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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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; ) I i V. 29. April 1827. Vor ein Paar Tagen haben wir den zweiten Teil von Heines Reisebilder erhalten. Das Buch ist voll Geist und Witz, und trotz der ungeheuren Frechheit, die in Deutschland kamn ihresgleichen haben kann, voll Empfindung und Seele. Das; der Verfasser ein Dichter ist. ein Dichter voll freier, eigentümlicher Weltanschauung, können seine bittersten Feinde nicht abstreiten. Das Buch >vird Lärm machen und wahrscheinlich mehr durch seine Sünden als durch seine Tugenden; ich will nur wünschen, daß der Verfasser ohne Anfechtung bleibt. Er ist gegenwärtig in London, wie ich höre, und das wird ihm in jedem Falle sehr gut sein. Manches in seinem Buch ist wahrhaft erhaben; andres von reizender Süßigkeit; er schreibt im ganzen mit wahrer Beredsamkeit, dem Ohre schmeichelnd und den Sinn fesselnd. Dies anzuerkennen und gelten zu lassen, wäre verdienstlicher, als ihn nur so grobweg zu tadeln; auch ich tadle ihn, aber das ist keine Kunst, und dafür weiß ich ihn auch zu loben. In unfern Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik wird nächstens eine Rezension von Jmmermann über ihn erscheinen, die ihn aus einem neuen Gesichtspunkt zeigt und unter andern; mit Petrarka vergleichen will, wogegen sich großes Geschrei erheben dürfte und zum Teil, schon vor dem Druck, erhoben hat. D. 14. Oktober 1827. Ein paar Worte, die ich an Heine schrieb, werden Dir meinen vorläufigen Gruß gebracht haben, wenigstens trug ich es ihm auf. Er fragte wegen seines Hierherkommens an; wir, Rahel und ich, antworteten bejahend. Nun bleibt er dennoch aus! Du siehst ihn hoffentlich. So gern ich ihn wiedersehe, hätte ich ihm doch einen längeren Aufenthalt in England gewünscht; sein Talent bedarf gediegener Nahrung und weiten Spielraums zum Erleben. Die „Reisebildcr" werden noch nicht nach Verdienst anerkannt, weil jeder Philister, aus das Skurrile deutend, das Geniale darin leugnen kann; aber gewiß, Heine macht es seinen Freunden so schwer als möglich, ihn zu verteidigen und zu loben. R. M. 25. Januar 1828. Heine ist abgereist, ohne Abschied von uns zu nehmen. Assing sah ihn zuletzt ans der Straße; er erzählte, er habe einen Ruf nach München erhalten und wolle uns nächstens besuchen, um uns etwas Näheres darüber mitzuteilen, doch haben wir ihn nicht wiedergosehen; der Zeitpunkt seiner Abreise mag ihn übereilt haben. Heines Aufenthalt in München dauerte nicht viel länger als der in England. Der letztere war nur zu einer Bergnügungs- und Belehrungsreise bestimmt. Das Verweilen in München sollte dazu dienen, die im Eottascheu Verlage erschienene Zeitschrift „Die Annalen" herauszugebcn. Es ist freilich bekannt, daß Heine an die bayrische Hauptstadt große Hoffnungen knüpfte auf die Verleihung einer Professur, Hoffnungen, die sich jedoch nicht verwirklichten. V. 6. März 1828. Von Heine habe ich lange keinen Brief gehabt; ich zweifle, daß es ihm in München auf die Dauer gefällt; er muß meines Bedünkens noch mehr in der Welt umherstreisen; was in ihm ist, kann er nicht allein herausbringen; es müssen die äußeren Gegenstände seine Bildung übernehmen. V. 27. April 1830. Das zweite Exemplar Zinzendorfs ist für Heine. Gebt cs ihm mit meinen Grüßen! Bei seinen vielen neuesten Anfechtungen muß man ihn möglichst unterstützen, denn wenn er auch im einzelnen oft über alles Maß hinausgeht, so hat er doch im ganzen völlig recht, und an Talent überragt er alle seine Gegner. Die in der letzten Mitteilung erwähnte Biographie Zinzendorfs, des Begründers des Herrnhuter Ordens, durch Varnhagen war 1830 als ein Band der schon erwähnten, „Biographischen Denkmale" erschienen. Von Heine habe ich seit seinem ersten Briese aus Paris keine weitere Nachricht als durch fremde Erzählung, daß er sich den St. Simvnisten annähere. In dieser neuen Sache liegt eine große grast; die jetzige Gestalt wird schwerlich dauern, die Grundsätze und Lehren aber wirken unaufhaltsam fort und der Einfluß dieser Richtung wird sich in der ganzen europäischen Welt fühlbar machen. Dies ist meine Meinung davon. Die meisten Leute halten sich fürerst nur an das Auffallende und etwas Lächerliche, was ganz obenauf liegt und der Sache schon nicht mehr schadet. B. 17. Februarl832. Von Heine stehen im Januar und Februar in der „Allgemeinen Zeitung" mehrere große Artikel, die wegen der Merkwürdigkeit des Inhalt und wegen der Meisterschaft der Abfassung auch noch nach Jahren gelesen zu werden wert sind. Die politischen Aufsätze, von denen in der letzten Notiz die Rede war, wurden von Heine in den „Salon" ausgenommen. Nachdem Rosa Maria am 12. April 1835 ihre Hoffnung ausgesprochen hatte, den bewunderten Dichter in Paris wiederzusehen, wurde ihr dort wirklich das ersehnte Glück zuteil. Sie hatte mit ihren beiden Töchtern eine Reise nach Süddeutschland und Paris unternommen, hauptsächlich um selbst die große Stadt kennen zu lernen und ihre Töchter in eine fremde Welt einzusühren. Von der Begegnung mit Heine berichtet sie in dem folgenden Brief. R. M. Paris, 10. Juli 1835. Dann hatten wir auch die Ueberraschung, Heine noch zu sehen, auf die wir schon verzichtet hatten, weil wir ihn schon nach Boulogne sur mer abgereist glaubten. Wir haben uns außerordentlich gefreut, als er unvermutet bei uns eintrat. Unser Wiedersehen war äußerst herzlich, und er schien sehr bewegt; ich glaube, ihm standen die Tränen in den Augen und mir war seine ganze Erscheinung in der tiefsten Seele erfreuend. Er blieb lange bei uns, wir haben viel gesprochen, er sprach durchaus ernst, tief, verständig, geistreich, sinnig; ich wollte, diejenigen, die ihm immer Frivolität vorwersen, hätten ihn gehört und gesehen. Es geht ihm übrigens hier über die Maßen gut, und baß er nicht nach Deutschland zurückverlangt, ist zu begreifen. Er lebt hier in der geistreichsten und gewähltesten Gesellschaft, in den ersten Kreisen, in denen, wie von dem Publikum, sein Geist und Talent volle Anerkennung findet. Er hat mir versprochen, uns nochmals zu besuchen, und leid wäre es mir sehr, ihn zu verfehlen. R- M. 20. September 1835. Heine schrieb mir in seinem Brief: „Ich bin höchst begierig. Sie zu sehen und zu sprechen. Ich bin seit Jahr und Tag ganz ohne unmittelbare Nachricht von Ihrem Bruder, meinem lieben, lieben Freunde. Ich schrieb ihm noch nicht aus Furcht, daß mein Brief ihn kompromittieren könnte, denn man hat mich in dieser Hinsicht gewarnt. Die tolle Zeit hat alle Verhältnisse und Beziehungen so verdrießlich und unbequem verschoben." Er läßt Dich dann herzlichst grüßen, — ihn gesehen zu haben, freut mich ganz außerordentlich; er hat uns sehr gefallen, er sprach sehr ernst, sinnig, verständig und geistreich. Zum Verständnis des Vorstehenden und einiger nachfolgenden Bemerkungen ist darauf hinzuweisen, daß die Zensur schon seit 1832 gegen Heine mit äußerster Strenge vorgegangen war. Im November 1835 war er, durch eine preußische Ministerialverfügnng, im Dezember des genannten Jahres durch einen Bundestagsbeschluß als das Haupt des „Jungen Deutschland" für völlig versehmt erklärt und das schon früher erlassene Verbot seiner Schriften endgültig erneuert. In den dadurch erregten Streitigkeiten nahm Heine eine äußerst würdige Stellung ein, weit würdiger als die übrigen zu Teil-

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