt und die in dem zweiten auch bereits vor einigen Jahren erschienen. Wenn ich auch diesen beiden in der nachstehenden Uebersicht einen Platz gewähre, so geschieht dies bei der Hasmonäerdichtung aus dem Grunde, daß hier eine Christin, und zwar eine Katholikin über den jüdischen Freiheitskampf sich ausläßt; bei dem Buch von Frau Doris Wittner, weil ich gern Gelegenheit nehme, ein begangenes Unrecht zu bekennen, das darin besteht, daß eine so hervorragende Leistung uns unbekannt geblieben ist, während wir doch die ersten hätten sein müssen, um sie freudig zu begrüßen. I. „Die Makkabäer"*). Der Roman von Sophie Christ gehört zu jenen gut gemeinten Büchern, an denen man sich freuen möchte und mit denen man doch nichts Rechtes anzufangen weiß. Eine gutgesinnte Dame, die viele Studien gemacht hat, quält sich mit einem Stoff, aus dem ein Dichter vielleicht etwas hätte machen können, und benutzt ihre fleißig gesammelten Kenntnisse, um ein farbiges Bild einer entschwundenen Zeit zu liefern, ohne doch die Kraft des Historikers und die Kunst des Dichters zu besitzen. Römer und Griechen, Aegypter und Juden kommen vor; Palästina, Aegypten, Rom und andere Städte ziehen vor den Augen des Lesers vorüber. Die Königin Alexandra mit ihrem Hofe steht im Mittelpunkt. Der Kampf der Römer gegen die Juden, dieser gegen die Römer, wird anschaulich erzählt, aber das Interesse wird niemals recht festgehalten, sondern von einem Gegenstände zum anderen geführt. Die Verfasserin hat sich unendliche Mühe gegeben, aus fleißigen Geschichtsstudien eine vergangene Zeit zu gestalten, aber sie bringt es im Grunde nicht weiter als zu einer Beschreibung der Sitten und Unsitten, Opfergebräuche und Feste, ja, legt recht in Frauenart besonderen Wert darauf, die Toiletten anschaulich zu schildern. Auch tritt sie mutig in das verschlungene Feld der Psychologie, aber sie vermag den Leser nicht zu fesseln und trotz redlichster Mühe nicht von einem Gefühl gähnender Langeweile zu befreien. Wir haben zwar allen Grund, der Verfasserin dankbar zu sein für ihren Versuch, die Gestalten von Herodes, Mariamne und anderen zu beleben, für ihre Gesinnung, die auf seiten der Juden steht, für ihre Teilnahme an dem Geschicke, der Todesverachtung und der Treue der Juden, die für ihren Glauben leben und zu sterben bereit sind, aber zu einem warmen Interesse für diese abgeblaßten Gestalten gelangt man nicht. Vor allen Dingen: man hat das vielleicht nicht ganz gerechtfertigte und doch immer sich vorwagende Bewußtsein, daß die Verfasserin, was ja ihr Recht als Christin sein mag, die Dichtung zur Hindeutung auf einen Triumph des Christentums zu benutzen, indem sie von ihrem Standpunkt aus in dem Christentum die Erfüllung des Judentums erblickt. So legt man das Buch unbefriedigt aus der Hand und sieht leider die Erwartungen nicht erfüllt, mit denen man es ergriff. II. In jeder Zeile, die Doris Wittner schreibt, erkennt man, daß man es mit einer Dichterin zu tun hat, mit einer heißblütigen, zugleich mit einer scharf denkenden Frau. Sie schreibt zwar historische Novellen, räumt sich aber das Recht ein, mit der Geschichte völlig frei zu schalten, denn sie entnimmt der Historie Namen und Charaktere, die ihr passen, modelt aber, wenn sie es für gut findet, Zustände, Ereignisse, selbst Charaktere um. Von den vier Novellen des vorliegenden Bandes^), und zwar drei aus dem Altertum, eine aus dem Frankreich! des 18. Jahrhunderts, gehört die letzte und eine der ersten: „Sistra" nicht in unseren Zusammenhang. Die in der Reihe der Novellen am ersten Platz stehende „Acte" darf nur bedingt als unser Interesse in Anspruch nehmend bezeichnet werden. Denn wenn sie auch im wesentlichen von Neros Untaten und zugleich von seinem poesiedurchtränkten Wesen erzählt, berichtet sie im Zusammenhang mit Neros scheußlichen Verbrechen von Claudia Acte, einer ehemaligen Sklavin, einer geborenen Griechin, die aber durch ihre Mutter jüdisches Blut in den Adern hat. Ms Hebräerin sucht sie zu wirken nach folgenden schönen Worten, die ihr die Erzählerin in den Mund legt: „Es y „Haus Hasmonai." Historische Erzählung aus dem Jahrhundert vor Christi Geburt. Bon Sophie Christ. Mainz, 1900, Verlag von Franz Kirchheim. -) Doris Wittner: „Aus sterbenden Zeiten." Leipzig, Grethlein u. Co. Geh. 4 M., geb. 5 M.