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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 366

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 366 (sequence 6)
Language
German
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566 nicht von dem Wahne beirren, als ob ihr nicht dem deutschen Staate dienet, wenn ihre eure Religion behauptet! Erkennet den Wert eurer Religion für die fortschreitende sozialethische und für die messianische Vertiefung des deutschen Staatsbegriffs! Erkennet schon aus der Bedeutung der jüdischen Svzialethik der Propheten und aus dem Mestianismus des Juoentums den Knlturwert desselben für alle ferneren Ausgaben des modernen Staates, die unserem geliebten deutschen Vaterlande jetzt vor Augen treten als die unmittelbaren Pflichten der nächsten Zukunft! Lasset die Aufklärung in euch zur wissenschaftlichen Einsicht reisen und übet die Wohltat der Toleranz zunächst auch an eurer eigenen Religion und ihren Bekennern! Eine pädagogische Konsequenz möchte ich noch aus diesen Betrachtungen zu ziehen versuchen für den Religionsunterricht. Er bildet bekanntlich jetzt ein schwieriges Problem der allgemeinen Schule. Von der einen Seite wird seine Entfernung aus der Schule verlangt und seine Ueberweisung an die Kirchen und Gemeinden. Dieses Verfahren scheint eine doppelte Gefahr in sich zu bergen, sowohl für die Schule wie für den Religionsunterricht. Was zunächst die Schule betrifft, so wird sie hierdurch der großen literarischen Schätze beraubt, welche die Religionsurkunden in sich enthalten und deren Hebung der wissenschaftlichen Arbeit und Sachlichkeit bedarf. Damit ist zugleich mit dem Schaden für den allgemeinen Schulunterricht auch die Gefahr bezeichnet, welche dem Religionsunterrichte droht, wenn er der geistigen Atmosphäre der Schule entrückt und der konfessionellen Gebundenheit der Kirchen überantwortet wird. Sollen wir im Religionsunterricht wieder in die Klosterschule zurückfallen? Hätte Luther seiner geschichtlichen Tendenz nach nur für die Wissenschaften die Schule zur Ausgabe der Obrigkeit, zur Staatsschule gemacht, und etwa nicht auch für den Religionsunterricht? Die Schule darf den Religionsunterricht nicht von sich weisen, und ebensowenig darf der Religionsunterricht von dem allgemeinen Geiste der Schule abgelöst werden. Von' anderer Seite wird nun aber für den Religionsunterricht kn der Schule sogar ein Ersatz eingeführt in dem Moralunterricht. Damit aber käme man vom Regen in dle Traufe. Welche Nt oral ist philosophisch so einwandfrei begründet, so daß sie in der Schelle gelehrt werden könnte? Soll etwa die der Engländer eine solche unbestreitbare Universalität haben oder die Spinozas, oder die Herbarts, oder die Schopenhauers? Nur die Mißachtung der philosophischen Systematik und ihrer innersten Geschichte konnte einen solchen Vorschlag machen. Nur die allgemein noch herrschende Verblendung gegenüber der Kulturhöhe, welche die Sittenlehre Kants bildet, kann ihn erklärlich machen. Wir haben es jetzt erlebt, aber es wird nicht hinreichend erwogen, wie tief der Haß gegen Deutschland, zumal in Frankreich, in dem Haß gegen Kant wurzelt. Noch heute sollen die französischen Zeitungen immerfort von Herrn Bergson und Genossen gegen diesen Herd des preußischen Militarismus eifern. Sie wenden sich allerdings an die richtige Adresse; denn die Gründer unseres Heerwesens, diese edlen, wahrhaftem Volks- und Menschenfreunde, die Schar n hör st und Gneis enau, Bvyen und E l a u s c w i tz, sie waren treue Anhänger und Schüler Kants. Es war daher ein schwerer Verstoß gegen die nationale Bildung und Pietät, als man im Liebäugeln mit der Romantik Kant hintanstellte und demzufolge auch die bösen Geister des Auslands nicht erkannte und sie zu feiern sich erniedrigte. Solange keine Einigkeit erzielt ist über den methodischen Wert der „Kritik der praktischen Vernunft", kann von einer wissenschaftlichen Pädagogik ein Moralunterricht in der Schule Nicht zugelassen werden. Dahingegen können wir nunmehr den gesunden Kern in einer anderen Zeitbewegung erkennen, nüinlich in der Tendenz zur Religionsgeschichte. Auch sie enthält freilich große Gefahren in sich, vollends insofern sie die Religionspjychvlogie begünstigt vor der Religionsphilosophie. Indessen waltet doch in ihr ein geschichtlicher Geist, der sich dem Prinzip der Aufklärung nicht gänzlich entfremden kann. Wenn die Religionsgeschrchte erst von der Religionsphilosophie durchdrungen, geleitet und erleuchtet sein wird, dann werden sich auch das didaktische Maß und der pädagogische Takt etn- - stellen, um sie zu einem Gegenstände des Schulunterrichts zusammenzufassen. Damit aber würde ein wahrhaftiges, ein unzweideutig wirksames Einigungsband der Konfessionen gewonnen werden. Ich sehe von der allgemeinen kulturgeschichtlichen Aufklärung ab, um besonders hier aus den Gewinn zu achten, der für die Einigung der Konfessionen in unseren Schulen unfehlbar sein würde. Wenn der christliche Schüler es sich doch gefallen lassen muß, daß der jüdische Schüler neben ihm sitzt, so wird er immer von einem Unbehagen berührt vel dem Gedanken, daß der letztere an den Lehren der Pharisäer hängt, über welche die Evangelien ihre tendenziöse Kritik gefällt haben. Wenn er nun aber im religionsgeschichtlichen Abriß nach den rabbinischen Urkunden diese Pharisäer kennenlernt als die Helden des religiösen Martyriums und zugleich als die Enthusiasten für strenge, wenngleich auf den religiösen Zielpunkt eingeschränkte, aber dennoch weithin erstreckte Kultur des logischen, deS wissenschaftlichen Geistes, wenn er diese Dialektiker ferner kennenlernt in der ganzen Schlichtheit und Deiuut ihres Wesens, die als Handwerker und Tagelöhner zugleich erhabene Sittenlehrer waren, dann wird er unserem Herder dankbar sein für die „Proben rabbinischer Weisheit", die er seinen Völkerstimmen beigesellt hat. Und m einer solchen Enzyklopädie wird der christliche Schüler ferner auch von dem jüdischen Mittelalter eine Kenntnis erlangen, das für die moderne Bildung bisher ein gänzlich verschlossenes Buch ist. Und ebenso wird alsdann der jüdische Schüler deS tiefinnerlichen Einflusses innewerden, welchen die Erneuerung des Judentums, die Moses Mendelssohn herbeigeführt hat, dem deutschen Geiste verdankt, dem Geiste der Humanität, dieser edelsten Blüte der deutschen Reformation. Es ist wahrlich ein wundersames Beispiel für die Wechselwirkung, als das eigentliche Zaubermittel der Entwicklung, welches sich in jenem Zeitalter der deutschen Ausklärung für die Religion überhaupt und insonderheit für das Judentum emporringt: der neue Humanismus geht zurück aus die uralten Wurzeln des Messianismus. Und der Humanismus fühlt sich so eigenkrästig, daß er sich dieser seiner Abkunft vom prophetischen Messianismus gar nicht bewußt wird. Wie hätte Kant das Judentum beurteilen müssen, wenn er dieses Zusammenhangs seines Weltbürgertums und seiner Menschheitsidee mit dem Prophetismus innegewovden wäre! Diese Verschmelzung dürfte aber die Bedeutung eines Vorbildes und Vorzeichens für die religiöse Verständigung auch in unserer Zeit in sich tragen . . . Und so komme ich zum Schlußfazit aller dieser Forderungen und Hoffnungen, welche aus den vereinigten Prinzipien der Aufklärung und der Toleranz gezogen werden konnten. Was ist der Inbegriff aller Religion und die letzte Probe der Gottesehre selbst? Liebe deinen Anderen, und du bezeugst, daß du Gott liebst. So hat Hillet die Quintessenz der Religion einem Heiden gegenüber bezeichnet, und so auch Jesus auf die Frage der Schristgelehrten. Die Menschenliebe,

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