Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-10 · Heft 32 (10.8.1917) · p. Seite 374

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 32 (10.8.1917)
Date
1917-08-10
Page
Seite 374 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229318--73314-3285789
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

374 auswendig lernen in der schönen Übersetzung, in der sie hier erscheinen, und diese Verse sollten nach schultechnischer Möglichkeit im hebräischen Urtexte dem Schüler in Geist und Gemüt eingeprägt werden. Besonders wertvoll ist nun aber auch die Charakteristik Iecheskiels, in welcher Kellermann seine Freiheit von der moralisierenden Schablone bewährt und in der Anerkennung einer Praktischen Reformpolitik den Standpunkt des Historikers vertreten hat. Während Jecheskiel von der Bibelkritik meisthin wegen seiner Opferpolitik als Reaktionär verworfen wird, gibt ihm Kellermann seine Ehre wieder, indem er ihn in rein ethischer Hinsicht auf gleicher Stufe mit den vorerilischen Propheten nachweist. Und so wird der Fortschritt klargestellt, den seine Seelsorge für das Individuum vollzieht und der die notwendige Vorstufe bildet zur Weltseelsorge des Deuterojesaja. Ebenso werden die Widersprüche aufgehoben, welche aus dem Patriotismus der Propheten überhaupt und insbesondere der Verherrlichung des künftigen Israel durch Jecheskiel gegenüber dem Messianismus zu bestehen scheinen. Nicht die Erhöhung an sich ist das Ziel und die Zuversicht, sondern die „Erhöhung des Niederen und bisher grundlos Verachteten — eine poetische Keimgestalt des leidenden Knechtes^ (S. 51). Diese Rechtfertigung Iecheskiels ist ein eregetisch-geschichtliches Verdienst dieser Schrift. Man glaube nun aber ja nicht, als ob diese ganze Begründung des Monotheismus doch nur ausschließlich die der Ethik und nicht zugleich ebenso mächtig die der Gottesidee selbst wäre. Schon die Würdigung Iecheskiels zerstreut diesen Irrtum. Die Seele sucht ihren Gott, sucht die Versöhnung mit sich selbst durch die Versöhnung mit Gott. Alle Seelenmoral des Individuums muß Gott ersetzen als den Zielpunkt der menschlichen' Sehnsucht. Die Macht des Guten bedeutet Gott ebenso für das Individuum wie für die Menschheit. Und wenn anders alles sittliche Leben des Individuum? wie der Völker in der Entwicklung der sittlichen Ausgabe sich vollzieht, so vollzieht es sich unter der Idee des Zieles dieser Entwicklung, welche schlechterdings nicht abzutrennen ist von dem Leitgedanken Gottes, der ebenso für das Individuum wie für die Menschheit von unersetzlicher Notwendigkeit ist. ..Tenn das kann im Sinne des Prophetismus und der Kantischen Transzendentalphilosophie als ausgemacht gelten: wer den ethischen Evolutionismus preisgibr, der entblößt den Gottesbegriff aller funktionalen Bedeutung." (S. 69). Hiermit ist es klar ausgesprochen, daß ebenso aller ethische Evolutionismus und alle Realisierung der Ethik aufgehoben wird, wenn sie sich vom Kottesgedanken entblößen. So ist Gott der wahrhafte „Realisator" des Guten. Der Geist dieser Schrift ist der echter Wissenschaftlichkeit und stebt daher turmhoch über der Tagesliteratur der theologischen Apologetik. So ist es denn auch nicht zufällig, daß ein besonderes nationales Verdienst ihr innewohnt, durch welches sie dem heutigen Niveau gegenübertritt und auf den klassischen Geist unserer deutschen Wissenschaft und Literatur hinweist. Die abgeschmackte, vom Ausland übernommene Theorie des subjektiven Nacherlebens und Nachfühkens der ewigen Grundgedanken der Eeistesgeschichte, welche hier bekämvft wird, wird schließlich auch widerlegt durch den glücklichen Gedanken, daß die moderne Bibelforschung eine Nachwirkung der deutschen Geschichtschreibung ist, wie sie von Niebuhr begründet wurde, mit der sie daher in Einklang steht. Von Luther bis Leibniz, von Lesfing, Herder und Winckelmann bis Schiller, Fichte imb Hegel werden Religion und Philosophie, Wissenschaft und Kunst von der Idee des sittlichen „Perfektibilismus" getragen und finden nur in ihm ihre zureichende Begründung. lS. 70)). Und von dieser nationalen Gesinnung aus mündet die Betrachtung endlich in eine ethische Begründung der Universalgeschichte, von welcher aber auch die schließliche Nutzanwendung aus die universelle jüdische Literatur nicht verabsäumt wird. So atmet diese ganze Schrift einheitlich den Geist wissenschaftlicher Sachlichkeit, philosophischer Strenge und Klarheit, sowie ebenso stark den jüdischer Glaubensinnigkeit für die Ziele und die echten Mittel jüdischer Religiosität. Die Woche. Berlin, den 7. August. n diesem ersten Bericht während des vierten Kriegsjahres (wäre es nur das letzte und käme noch am Anfang des Jahres der ersehnte Friede!) haben wir wieder von günstigen Kriegshandlungen zu reden. In Flandern tobt eine ungeheure Schlacht, auf die man seit langem nach den fürchterlichen Artillerievorbereitungen gefaßt war. Soweit sich bis jetzt übersehen läßt, verläuft sie, selbst nach den gefärbten Berichten der Feinde, die kleine Erfolge zu großen Triumphen aufbauschen und gewiß auch die Zahl der Gefangenen, an denen es nicht gefehlt haben mag, stark übertreiben, zu unseren Gunsten. Diese günstige Lage besteht darin, daß es den Engländern trotz wiederholter mit unendlichen Massen und äußerster Kraft unternommenen Angriffen nicht gelungen ist, unsere Reihen zu erschüttern, noch weniger, obgleich sie an manchen Stellen schrittweise vorgedrungen sind — Fortschritte, die sie mit unsäglichen Opfern bezahlt haben — uns aus den seit Jahren innegehabten Stellungen zu verdrängen und die Küste zu gewinnen, deren Besitz als Stützpunkte für unsere U-Boote die höchste Notwendigkeit ist. So sind die Vorgänge nach unserer amtlichen Darstellung erfolgt, die wir, nach dem, was bisher geschehen, für unbedingt zuverlässig halten dürfen. Die Engländer versmben, durch den Mund ihres Ministers Llopd George die Welt glauben zu machen, daß die Ereignisse sich ganz anders zugetragen, daß sie alle von ihnen erstrebten Resultate davongetraaen hätten. Sie weisen triumvhierend auf die Aussagen deutscher Gefavgener hin, stellen aber ihre Meldung schon dadurch in ein sehr bedenkliches Lickit, daß sie der Wahrheit zuwider behaupten, in Deutschland sei wegen eines Sieges über England geflaggt worden, während dieses Flaggen bekanntlich dem Fall von Czernowitz galt.. Noch weniger erfolgreich sind die Franzosen gewesen, die. wie sie überhauvt in diesem Kriege die am meisten Leidenden sind und trotzdem oder vielleicht deswegen die ungemessensten Forderungen erheben, nicht nur in keiner Weise vorwärts kommen, sondern, an manchen Stellen zurückgedrängt, fürchterlicke Verluste erleiden. Die Gesamtverluste der Entente innerhalb der drei Kriegsjahre werden auf 18 Millionen Mann berechnet, wovon auf die Russen 9 600 000, auf die Franzosen 4 400 000, auf die Engländer ausschließlich der Inder 1 600 000, auf die Italiener ebensoviel kommen. Die Krieaskosten der Entente betragen 258 Milliarden Mark, die der Mittelmächte 107 Milliarden. Während unsere wunderbaren Truppen, deren Heroismus, deren unermüdliche, unvergleichliche Zähigkeit mit keinem Worte genug zu preisen ist — die Sprache ist zu schwach, um solche Heldentaten gebührend zu feiern —, im Westen sich zumeist darauf beschränken müssen, den ewig wiederholten, durch eine furchtbare Ueberzahl ausgeführten Anprall der gierigen, auf unsere Vernichtung ausgehenden Feinde abzuwehren, schreiten die Deutschen im Verein mit ihren Verbündeten im Osten siegreich vor, obgleich auch dort die Russen sich immer wieder zu Gegenstößen sammeln und trotz der oft erwähnten Disziplinlosigkeit, trotz der sicher vorhandenen Kriegsunlust weiter jeden Fußbreit Landes hartnäckig ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.