Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- Seite 372 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- 372 „Was bleibt er nich am Abend zu Hause bei seine Schwestern," ihre rundliche kleine Hand klappt erregt auf den Tisch, „sin dvch gebildte Mädchen, mit die er reden kann! Was geht er immer zu seine Stuß!" „Tante Phine, im Jugendbund droht ihm keine Gefahr," werfe ich ein. „sind wenn auch! Laß er seinen Kopp auf verninftige Sachen lenken. Laß er mir Helsen, seine Schwestern anbringen; laß er meinetwegen auch mal en gut Buch lesen — warum nich { Er hat je >vas gelernt, und von de Bücher wird einer nich dummer. Aber was braucht er fortwährend in Versammlungen zn gehen, wo se'n den Kopp verdrehen int ihre überspannte Ideen! Die Welt ist je gut so. Se wartet je nich auf die Ehachomim und ihr großes Maul, daß se se umwerfen. Die Gesetze sind von de kliegsten Männer aller Zeiten gemacht worden!, und se sin Jahrtausende alt. Ausgerechnet muß der Chochem Benno Löb kommen mit seine Freunde und muß se verbessern. Und eins kommt vons andre. Wenn's heißt: „de Juden sollen verstreut wohnen in allen Landen," da soll der Chochem Benno nich kommen und den lieben Gott vorgreifen wollen. Der da oben wird besser wissen wie er, wann unsere Zeit is, daß wir ins gelobte Land —" Gottlob, wenn Tante Phine so weit fort ist, im gelobten Land sogar, da wird sie doch das Häuschen des Unglücks und der Schande hier irgendwo in Wostocks Vorstadt vergessen. Aber nein, Tante eilt mit Riesenschritten über Jahrtausende auf die jetzige ungemütliche Stunde zu, über unseren ganzen Stamm zu diesem armen unglückseligen Einzelschicksal. „Se haben kein Respekt vorn Alten, de jungen Leute heute," fährt sie mit festem Ton fort, „nichts is en recht, wie's is; se diesen sich alles drehen, wie se's grade in ihre unreifen Koppe kemmt und wie se s gefüllt." Tie „Sticker", nun ist sie wieder da in der Vorstadt, „gehören unter de Polizei, un de liederlichen Mannsleute sollen se besuchen. Das war leider immer so. Hat manch einer sein Geld und seine Gesundheit auf die Art vertan, 's is auch schlimm, wenn en junger Mann alleine is in der Großstadt. Aber was braucht Benno — Here mal, meine Tochter" — sie stockt, und in ihr Gesicht tritt ein Ausdruck wie von einer plötzlichen innerlichen Erleuchtung. „Ich wer mal an den Lehrer in Roschmin schreiben, 's is mir sehr gegen den Strich. Ich Hab' immer gedacht, Benno soll mal warten, bis seine Schwestern angebracht sind. So Mädchen haben en ander Ansehen, wenn's heißt, se haben en unverheiraten Bruder. Aber ich wer doch an den Mann schreiben. De selige Maiern in Roschmin — das war 'ne sehr kluge Frau — hat immer gesagt: „mer soll auch de Jungens frieh anbringen, daß se von de Straße wegkommen." Armer Benno, das habe ich dir nun eingebrvckt. Ich wußte ja vorher, daß meine Mission mißglücken würde, aber daß sie so unglücklich ausgehen könnte, das habe ich nicht geahnt. Und arme Tante! Neue Mühen! Neue Enttäuschungen! Neuer Aerger und Kummer! Benno sich verschadchen lassen? Ich kann gar nicht begreifen, daß zwei Menschen ein Menschenalter lang, fast von der Geburt des einen an, beieinander leben und sich doch so wenig gegenseitig kennen sollen. Was mutete Benno der Großmutter zu! Was die Großmutter nun ihm! Welche Unmöglichkeit ist da wohl die größte?! * Vielleicht wäre es besser in der Welt, wenn die Menschen nicht alle so eigensinnig wären, wenn sie sich ein wenig zu verstehen suchten. Vielleicht stände dann — wer weiß? — ganze Völker sind wie Menschen, die Einzelfehler nur auf die Millivnenmassen übertragen —, vielleicht stände die Welt nicht in Flammen, und tausende Junge, Blühende, Glückliche lebten noch. Aber keiner will dem anderen gerecht werden, keiner den anderen, verstehen und gelten lassen. Und das nennt sich dann Charakter und Wahrung der Ehre usw. Benno ist mir recht unverständlich. Er sagt, ich neige seiner Großmutter Ansicht zu, gäbe ihr recht, ja ich unterschreibe ihre lieblose Abweisung. Aber nein, Benno, ganz und gar nicht. Ich sage mir nur, diese alte, in Vorurteilen ergraute Frau können wir nicht mehr umwandeln und umstimmen, wir können ihr nicht mehr zumuten, nachzugeben. Diese Wandelfähigkeit erwartet man von der Jugend, und man erwartet sie — vergebens. Als habe er, der bei weitem dankbarste von den Enkelkindern, mit einem Schlage alles vergessen, was die Großmutter je für ihn getan hat, so böse ist er auf sie, so häßlich spricht er von ihrem „beschränkten Standpunkt", ihrer „Engherzigkeit und Härte". Dabei habe ich ihm doch das „Nein" so vorsichtig, so ohne alles, was ihn beleidigen und reizen könnte, überbracht. Was mich mehr ängstigt als seine übertriebenen, überzornigen Worte ist der wild entschlossene Ausdruck, den sein Gesicht seit der Aussprache trägt. Was will er? Was plant er? Gäbe Gott, daß es etwas Gutes ist. Ich glaube, er ist wirklich ein schwer zu nehmender Mensch. Die Schwestern haben recht. Arme Tante Phine! Was hat dir alten schwachen Frau das Schicksal mit der Sorge für diese drei jungen, unfertigen Menschen angepackt! * „Tante Trude, ich habe Ihnen ein Geständnis zu machen." „Nun?" „Ich habe de- und wehmütig um Verzeihung zu bitten für einen sträflichen Irrtum: Ihre Verwandten aus Roschmin sind nette Leute." „Danke Ihnen, aber wieso aus einmal? Woher diese plötzliche Erkenntnis, lieber Günther, wenn man fragen darf?" „Weil doch der Apfel nicht weit vom Stamme fällt, und weil die alte Dame — verzeihen Sie, ihre Sprechweise fällt mir noch immer auf die Nerven — doch eine ganze verständige Person sein muß, wenn sie ihre Enkelkinder so gut erzogen hat, kurzum, weil sie Fräulein Paulas Großmutter ist." „Na, dann mag sich Paula bei Ihnen bedanken für die gute Beurteilung ihrer Großmutter." Meine Stimme klingt farblos, ganz trocken und hart. Kein Mensch hört ihr an,, daß sie aus einem Herzen klingt, in dem es plötzlich Nacht geworden ist. Vaters Schwester, meine Tante — nichts konnte seine Abneigung zerstören. Paulas Großmutter — nun ist sie gehoben. „Die Kleine ist nämlich tatsächlich ein nettes Mädelchen und sehr gescheit. Sie hat so vernünftige Ansichten." „So?" Ich weiß nämlich wirklich nicht, wobei schon je Paulas besondere Vernunft zutage getreten wäre. „Ja. Finden Sie nicht?" sagt er ganz harmlos. „Wir haben uns gestern auf dem Weg — das brave Dingchen hat mich bis ins Lazarett begleitet; wir begegneten uns am Markt — sehr gut unterhalten. Tante Trude, Sie müßten bloß mal hören, wie die von Ihnen schwärmt. Wir haben von Ihnen gesprochen." Er schaut mir ins Gesicht. Aus dem seinen liegt ein zärtlicher Ausdruck. Nun ja, er hat eben von dem „netten Mädelchen" erzählt. Er mag wohl staunen, daß meins nicht dankbar lächelt ob der eben vernommenen guten Meinung!. Statt dessen bleibt es gequält: „Ich werde meiner Nichte sagen, daß sie keine jungen Herren zu begleiten hat", sage ich streng. (Fortsetzung folgt.)