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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 370 (sequence 10)
Language
German
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■- 370 der sämtlichen biblischen sowie Nachbiblischen kirchlichen Schriften des israelitischen Altertums durch den jungen Juden der Gegenwart. Einerseits verwischte cs den einheitlichen Gesamteindruck der fest ineinander gefügten Hofmillerschen Darlegungen, wenn wir hier die längere Hauptstelle seines Aufsatzes zerrissen und im einzelnen mit Glossen begleiteten. Anderseits schwölle dann unsere Mitteilung, die eben eigentlich nichts anderes als eine Mitteilung sein will, zu sehr an. Also heben wir seinen zusammenhängenden Ausbruch größter Wertschätzung heute forterbender jüdischer Tradition — S. 809 bis 810 des angeführten Heftes — hier im Wortlaut heraus, zumal auch seine ganze warme Widerspiegelung jüdischen Empfindens und Feierns überaus anziehend wirkt trotz mehrfacher schiefer Auffassung, wie sie beim Traußenstehenden, insbesondere angesichts nicht durchweg maßgebender Quellen, voll erklärlich sind. Davon ausgehend, daß der Durchschnittsbegriff eines Gymnasiasten von der Geschichte und Entwicklung des Christentums und seine Durchschnittskenntnisse von religiöser Literatur gleich dürftig seien, unternimmt Hofmiller einen weit ausgedehnten Spaziergang auf das benachbarte jüdische Gebiet. „Schon öftei^ hat man sich gewundert über die außerordentliche konservative Macht des jüdischen Glaubens. Alljährlich beobachten wir, wie stark sich an den hohen jüdischen Festtagen, am Pessachfest, am Neujahrs- und Versöhnungstage alle Juden ihrer Glaubensnnd Stamineszugehörigkeit bewußt werden, wie auch die Lauesten und Modernsten mit einem Male wieder wissen, daß sie Juden sind, und sich auf der Straße im Festkleid, schwere Andachtsbücher unterm Arm, offen als Juden bekennen. Sollte das nicht hauptsächlich den heiligen Texten zuzuschreiben sein, die der kleine jüdische Schüler in die Hand bekommt, fast noch ehe er sie versteht? An ihnen lernt er lesen: heilige Schriftzeicheu sind die ersten, die er mühsam entziffert. Er lernt, zuerst deutsch, dann hebräisch, all die feierlichen Gebete: Morgen- und Abendgebete, Tisch- und Sabbat-, Freuden- und Trauergebete. Tie Haggadah, der großartige, dramatisch aufgebaute Bericht vom Auszug Israels aus Aegypten, wird ihm jedes Jahr durch das Pessachfest zum tiefer erfaßten Erlebnis. Tie Wegschaffung des gesäuerten Brotes, die Verbrennung des allenfalls noch gefundenen, die Bereitung der Sederschüssel, das Kidduschgebet, die Frage des Jüngsten nach der Bedeutung dieser Nacht, die Antworten der Tischgesellschaft, die große Strafenaufzählung mit dem Vierzehnmal sich wiederholenden „Ties wäre uns genug gewesen", der 113. und 114. Psalm, der Genuß des Weins und der Mazzoth, das Gebet um baldige Erbauung der heiligen Stadt Jerusalem, das symbolische Oeffnen der Tür, der 115. Psalm, das große Hallel, das ergreifende Nachtgebet mit dem immer wiederkehrenden Reim „Nacht" und dem siebenmaligen „Es war in der Mitte der Nacht", das darauffolgende und ihm genau entsprechende Pessachgebet mit dem steten Reim „Pessach" und dem wieder siebenmaligen „So sprechet vom.Pessachfeste", der Lobgesang mit dem sich einhammernden Kehrreim vom „Reich", der seltsame Ruf „Zum kommenden Jahr in Jerusalem", die siebenmalige Bitte um Wiedererbauung des Tempels, die feierliche Auslegung der Zahlen von 1 bis 13, das uralte geheimnisvolle chaldäische Märchen vom Lämmchen zuletzt: ein Nichtjude kann kaum von fern nachfichlen, wie ungeheuer die jährliche Wiederkehr dieses eindrucksvollen häuslichen Gottesdienstes in der heiligen Sprache wirkt. Hier, in der engen Verbindung von Religion und Familie, im Einssein von Gemeinde und Haus am Pessachfest, in dem ungebrochenen Bewußtsein der Einheit von Glaube und Heimat, hier ist der Schlüssel zum konservativen Charakter des Judentums, zugleich auch der zum auflösenden Charakter alles Judentums, das diese Einheit preisgibt. Wenn dann der kleine Jude in seinen Kenntnissen vorschreitet, liest er Stellen aus dem Pentateuch und lernt durch Propheten und Psalmen Leid und Freud seines Volkes kennen. So sind ihm von Anfang an die heiligen Texte ehrwürdig und vertraut zugleich. In die weiche Knabenseele drücken sich die tausendjährigen Worte, und kaum bedarf er eines äußeren Anlasses, so wachen sie auf und üben ihre einstige Macht: der Mann wird an ihnen zum Kinde, ihn ergreift ihre Gewalt und rührt ihr uralter Klang. In den 26 Aufsätzen des Buches von Norrenberg: „Die deutsche höhere Schule nach dem Weltkriege" steht je ein Beitrag über katholische und protestantische Religionslehre und religiöse Erziehung, aber nichts über den jüdischen Religionsunterricht. Das scheint sonderbar, wenn man bedenkt, daß unsere höheren Schulen auch von vielen Juden besucht werden. Aber selbst wenn dieser Beitrag durch einen Zufall vergessen worden wäre, so hätte der Zufall recht: am jüdischen Religionsunterricht braucht nichts geändert zu werden, weil er auf der gemeinsamen Lesung und Erklärung der heiligen Texte aufgebaut ist, auf den Festen des jüdischen Jahres und den Tatsachen der jüdischen Geschichte, auf den für Handeln und Wollen entscheidenden Mächten der Seele, aus Gemüt, Erinnerung und Phantäsie, nicht auf einem in Pensen abgeteilten, von einer Stunde auf die andere aufgegebenen und examinierten und von einem Tag zum anderen vergessenen Buchwissen, das höchstens zu Prüfungszwecken notdürftig und unwillig wiederholt wird, um sich unmittelbar darauf desto gründlicher zu verflüchtigen." Und nun fragt Hvfmiller in engster Anlehnung an dieses begeisterte Lob: „Aber haben wir nichts, was der Haggadah gleichzustellen wäre? Besitzen wir nicht eine Liturgie von unausschöpfbarer Fülle, Schönheit und Tiefe, Zeremonien von ergreifender Bedeutung, eine gewaltig aufgebaute Tragödie, alljährlich sich wiederholend wie die Haggadah und in heiliger Sprache niedergelogt wie sie?" Als solche betrachtet er die Summe der Osterliturgie, von der sogenannten großen Passiv»! bis zur berühmten Osterbotschaft, die für alle und immer in Goethes „Faust" weltliterarisch verewigt ist. Danach stellt er die rhetorische Frage: „Ist es nicht schmerzlich, sich zu vergewissern, wie wenige katholische Schüler unserer Gymnasien diese wundervollste aller Liturgien kennen?", nennt es höchst absurd, die Schüler an gewöhnlichen Sonntagen in einen für sie veranstalteten Gottesdienst zu zwingen, dagegen an den drei Hauptsesten — natürlich Ostern, Pfingsten, Weihnachten, weil diese in die betreffenden Schulserien fallen — sie nicht zum Besuche des Gottesdienstes zu zwingen, „genau, wie wenn es ein jüdisches Jahr ohne Pessach gäbe, ohne Roschhaschono und Jom kippur"! Wir bewundern, gewiß alle Leser mit uns, die Gründlichkeit in der unvoreingenommenen Würdigung einschlägiger jüdischer religiöser und ritueller Anschauungen, überhaupt die Kenntnis jüdischer kirchlicher Gewohnheiten, auf die wir in diesem überraschenden Zusammenhänge stoßen. Als Ziel, nicht einmal als Nebenaufgabe kann uns hier natürlich nicht im geringsten vorschweben, die mannigfaltigen kleinen Mißverständnisse in Hofmillers Schilderung zu berichtigen. Sogar deren handgreiflichen Grundirrtum, als ob die ihm genau bekanntgewordene, ziemlich orthodoxe Zeremonien- und Unterrichtsform mit etwas zionistischem Anstrich heutzutage in deutschen Landen tonangebend wäre, korrigiert ja jeder Selbstbeteiligte ohne weiteres. Das hindert aber keineswegs, den äußeren und inneren Wert dieser sorgsamen Ausführungen aus der Feder eines freidenkenden (nicht freidenkerischen) modernen Katholiken hoch anzuschlagen, der nicht etwa nur mit seinen zwei bisherigen Sammelbänden „Versuche" (1909) und „Zeitgenossen" (1910) als ein hochangesehener Kritiker und Stilist dasteht. Fl.

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