Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- Seite 371 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (22. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ^H^eiß ich denn, wie ich auf andere wirke? Ob ich nicht auch im Wesen Absvnderheiten habe, die die lächerliche alle Jungfer kennzeichnen? Nur das nicht, um Gottes willen nur das nicht! Ich graue mich, ich graue mich vor den anderen und mir. Es klingelt? Das ist Cilli. Die Welt war ein großer, grauer Sarg, in dem alle Ansprüche, alle Hoffnungen, alles Liebe und Gute begraben lag mit meinen guten Toten. Da tat sich der Himmel auf und ließ Rosen hinabgleiten, blühende, feurige Lebensrosen und ein Dust von Güte und Freude und Reinheit haftet ihnen an. Und da sah die Welt aus wie ein lichter, blühender Rosengarten. Und all die sonnige, duftende Rosenpracht kommt her von zwei gelblichen Rosen, die in Seidenpapier gehüllt mit einem kleinen Kärtchen bei mir abgegeben wurden, da ich dachte, Cilli Benjamin sei es, die Einlaß begehre. Auf dem Kärtchen steht: „Liebe Tante Trude! Kommen kann ich nicht. Zweimal «in Tage, Fräulein Benjamin, das geht über meine Kräfte. Ich ging mit ihr und den beiden HarmS-Schwestern — das Junggemüse wurde voraugeschickt — den Heimweg. Wissen Sie, was ich auf dem ganzen Weg und schon bei Ihnen dachte? Was ist meine Tante Trude dagegen für ein Frauenzimmer! Wie angenehm wirkt doch Natürlichkeit und Vernunft und Vornehmheit gegen das Gegenteil von alledem! In diesem Sinne genehmigen Sie die zwei Rosen! Schimpfen Sie nicht! Sie kosten wahrhaftig nur 50 Pfennig. Freund Günther." Und diese paar Worte und diese zwei Rosen haben die Welt verzaubert. * „Du, bist du heute abend reizend! Kein Vergleich mit heute nachmittag." „Habe ich es als Wirtin an etwas fehlen lassen, Cilli? Das würde ich mir sehr übelnehmen.* „Unsinn, das kann dir gar nicht passieren, dazu bist du zu sehr vornehme Dame. Ich freue mich ja auch riesig, daß du jetzt, wo wir allein sind, so viel herzlicher bist. Zurücksetzen willst du natürlich keinen, du warst zu uns allen egal. Und jetzt zeigst du, wieviel näher ich dir doch stehe als die anderen. (Oh, Cilli, woher dieser Glaube!) Selbst als deine sogenannte Nichte, die nebenbei gesagt, sei mir nicht böse, ein ziemlich affektiertes Ding zu sein scheint. Uebrigens so was von Koketterie, wie die beiden Harms —" „Ach, Cilli, was wollen wir über andere Leute reden! Es gibt ja Gescheiteres in der Welt zu tun." „Hast recht, was gehen uns die ekelhaften Antisemitinnen — das Risches liegt ihnen auf den Stumpsnasen — an! Reden wir von uns! „Hat er geschrieben?" „Wer?" frage ich lustig. „Na, der Magdeburger?" „Nein, Gott sei Dank nicht!" Ich lache fröhlich dabei auf. Kein bißchen krankt es mich mehr, daß ich nicht begehrt worden bin. Drüben im Schlafzimmer, auf meinem Nachttischchen, stehen Günthers Rosen. Die ersten, die ich je von ihm bekam. Was bei den jungen Herrchen, die in unserem Kreis erzogen sind, gang und gäbe ist, daran denkt der junge Bäckerssohn gar nicht. Von ihm ist es eine wahre Huldigung. „Woran denkst du, Gertrud?" „Ich? An gar nichts. Doch ja, an den Herrn Simon aus Magdeburg. Von dem sprachen wir ja wohl." „Was sagst du aber, wenn ich dir sage, daß ich mit ihm in Briefwechsel stehe?" „Du, Cilli? Wieso denn das?" „Ich habe — ach Gott, aus Ulk nur habe ich der kleinen Mimi, von der er so niedliche Witze erzählte, eine Ansichtskarte geschickt, für die er sich sehr liebenswürdig bedankt hat. Eventuell möchte ich ihm sogar Vorschlägen — du weißt ja, wie es mir bei meinen lieben Eltern gefällt —, ich würde auch als Hausdame zu ihm gehen." „Spätere Heirat nicht ausgeschlossen", setze ich lächelnd ein. „Das wäre — ach nee du, weißt du, so viel Glück habe ich nicht. Immerhin, ich käm' hier erst mal fort." Als sie weggegangen ist, eile ich in mein Schlafzimmer und drehe das Licht an. Der Schein der Ampel fällt voll auf die zwei weißen, reinen Rosen. Ich presse ihre zarte Kühle auf meine brennenden Lider. Nun ist mir wieder gut und wohl. Ich habe Tante Phine das, was Benno von mir verlangte, gesagt, mit so viel Vorsicht und Berechnung, wie ich sie wohl noch nie in meinem Leben angewendet habe. Natürlich alles vergebliche Mühen! Nicht nur, daß Bennos Bitte sich nie erfüllt — es ist mir nicht gelungen, Tante, die sich jetzt schon an sich über so vieles aufgeregt hat, neue Aufregungen zu ersparen. Wie außer sich war sie, als sie endlich begriff. Bennos Freundin sich ihr und ihrem Hause nähern? Der ganze unermeßliche Hochmut der reinen Frau der vorigen Generation gegen die, die das Schicksal nicht in diese unbedroht hohen, von allem Gemeinen sorglich abgeschlossenen Zonen gesetzt hat, trat zutage. Grob wurde sie, auch zu mir. Merkwürdig, Tante Phine hat ihren Bruder so geliebt, daß ich sie liebhaben muß als ein Stück von ihm selber. Aber, wenn sie mit mir schilt, dann sagt sie: „Wie dein seliger Vater." Ich glaube, in der Jugend hat sie Väterchen stark unter dem Pantoffel gehabt, ehe sie auseinanderkamen. Wenn sie dagegen etwas an mir lobt, führt sie es auf die Mutter zurück, und ich weiß doch, wie die beiden sich standen. Ist wirklich nur damit, daß „mein Vater immer ein unpraktischer Mensch war", meine Ansicht erklärt, wenn ich behaupte, daß wir nicht besser sind als diese Aermsten der Armen, sondern es nur besser haben? — Wenn man nur die Mutter von Luzi bedenkt -- um Gottes willen, daß mir nur nie wieder passiert, sie vor Tante Phine beim Vornamen zu nennen. Darin scheint ihr ein Geltenlassen dieser armen Person zu liegen, das das Maß der ihr zukommenden Ehre weit überschreitet. Das Elend dort erbarmt sie gar nicht. Schon davon zu sprechen und zu hören, schien ihr die Reinheit des eigenen Hauses zu bedrohen. „DasStück" heißt die arme Luzi und „der Allst" ihr Anhang und ihr Erlebe». „Ich soll ihr die Hand geben? Ich? Die Treppe r'unterwerfen so eine, die wagt —" „Soll ich das Benno so bestellen, Tante Phine?" „Ja, tu es," sie hört gar nicht meinen Vorwurf heraus. „Ich will von den Stick nich miten reden." Und dann kommen zum erstenmal auch für ihren Lieblingsenkel recht schmückende Beiworte. Sie hat rote Flecken bekommen auf ihre gelblichen Backen, die sich lose um die zornig herabhängende Lippe sacken. Heute sieht sie beängstigend alt ans, ganz verfallen.