Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-— 375 leidigen. Daher sind immer noch ganz kleine Stücke Galiziens in ihrer Hand, noch ist die Bukowina nicht völlig von ihnen befreit, aber an manchen Stellen ist die russische Grenze überschritten und so auch im Osten zumeist der Krieg in Feindesland übertragen. Ezernowitz ist von den Russen befreit. Aber man darf sich auch Rußland gegenüber, das uns in den letzten Jahren so viel U-eberraschungen bereitet hat, nicht übertriebenen Hoffnungen hingeben; sooft man auch von der Beseitigung des russischen Widerstandes, von dem Fertigsein dieses ungeheuren Kolosses gesprochen hat, so oft man auch aus der inneren Zerrissenheit dieses Barbarenlandes aus die Unmöglichkeit eines neuen Ausraffens geschlossen hat, immer wieder hat es sich zum Kampfe gestellt, und unseren Scharen, trotz unserer herrlichsten Siege, Schwierigkeiten bereitet. Erst neuerdings wurde ein Wort Hindenburgs verbreitet, das binnen kurzem die endgültige Beseitigung der russischen Gefahr verkündete —, wie gern wollten wir diesen Verheißungen Glauben schenken! Die Verworrenheit und Zerrüttung der russischen Verhältnisse geht am klarsten aus der Meldung verschiedener Blätter hervor, daß Kerenski von seinem Posten zurückgetreten ist. Wenn dieser Mann, in dem man den künftigen Diktator, den einzigen Retter in der Not sah, seinen Posten verläßt, weil er an der Lösung seiner Aufgabe verzweifelt, so müssen die Zustände nicht bloß heillos verfahren, sondern unrettbar verloren sein. Nach neuesten Meldungen hat Kerenski sein Entlassungsgesuch wieder zurückgezogen. Aber die zeitweiligen russischen Machthaber wollen nichts von Demütigung wissen, die Franzosen, wenn sie sich auch zum Teil der durch unseren Reichskanzler gemachten Enthüllungen schämen, wollen von ihren wahnsinnigen! Forderungen nicht lassen, die großsprecherischen Italiener haben durch die Gier ihrer Blutsverwandten neue Lust bekommen, ihr Verlangen zu erhöhen, und vor allem die Engländer, diese heuchlerische Brut, die, nun auf einmal ihrer vormaligen Freiheit gedenkend, sich erkühnen, die Welt glauben zu machen, sie bekämpften nur das mchtdemokratische Deutschland, fahren in ihrem Starrsinn fort und scheinen in der Hartnäckigkeit ihrer Rasse bis zu ihrer Vernichtung oder bis zu der gänzlichen Erschöpfung ganz Europas ausdauern zu wollen. So hebt das vierte Kriegsjahr, an dessen Möglichkeit bei Beginn dieses Riesenkampfes kein politisch Denkender glauben wollte, mit nicht allzu erfreulichen Aussichten an. Nur das Vertrauen auf unsere genialen Führer, die felsenfeste Ueberzeugung von unserem Recht, die sichere Hoffnung auf die Unerschütterlichkeit unserer Helden kann uns stärken und den Blick in die Zukunft einigermaßen hell gestalten. Während die Sonne freundlich lacht, fast allzu strahlend und allzu heiß, während alle, die es irgendwie können, Stärkung und Erholung, Vorkräftigung für einen schweren Winter im Gebirge und an der See suchen und hoffentlich finden, müssen die Braven und Tapferen, denen unsere Sicherheit und unser Zukunftsheil anvertraut ist, leiden und entbehren, sich mühen, kämpfen und — sterben. In der Heimat füllt, so hoffen wir, eine reiche Ernte die Scheuern; möge, das ist der innige Wunsch unserer Herzen, auch aus der blutgedüngten Saat des Krieges eine köstliche Ernte des Friedens und der Freiheit entkeimen, lind möge es uns allen gegönnt sein, uns an deren Ertrag zu laben! * Ueber jüdische Angelegenheiten ist diesmal nicht viel zu berichten. Das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag verbreitet die Nachricht, daß der Jüdische Kongreß in Amerika auf den 18. November verschoben ist. Die von dem genannten Bureau herausgegebenen Mitteilungen enthalten außerdem folgende Nachrichten, zu deren Beurteilung, namentlich zur Auffassung der an zweiter Stelle stehenden Notiz, freilich beachtet werden muß, daß jenes Bureau vollkommen im Dienste des Zionismus steht: Camille Huhsmans für ein jüdisches Palästina. Wie das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag berichtet, bringt die „Globe" in New Jork ein Interview ihres Stockholmer Korrespondenten mit dem Sekretär des Internationalen sozialistischen Bureaus, Camille Huhsmans, über die Judenfrage. Camille Huhsmans erklärte, daß er die Gründung eines Judenstaates in Palästina für wünschenswert und möglich erachte. Er glaube selbst an die Möglichkeit, durch Vermittlung Deutschlands mit der Türkei zu einem Uebereinkommen zu gelangen 'und sie zu veranlassen, Palästina selbst zu einem unabhängigen jüdischen Staat auszurufen, damit das ewig wandernde Volk im eigenen Lande endlich Ruhe finde. Auf die Bemerkung des Korrespondenten, daß er daran zweifle, daß die Juden nach Palästina zurückverlangen, antwortete Huhsmans: „Viele Juden fordern Palästina als eigenes Land.. Eine große Anzahl von Juden wünscht sicherlich in den Ländern zu bleiben, wo sie jetzt wohnen. Aber eine weit größere Anzahl wird Freudentränen vergießen, wenn die Kunde kommt, daß sie in ihre Heimat zurückkehren können. Ich kann Ihnen erklären," sagte Huhsmans, „daß fünf große jüdische Organisationen sich stark für diesen Plan interessieren/' Das Jüdische sozialistische Bureau im Haag hat sich gleichfalls für ein jüdisches Zentrum in Palästina erklärt, und die jüdische Delegation wird auf der Stockholmer Konferenz erscheinen, um diesen Plan auseinanderzusehen. Die Juden inEngland und der Zionismus. Aus London wird dem Jüdischen Korrespondenzbureau im Haag geschrieben, daß die Neuwahlen im „Board of Deputies", die Durch den aus Anlaß des in den „Times" vom Conjoint Committee publizierten antizionistischen Manifestes erzwungenen Rücktritt des Vorstandes notwendig geworden waren, stattgefunden haben. Sir Stuart Samuel wurde zum Präsidenten, der Zionist Lord Rothschild zum Vizepräsidenten gewählt. Gleichzeitig wurde beschlossen, jede Verbindung mit dem Conjoint Committee abzubrechen. Das Conjoint Committee, das außer den Delegierten Des Boarv of Deputies Vertreter der Anglo Jewish Association — eines philanthropischen Finanzinstitutes, das den Nachlaß des Baron Hirsch für das jüdische Volk verwaltet, enthält, hört durch diesen Beschluß auf, die offizielle Vertreterin der englischen Judenheit zu sein. Diese Ausgabe wird nun der Board of Deputies oder der Jüdische Kongreß tn England übernehmen, zu dem in England jetzt Vorbereitungen getroffen werden.!* Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: Die antisemitische Propaganda in Petersburg. Stockholm, 3. August. (Privat-Telegramm.) „Djen" schildert die Stimmung in Petersburg folgendermaßen: Die Liquidation des Maximalistenaufstandes nimmt einen schleppenden Charakter an. Die Zahl der verdächtigen Personen und verbreiteten Insinuationen nimmt immer größeren Umfang an. Eine reale Gefahr schleicht heran. An allen Straßenecken, in Trambahnen und in den Häusern tritt eine äußerlich auf die Revolutionszeit stilisierte, offensichtlich aber auf ein Pogrom gegen die Juden angelegte antisemitische Propaganda hervor, die auf die unwissenden Volksmassen einen offenbaren Eindruck macht. Man macht den Versuch, die maximalistische Verschwörung mit der Tätigkeit der Organe der revolutionären Demokratie in einen Topf zu werfen, und stellt die Tätigkeit dieser in das Zeichen einer jüdischen Gewaltherrschaft. Der Effekt ist ein doppelter: Haß gegen die Revolution und Haß gegen die Juden verflechten sich zu einem Knoten. Mögen die offiziösen Wortführer der Kadettenpartei, die nur an dem ersten Laster leiden, verstehen, daß sie. sich durch ihre gegen die Revolution gerichteten Wutausbrüche den Meistern der Pogrome gleichstellen! * Der „Deutschen Tageszeitung" entnehmen wir folgende Notiz: Jüdische N e g i m e n t e r in — England. London, 27. Juli. Das Kriegsamt teilt mit, daß demnächst ein jüdisches Infanterieregiment gebildet werden wird. Die Offiziere