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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 367

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 367 (sequence 7)
Language
German
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ml die «Sympathie mit allem, was Menschenantlitz trägt, die Erkennung des Ich in dem Anderen, die Losreißung des Ich von der Selbstsucht, die Humanität ist das höchste Ideal, wie aller Kultur, so insbesondere auch des Unterrichts. Aufklärung ist Klärung des Begriffs der Humanität. Mrurs über Heine. Mitgeteilt von Ludwig Geiger. ie nachfolgende Uebersicht völlig unbekannter und unbenutzter Stellen dürfte, wenn sie auch nicht überraschend neue Tatsachen ans Licht zieht, doch wegen ihrer Urteile und ihrer Mitteilungen in weiteren Kreisen höchstes Interesse zu erregen geeignet sein. Denn diese Mitteilungen und Urteile über Heine rühren zum überwiegenden Teile von einem der feinsinnigsten Kritiker, Varnhagen von Ense, her, einem Manne, der von Heines Berliner Anfängen bis zu seinem Tode aufs engste mit ihm verbunden war, der mehrfach während feiner Verfolgung als Führer des „Jungen Deutschland" und bei seinem Bemühen, nach Deutschland, ja selbst nach Berlin zurückzukehren, tätig für ihn eintrat und der von Heine selbst stets mit größtem Respekt genannt, öffentlich gerühmt wurde und ebenso wie feine geistvolle Gattin Rahel Widmungen Heinescher Schriften erhielt. Diese Urteile find um so interessanter, als sie den intimsten Charakter an sich tragen, denn es sind Bekenntnisse, die Varnhagen seiner Schwester Rosa Maria Assing, der Frau eines gebildeten Arztes in Hamburg, anvertraute. Diese, selbst eine talentvolle Schriftstellerin, leicht empfänglich für Neues, empfand für den Schriftsteller und Menschen Heine, der ihr von ihrem Bruder am 10. Mai 1823 zugewiesen wurde, lebhafte Sympathie, brachte diese in den an den Bruder gerichteten Antwortzeilen zu lebhaftem Ausdruck, verteidigte ihn in ihrem Zirkel, machte ihn auch den Ihrigen sympathisch, so daß ihre beiden Töchter Ottilie und Ludmilla eine der Mutter ähnliche Zuneigung zu dem Dichter empfanden. Die Zeugnisse dieses großen Interesses von Bruder und Schwester, beide den Briesschätzen der Varnhagenschen Sammlung in Berlin entnommen, mögen hier chronologisch geordnet, nur mit den nötigsten Anmerkungen begleitet folgen; das vor die einzelnen Notizen gesetzte „v." bedeutet Varnhagen, „R. Dt." dient zur Bezeichnung der Rosa Maria. R. M. 17. September 1823. Heine ist von Cuxhaven wieder zurückgekommen und hat uns besucht. Auch seine Schwester Lottchen von Emden hat er mir zugeführt, ein freundliches, zartes und jugendliches Weibchen. Er geht von hier nach Lüneburg und ist wahrscheinlich schon abgereist, und später, zum Frühjahr, glaube ich, nach Göttingen, um dort noch ein Jahr zu studieren. V. 21. Oktober 1823. Heines Absicht, nach Göttingen zu gehen, muß ich sehr billigen. Wieder nach Berlin zu kommen, hätte für ihn gar nicht getaugt und doch hatte er dazu am meisten Lust. Er muß sich tüchtig zusammennehmen und sich im Leben jedes Schwindeln und Nebeln ernst untersagen, sonst läuft er Gefahr, in hohlen Eitelkeiten und Täuschungen zusammenzubrechen. Ich Hab' es ihm auch selbst gesagt, und wenn er mir deshalb auch etwas böse ist, so schadet das nicht. Indessen sei er mir bestens gegrüßt, wenn er in Hamburg ist, denn ich nehme wahren Anteil an ihm und seinem Wohlergehen. R. M. 26. Mai 1826. Heine erzählte mir, er habe erfahren. Dir seiest krank gewesen, nun aber wieder ganz hergestellt, sonst, fügt er hinzu, würde er es mir nicht erzählt haben .. . Die „Harzreise" von Heine habe ich im „Gesellschafter" mit großem Vergnügen gelesen. Man erkennt darin durchweg einen poetischen Sinn, und sie hat etwas so Lebendiges und Jugendfrisches, das ungemein anziehend ist. Heine hat ein schönes Dichtcrtalent; wenn er gut damit umgeht, wird sich noch vieles in ihm entwickeln und gestalten, und manches Schöne und Gehaltvolle kann er noch zutage fördern. Seine Gedichte zeichnen sich sehr aus und sind mir unter den neuesten die liebsten. Er besucht uns zuweilen und ist uns stets willkommen. Assing hält ihn für sehr eitel und allzusehr von sich eingenommen; es ist wahr, er scheint wenig Anteil an Dingen zu nehmen, die nicht mit ihm in Beziehung stehen, und spricht viel und gern über sich selbst, aber immer geistreich, und ich mag mich gern im Gespräch mit ihm ergehen und bin ihm zugetan wegen der großen Liebe «und Verehrung, mit welcher er stets von Euch spricht. V. 30. Mai 1826. Ihr habt jetzt wohl schon Heines „Reisebilder". Die Zueignung ist seltsam genug, kömmt aber unstreitig aus seiner besten Ader. Das Buch hat geniale Laune und tiefe Schönheiten, doch überwiegt das Wunderliche. Selten findet man so viel rücksichsvolle Zartheit und schonungslose Willkür beisammen. Blich freut es ungemein, daß Ihr Heine oft seht, daß er Euch hat und Ihr ihn. Man muß ihm vieles nachsehn, er verdient es; seine besten Eigenschaften sind mit seinen Auffallenheiten verwachsen, und nur die innere Entwicklung kann das Verschiedenartige einst wieder trennen. Ich habe ihm schon heute geschrieben, doch mögen auch hier immerhin freundliche Grüße für ihn stehn! Die erste Buchausgabe der „Reisebilder" war Friederike Varnhagen, der Gattin unseres Briefschreibers, der berühmten Rahel, zugeeignet. Das in der nächsten Notiz erwähnte Buch Varnhagens ist einer der Bände seiner bekannten und berühmten Sammlung „Biographische Denkmale" — der zweite Band der „Heineschen Reisebilder" erschien 1827. Die von Rosa Maria erwähnten Leser des ersten Bandes sind Mitglieder der Hamburger Familien, auf die nicht weiter eingegangen zu werden braucht. Nur mit einem Wort mag darauf hingewiesen werden, daß der in diesen Blättern schon oft angeführte Steinheim Arzt, Philosoph und Dichter ist. R. M. 24. Februar 1827. Dein Paket an Heine konnte ich erst den 22. Januar besorgen. Ich erkundigte mich gleich nach ihm und hörte von seiner Schwester, daß er jeden Tag erwartet würde. Indes verzögerte sich doch seine Ankunft bis zu dem genannten Tage. Er freute sich sehr über Dein Buch und trug mir auf. Euch vorläufig zu grüßen, da er wohl nicht gleich schreiben würde. Der zweite Band seiner Reisebilder wird wohl nächstens erscheinen. Diese Reisebilder machen außerordentliches Aufsehen; man vernimmt die widersprechendsten Urteile darüber. In unserm Kreise ist fast alles gegen ihn, lind ich stehe allein mit meiner Freude und meinem Wohlgefallen daran; ich schätze sie sehr und halte Heines Talent für ausgezeichnet. Steinheim ist am ärgsten dagegen aufgebracht, Assing läßt es auch an scharfem Tadel nicht fehlen, Birkenstock hielt es nicht der Mühe ivert, das Buch aufzuschneiden, und Stintzing wollte es seine Frau nicht lesen lassen, und aus meine Gegenrede meinte er, es sei doch wahrlich nicht chevaleresk, einer Dame ein solches Buch zu bieten. Ich freue mich allen zum Trotz auf den zweiten Band und lasse mich nicht irremachen in meinem Urteil, noch in meinem Gefallen daran stören. Steinheims Frau, sonst so ziemlich der Nachhall von Steinheims Urteil, hat diesmal auch eine eigene Meinung und hat das Buch mit großem Interesse gelesen und wieder gelesen und gesteht ihm wenigstens viel Schönes zu.

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