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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 Klagen. Das Merkwürdige nbär ist, daß die Kritik gar nicht von diesen Kreisen ansging, sondern von den ländlichen Produzenten, den Agrariern. Wir haben nie daran gezweiselt, daß diesen Maulpatrioten jede Maßregel, die die Verbilligung der Nahrungsmittel 3,mit Zwecke hat, ein Dorn im Auge ist. Aber wir haben die Herren nicht für so unklug gehalten, daß sie ihren Aerger so öffentlich zeigen würden. Sie hüteten sich freilich, diesen Aerger sachlich zu begründen, und griffen lieber zu den grotesken Mitteln, die Zentralstellen der Bevölkerung allgemein zu verdächtigen. So erklärte einer der Redner witzig, diese glichen weniger Kulturals Kultusgemeinden. Und väterlich warnend meinte er, die Juden hätten selbst das größte Interesse daran, ein Ueberwuchern ihres Einflusses in den in Rede, stehenden Körperschaften zu verhüten. Mit Verlaub! Welches höhere Interesse sollte den Juden die Mitwirkung in solchen zu Nutz und Frommen des Vaterlandes von der Regierung geschaffenen Wohlfahrtsausschüssen. verbieten? Mit demselben Rechte könnte man sich darüber aufregen, daß auch so ziemlich in allen Kriegs w 0 h l t ä t i gke i t s v e re i n e n die jüdischen Mitglieder in der Majorität sind. Das ist aber merkwürdigerweise noch keinem Antisemiten eingefallen! Die Kommissionen, welchen die Zentralisierung der Lebensmittelabgabe obliegt, müssen bei dem Widerstande, den ihre Tätigkeit bei den Bauern findet, vor allem keine Spürnasen haben. Ob daher diese Nasen gerade oder gebogen sind, kommt dabei nicht in Frage. — Sonntag, den 22. d. M., ist der Seniorchef der Buchdruckerei Moriz Waizner u. Sohn, Herr kaiserlicher Rat Moriz Waizner, im 86. Lebensjahre gestorben. Mit dem Verblichenen, einer in seinem Berufe allgemein geachteten und in den weitesten Kreisen der Gesellschaft hochgeschätzten Persönlichkeit, schied einer der letzten Reste des jüdischen Alt-Wiens, ein Mitarbeiter und Zeuge des großen Aufschwunges, den die Reichshauptstadt Wien und mit ihr die Wiener Kultusgemeinde seit Beginn der konstitutionellen Aera in Oesterreich genommen hat. Vielfache Beziehungen verbanden ihn mit den führenden Männern jener Zeit und es war ein voller Genuß ihm zu lauschen, wenn er aus den reichen Erfahrungen seines Lebens schöpfte und mit seiner scharfen Beobachtungsgabe Charakterbilder aus den verflossenen Dezennien zeichnete. Bei allem Verständnis für die Forderungen der modernen Zeit war er ein wahrhaft frommer und guter Jude, der mit allen Fasern seines Herzens an seinem Glauben, an seiner Gemeinde und mit geradezu rührender Anhänglichkeit am Tempel in der Seitenstettengasse hing. Inniger Familiensinn, Achtung vor der Wissenschaft und Freude am Wohltun, dieser volltönende Dreiklana altjüdischer Tugenden, waren ihm in seltenem Maße zu eigen. Insbesondere die jüdische Wissenschaft hat er vielfach gefördert und zahlreichen aufstrebenden Talenten durch seine werktätige Unterstützung den Ausstieg ermöglicht. Wenn ein armer jüdischer Literat die Früchte seiner Geistesarbeit der Oefsentlichkeit übergeben wollte, so brauchteer sich nur an Moriz Waizner zu wenden und er fand an ihm einen väterlichen Freund und Berater und einen uneigennützigen großmütigen Verleger. Aus seiner Druckerei nahm gewissermaßen die jüdische Journalistik in Wien ihren Ausgang. Durch viele Jahrzehnte wurde bei ihm die „Neuzeit", früher das einzige jüdische Organ in Wien, gedruckt und seine enge Arbeitsstube hat Männer wie Wertheimer, K u r a n d a, K 0 m p e r t, Jellinek, Szanto, Weiß, Fried mann und viele andere Koryphäendes Geistes bei ihrer gedankenreichen Arbeit gesehen. Er war ein seltener, charakterfester, edler und guter Mensch, der am Ende seines arbeitsreichen Lebens auf eine lange Kette segenbringenden Wirkens zurückblicken konnte und das Andenken an ihn wird Unzähligen bleiben. — Das Leichenbegängnis fand am Mittwoch, den 26. d. M., unter überaus großer Teilnahme statt. Im Trauerhause würdigte der Vertreter der Kultusgemeinde, Herr Landesschulrat Dr. Markus Spitzer, mit beredten Worten das Leben und Wirken des Heimgegangenen. Hierauf wurde die Leiche auf den Zentralsriedhof übergeführt, wo nach Vortrag der Trauergesänge durch I. Kantor Mathias Rabbiner Dr. T a g le i ch t und Schriftsteller Sm 0l e n s k y dem Verblichenen stimmungsvolle Nachrufe hielten. z. Budapest, 27. Juli. Unter dem Vorsitze des Rabbiners Dr. Simon Hevesi hat am 1. d. M. die achte Generalversammlung des Ungarisch-israelitischen Landeskultusvereins stattgefunden. Sekretär Dr. Ernst W e i l l e r erstattete den Jahresbericht. Im vorigen Jahre wurden vom Verein für die Witwen und Waisen gefallener Krieger und für Invaliden unentgeltliche Lehrkurse unterhalten. In der Vereinsmensa erhielten täglich 800 Personen Mittag- und 300 Abendessen; 300 Familien wurden ntonatlich mit Lebensmitteln und 520 Personen mit Kleidern versehen. In den drei Kriegsjahren hat der Verein 500 000 Portionen Essen verteilt. Nach dem Berichte des Kassierers Julius Fränkl betrügt das Vereinsvermögen 117 726 Kronen 41 Heller; die vorjährigen Ausgaben beliefen sich auf 218 496 Kronen 20 Hellet. Zum Schlüsse dankte Dr. Ernst Deutsch im Namen der Vereinsmitglieder dem Ausschüsse für die geleistete Arbeit. — Im 9. Bezirk und in einem Teile bei 8. Bezirkes ist eine starke Bewegung zur Errichtung einer Frieden?- synagoge im Gange. Vor kurzem hat sich ein Exekutivkomitee konstituiert und einstimmig zum Präsidenten den Stadtrepräsentanten Advokaten Dr. Ernst Hecht und zum Referenten den Rabbiner Dr. Josef Farkas, den Religionslehrer der Gemeinde, gewählt. Nach einer zündenden Ansprache des Präsidenten berichtete der Referent, daß der neue Tempel cm Zeichen der von den Angehörigen der jüdischen Konfession während des Weltkrieges bewiesenen Opferwilligkeit sein und zum Gedächtnis der in der Verteidigung des Vaterlandes gefallenen jüdischen Helden den Namen Friedenssynagoge tragen soll. Der Grundstein soll nach dem Friedensschlüsse im Laufe eines Jahres gelegt werden. Zu dem aeschilderten Zweck wurde eine Sammlung eingeleitet. — Der ungarische Minister a. latere Gras Theodor Batthanyi gab im Rahmen seiner Programmrede, die er anläßlich seiner Wiederwahl als Abgeordneter in Szekszard gehalten hat, sehr nächtige Erklärungen bezüglich der Au t 0 n 0 m i e der Juden in Ungarn a b. Der Minister erklärte den Führern der Szekszarder israelitischen Kultus gemeinde, daß er „mit Leib und Seele ein Anhänger der gesetzlichen Inkorporierung der Autonomie der jüdischen Konfession sei, wozu die vaterländische Judenschaft, die auf hohem Kulturniveau stebt und zu allen Zeiten begeisterte Empfänglichkeit für die Ideen iV'3 Fortschrittes bekundet hat, einen berechtigten Anspruch habe. Di-' neue Regierung, welche gewillt ist, den Gedenken der Rechtsaleichb"^ und Rechtsverbreiteruna zu verwirklichen, wird bestrebt sein, auch diese Reform ehemöglichst dnrebzusühren." Ueberdies erklärte der Minister, daß die Regierung es sich zur Ausgabe gestellt hat, w" Autonomie der katholischen und der israelitischen Konfession nachdem Grundsätze der vollen Rechtsgleichheit und Parität in die Tat nmzusehen. ßirtlfli’U. — Moskau. Die bekannte Gesellschaft der Freunde der hebräische" Sprache, die ihren Namen nunmebr in „Tarbuth" (Kultur) verwandelt bat. hat in Moskau ihre erste Volksversammlung mit einem interessante Bericht über die grusinischen Juden abgehalten. Der Referent, der Rabbiner Baasow aus Oni (Grusien), svrnch in einem fließenden, schönen Hebräisch, das den Bei fall des Publikums in hohem Maße g"- funden hat. Ter Referent schilderte ausführlich die Geschichte der Juden in Grusien, die nach den Landesüberlieferungen nach der Zerstörung des Tempels in das Land emwanderten und durch Jahrhunderte hindurch sehr lebhafte Beziehungen mit Palästina und Babylonien unterhielten. Im Mittelalter sind durch die Judenmission, die von einem getauften jüdischen Mädchen, der heiligen Nina, einaeleitet wurde. 50 000 Juden zum Christentum überaetreten. Allmählich sind die Juden in Grusien in Sklaven der Landesfürsten verwandelt worden. Trob aller Verfolgungen ist der größte Teil der Jaden ihrem Glauben treu gehlieben und treu ihrer nie erlöschenden Anhänglichkeit zu Palästina. Gegenwärtig sei die Zahl der Juden in Grusien ans 50 - 60 000 zu schätzen, die in den verschiedenen Orten des Kaukasus wobnen. Bedanerlicherweise sei die Zahl der jüdischen Analphabeten unter ihnen sehr groß. Der Referent appellierte an das befreite russische Judentum, das Schicksal der entfernten Brüder in ihre Hand zu nehmen, um die grusinischen Juden einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen. — Die vor etwa einem Jahre in Moskau errichtete Schule für hebräische Schauspielkunst, „Habimah", hat Anfang Juni ihre ersten Absolwnten entlassen. Im ganzen sind 12 Schüler als dramatische Schauspieler entlassen worden, unter ihnen einige, die auf der russischen und polnischen Bühne bereits einen- Namen haben. — In Berditschew fand ein jüdischer Straßennmzug statt. 15 000 Juden beteiligten sich an dein Umzug, der von der Stadtverwaltung, vom städtischen Exekutivkomitee, ebenso von den Vertretern der ukrainischen nationalen Partei begrüßt wurde. Die Ukrainer sprachen die Hoffnung aus, daß dieser Weltkrieg den Inden eine Wiedergeburt ihres Volkes in Palästina bringen werde.

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