Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
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365 feit -em der Antisemiten kaum nachstehen dürfte. Und dieser Bund erhält sich zumeist auch bei der Nachkommenschaft auf weite Geschlechter. — Wenn nun schon die sachlichen Aufgaben des Staates, die praktischen wie die theoretischen, nur die Berücksichtigung der Tüchtigkeit erfordern, hingegen durch die Nebenrücksicht auf die Religion, welche alsbald zur Hauptrückstcht wird, beeinträchtigt werden, so ist auch aus dem Gesichtspunkte der Religion und der Aufrichtigkeit der Religiosität diese Bevorzugung zu verwerfen. Solange sie andauert, ist jeder Wunsch und jedes Streben nach Einigung eine verlorene Mühe. DaS nationale Staatsbewußtsein wird durch diese Ungerechtigkeit ebensoschwer untergraben, wie die Wahrhaftigkeit des Bekenntnisses schlechterdings zerstört wird. Denn wie könnte der Konvertit selbst sich der Ueberzeugung vergewissern, daß er nicht aus politischen, sondern nur aus religiösen Beweggründen seinen Uebertritt vollziehe. Es muß eine Zwiespältigkeit in sein eigenes Bewußtsein kommen, die er nur beschwichtigen, niemals aber überwinden kann. An diese erste Forderung fühle ich mich nun aber gezwungen, noch eine zweite, mehr indirekte, an den Staat anzuschließen. Der Staat hat die Oberhoheit über die Kirchen. Und so möchte ich eigentlich nicht eine Forderung ihm zumuten, aber eine Hoffnung nicht unterdrücken, die ich für das künftige Verhältnis zwischen Staat und Kirche für wesentlich halte, und zwar nicht allein in Beziehung auf die Bekehrung von Juden. Die jüdische Religion hat sich zu dem Lehrsätze erhoben. „Die Frommen der Völker der Welt haben Anteil am ewigen Leben." Dieser Satz ist nicht zufällig im Talmud entstanden, sondern er hat eine logische Entwicklung, die aus dem Begriffe des Noachiden erwachsen ist. Dem Sohne Abrahams ist voraugegangen der Sohn Noahs. Und während der Israelit zum ganzen Gesetze verpflichtet ist, hat der Noachide in den sieben Gesetzen nur sittliche Vorschriften zu übernehmen, um das volle Staatsbürgerrecht und demzufolge auch die religiössittliche Gleichberechtigung zu erlangen. So wurden aus den Noachiden die Frommen der Völker der Welt. Für die Bekehrung entstand demgemäß im Judentum eine Anordnung, welche im Prinzip der Mission zuwiderlief. Und diese Anordnung besteht noch heute in Kraft. Wenn ein Andersgläubiger den Rabbiner mit dem Gesuche angeht, ihn in das Judentum auszunehmen, so hat dieser ihn dreimal abzuweisen auf Grund jenes angegebenen Grundsatzes. Und erst, wenn trotzdem das Gesuch aufrechterhakten wird, so darf er dann erst, sofern er sich über die Reinheit des Verlangens und die Abwesenheit von materiellen Beweggründen Klarheit verschafft hat, die Aufnahme bewirken. Für die katholische Kirche ist die Nachahmung dieses prinzipiellen Verfahrens nicht zu fordern. Der Kirchenbegriff mit feiner Souveränität für die Seligkeit widerspricht einem solchen Prinzip. Für die evangelische Landeskirche hingegen sollte es nicht als das unbescheidene Verlangen eines Andersgläubigen aufzusassen sein, wenn er eine solche höhere Entwicklung bei ihr herbeiwünscht und sogar zu erhoffen wagt, welche ebenso ihrem eigenen Glaubensbegriffe entsprechen dürfte wie ihrem Zusammenhänge mit dem nationalen Staate. Demgemäß wäre an zweiter Stelle die Hoffnung auszusprechen, daß die Konversion überhaupt von der evangelischen Landeskirche in Zukunft verschmäht werde, zum mindesten aber so lange, als der Staat die Bekehrung belohnt. Indessen auch abgesehen von dieser Verletzung und Vereitelung der konfessionellen Wahrhaftigkeit, sollte es schon der Grundbegriff der geistig-sittlichen, der einheitlich-nationalen Kultur nahezu unmöglich machen, daß die Uebersiedelnng von einer Konfession in eine pudert durch einen Kulturmenschen vollzogen würde. An einer solchen nur scheinbaren Freizügigkeit sollte sich die evangelische Landeskirche nicht beteiligen. Sie widerstrebt ihrem Glaubensbegriffe, der der Leitstern aller ihrer ferneren Entwicklung sein muß. Ich denke mir also eine Zeit in unserem lieben Vaterlande, in welcher der evangelische Geistliche dem Juden, der die Aufnahme in die Landeskirche von ihm begehrt, wie der Richter, den Nathan für die Prüfung des echten Ringes verheißt, bescheiden wird: Bleiben Sie treu in Ihrer religiösen Gemeinschaft, helfen Sie ihr, und zwar nicht nur in ihren politischen Bedrängnissen und in ihren sozialen Notlagen aller Art, sondern auch in der Aufgabe der Idealisierung, welche den Bekennern aller Religionen obliegt! Bedenken Sie, daß das Alte Testament auch für das Christentum die Grundlage bildet und daß in dieser Grundlage auch für die nationale Einigung, auch für die religiöse Harmonisierung ein unvergängliches Fundament gegeben ist! Setzen Sie Ihre Glaubensgenossen nicht dem Verdachte aus, als wären sie mit geringerer Aufrichtigkeit deutsche Menschen und zumal deutsche Staatsbürger, weil sie am Judentum festhalten! Das persönliche Bekenntnis greift in alle diese intimsten Verhältnisie der Persönlichkeit ein. Und der evangelische Geistliche erhöht seinen Kulturberuf, wenn er diese Art von Seelsorge einem Menschen angedeihen läßt, der seinen Schutz anrust. Einen solchen idealen Zustand der Kulturreise erhoffe ich für die evangelische Kirche, und erst mit der Verwirklichung dieses Ideals wird die Einigung der Konfessionen wahrhaftig werden . . . Hier kann ich mich nun nicht enthalten, an Sie, liebe Kommilitonen jüdischen Glaubens, eine ernste Mahnung zu richten. Die Treue ist eine allgemeine Grundkraft der menschlichen Tugenden. Ohne sie gibt eS keine Beharrlichkeit des sittlichen Strebens, keine Beständigkeit des sittlichen Selbstbewußtseins. Ohne die Treue kann kein Staat bestehen, weil kein Vaterland. Die Vaterlandsliebe ist, begrifflich gedacht, die Treue des Staatsbewußtseins. Aber elementarer noch als am Staate hängt der Mensch an der Religion, die ihn früher als der Staat mit ihren Segnungen und ihren Schutzwehren umfangen hat. Die Treue zur Religion ist die Wurzel aller Tugend. Aus ihrer elementaren Gewalt reist nun aber die Pflicht zur Idealisierung dieser angestammten Religion heran; wie auch der Patriotismus nicht standhalten kann ohne den Selbsterhaltungstrieb der Idealisierung. Die Treue zur Religion fordert daher auch die Sympathie und den Eifer für das Studium der angestammten Religionsquellen. Sie sind der Geist, der das Institut so zusammenhält, wie er es aus sich geschaffen hat. Lernet nun immer einsichtiger die ewige, die unerschöpfliche Urquelle des Monotheismus in eurem Judentum erkennen! Lernet immer tiefer den Zusammenhang erkennen, der zwischen dem Begriffe des einzigen Gottes, als des einzigen Erlösers der Menschenseele, mit der sozialen Ethik besteht, wie unsere Propheten, die echten Urheber derselben, sie der Welt offenbart haben! Lasset euch nicht von dem Wahne beirren, als ob ihr einen Partikularismus betriebet, dem keine Aktualität mehr zustände, indem ihr eure jüdische Religion in ihrer Eigenart festhaltet und für deren Fortbestand eure jüdische Nationalität in unserem deutschen Nationalstaate bewahrt! Der deutsche Nationalstaat schließt nach seinem idealen Begriffe so wenig eure jüdische Nationalität aus wie euere jüdische Religion. Verhärtet euer Herz und euer Gewiffen nicht gegen die natürliche Pflicht, die ihr in euch fühlet, euren Glaubens- und Stammesgenossen Beistand zu leisten, vorab in ihrer politischen und nationalen Bedrängnis, aber darüber hinaus in ihren idealen Pflichten und Sorgen für die Forterhaltung, die Fortentwicklung ihrer Religion! Lasset euch