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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-03 · Heft 31 (3.8.1917) · p. Seite 362

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 362 (sequence 2)
Language
German
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- - 362 ltitb diese zwei Seelenkräfte heißen: verzichten und sich bescheiden. Sie sind nicht ein und dasselbe. Wenn du verzichtest, siehst du nur auf den Verlust; wenn du dich bescheidest, ans den Ertrag. Halte dir stets beides vor Augen! Sage nie: Ach. auf wieviel muß ich verzichten! Denke daran, was du doch erreicht hast! Jammere nicht darüber, mit wie wenig du dich bescheiden mußt; vergiß nicht, auf wieviel du gegebenenfalls doch hättest verzichten müssen! Nur wer sich bescheiden und verzichten gelernt hat, wird alle Zeit das Gleichgewicht seiner Seele sich erhalten, nie verzagen und nie verzweifeln. Wollt ihr ein leuchtendes Beispiel hierfür kennenlcrnen? Unser Lehrer Moses ist es. Wenn irgendeiner verdient hätte, seinen heißen Lebenswunsch erfüllt zu sehen, war er cs, der doch sein ganzes Dasein Volk und Gott geweiht hat. Und nur ein Verlangen hat er: eebro no weer-c es hoorez hattauwo, ascher becwer Ha-Jarden, hohor hattamv Hase weha-Lcwonaun. „Laß mich hinüberzichen und schauen das gute Land jenseits des Jordans, schauen jenen guten Berg und den Libanon." Gott wies ihn ab. „Moses," rief er ihm zu, „immer und immer »nieder koinmst du darauf zurück, und immer neue Wünsche hast du. Erst willst du nur über den Jordan und schauen das Land, dann willst du noch den heiligen Tempelberg sehen, dann noch den Libanon. Genug, genug, al tausef dabber elaj aud baddowor Hase. „Füge nicht immer neue Wünsche in dieser Sache aneinander!" Doch alles bleibe dir nicht unerfüllt. Sehen das Land, ja, das soll dir gegeben sein, nur h i n ü b e r wirst du nicht. Steige also ans den Hügel, wende deine Augen nach Nord und Süd und Ost und West, u-ree weenecho „und sieh es dir an, denn" — lau saawaur es ha-Jarden Hase — „hinüber wirst du über den Jordan nicht." Hätte Moses nicht verzweifeln müssen, hätte er nicht recht gehabt, bitter Klage zu führen, wie unbelohnt die heilige Arbeit eines langen Lebens blieb? Aber kein Wort kommt über seine Lippen. Er verzichtet auf das eebro no, auf das Hinübergehen und bescheidet sich mit dem weer-e, mit dem Schauen. Verzichten und sich bescheiden haben ihm sein seelisches Gleichgewicht gegeben, ließen ihn nicht verzagen, verzweifeln. Allerdings erstarken die Seelenkräfte „verzichten und sich bescheiden" nur dort, wo der geeignete Nährboden vorhanden ist: unentwegtes Hoffen. Nur wer sich sagt: wenn nicht heute, dann morgen, dann später; wenn nicht ich, dann mein Kind, das zweite, dritte Geschlecht: nur der ist bereit, zu verzichten und sich zu bescheiden. Fraget Vater und Mutter, worauf alles sic zu verzichten bereit sind, wenn sie nur eine kleine Hoffnung erspähen können, ihrem Kinde werde gegeben, dessen sie entsagen mußten. Der König David wollte seinem Gott einen Tempel bauen. Der Prophet Nathan jedoch sagte ihm: „Nein, du nicht, an deinen Händen klebt zu viel Blut nach den vielen Kriegen, die du geführt hast. Dein Sohn, er wird meinem Namen ein Haus bauen" (II. Sam. 7, 33). Kaum hört es David, gab er sich schon zufrieden, „wenn du nur tust, o Gott, wie du cs verheißest". So war cs auch mit Moses. Schon als ihm vergönnt war, das Land zu schauen, beschied er sich mit dem Erreichten. Als ihm aber Gott zurief: „Moses, fürchte nicht, was dir nicht geworden, deinem Schüler Josna, der dir ja wie ein Sohn ist, wird cs gegeben. Und noch nrehr. Nicht nur hinüber wird er, er wird um einen guten Schritt weiter kommen, er wird das Land unter das Volk aufteilcn, hu j a a w a u r lifne hoom Hase wehu janchil ausom es hoorez ascher ti-re. „Er wird über den Jordan an der Spitze des Volkes, und das Land, das du nur anschaust, wird er ihnen zu. Erbgütern verteilen." Wie Moses das hört, kennt er kein Leid und keinen Kummer mehr, fast freudig verzichtet er und bescheidet sich, lehrt sein Volk, als wäre nichts geschehen. Und darauf kommt es eben an, das ist das Wichtigste. Nicht widerwillig, nicht voll Unmut und Klage verzichten und sich bescheiden, sondern abgeklärt und weise, das ist des Menschen Aufgabe. Es gibt Leute, die wohl verzichten, aber fragt nur nicht wie: verbittert, verärgert. Sie klöhnen und stöhnen ihrer Familie vor und rauben dadurch ihren Kindern und der kommenden Generation jeden Ansporn zu erhöhter Tätigkeit. Wenn Moses so verzichtet hätte, dann hätte, wie ein weiser Erklärer es sehr richtig bemerkt, Josua sich gesagt: „Wozu soll ich mich um dieses Volk so bemühen? Wie mein Lehrer ihretwegen gestraft wurde, so wird es schließlich auch mir ergehen (Raschi z. R.), und dafür soll ich mich opfern?" Darum forderte Gott Moses auf: „Triff deine Anordnungen an Josua, aber freudig, weise, ivechaskehu weamnrezehu, „stärke und kräftige ihn", flöße ihm Mut ein, daß er hinüber wird und das Ziel erreicht." Jetzt wißt ihr, welche große Lehre Moses am Schluß seines gesegneten Lebens jedem einzelnen seines Volkes geben wollte. Nur ein Mensch, der verzichtet und sich bc scheidet, ohne aber jemals die Hoffnung für eine spätere Zeit aufzngeben, darum weise und freudig-ergeben, die Seinen ermutigend und anspornend, nur ein solcher Mensch wird nie verzagen, komme, was da wolle, sein seelisches Gleichgewicht wird er allezeit erhalten. Und ist das Schicksal von Völkern und Gemeinschaften hierin dlbn des einzelnen nicht ähnlich? Prüfet die Weltgeschichte, und ihr findet, daß an zwei Dingen große und kleine Völkerschaften zugrunde gegangen sind: entweder an liebermut oder an Kleinmut. Eine Nation jedoch, dis verzichtet und sich bescheidet, weise und abaeklärt. >die ihre Hoffnung von Geschlecht ans Geschlecht weiterpflanzt, geht niemals verloren. Ist es darum recht, daß die Menschheit in Klage und Jammer ansbricht, weil das Ideal der Verbrüderung in einem Jahrhundert nicht erreicht wurde, ein Rückfall eingetreten ist in Zustände, die Jahrtausende hindurch gewährt haben?! Wäre es nicht das größte Unglück, wenn die Völker nun klagend und jammernd auf die Verbrüderuugsidee verzichten wollten, ohne sic als köstliches Erbe den kommenden Geschlechtern zu hinterlassen?! Und erst wir Juden! Wir sollen greinen und weinen, weil ein zweitausendjährigcr Haß in etwas mehr als hundert Jahren nicht in eitel Liebe umzuwandcln war und wir vielleicht einen Rückfall erleben in böse, harte Zeiten?! Gewiß, wir hätten schon redlich nach solchen zwei Jahrtausenden die Ruhe und den Frieden verdient. Aber Menschen- und Völkerschicksal heißt: verzichten, sich bescheiden und unentwegt weiter hoffen. Warum sollen wir gerade jetzt uns dagegen auflehnen? Zwei Weisen Israels gingen einmal frühen Morgens hinaus aufs Feld. Und sie sahen den feurigen Sonnenball langsam, langsam aufsteigcn. Da sprach der eine zum andern: „Siehst du, mein Freund, das Svmbol von Israels Erlösung. Vorerst langsam, langsam. Je höher sie aber kommt, um so rascher dringt sie vorwärts" (Jer. Ber. 2c). Weil wir vielleicht wieder einen Rückfall erleben, darum verzagen, den heiligsten Kampf auf Erden, den um unser Recht, mutlos aufgeben? Gewiß! Wenn es uns gelänge, unser heiliges Land zu erhalten, wenn das größte Wunder der Weltgeschichte sich an uns vollzöge, oh. wie würden wir für unsere Bedrückten und Heimatlosen schaffen und wirken, um das Land zu einem Gottesgarten zu machen!! Aber haben wir darum eine so ruhmreiche Vergangenheit hinter uns, um Sein oder Nichtsein ans diese eine Karte zu setzen und als die politischen Hazardeure der Weltgeschichte unser Volksleben zu beschließen?! Wo bleibt unser alter Männertrotz und Mannesstolz? Wohin ist gekommen das Volk starren Nackens, von dem schon Simon ben Lakisch sagte: nur sein Trotz erhalte es?! Warum klagen und jammern und unsere Kinder mutlos machen?! Verlangt nicht unsere religiöse Tradition, daß auf den Tisch-o be-ab der Schabbos Rachamu folge? Blicket auf die Welt hinaus und schöpfet Ausdauer aus der

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