Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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8l. Jahrgang Nr. 31 Allgemeine Berlin, 3. August 1917 eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. 21 bonnement s*pi*c\s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Kais Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW, Jerusalemer Strotze 46-49, ja richten. Verlag von Rudolf rttosfe, Berlin. Tlflfttfllt* Sich bescheiden. Eine Ansprache an die Jugend. Non + Dr. I. Ziegler (Karlsbad). — Die Woche. — H. Cohen: Was einigt die Konfessionen? — Neues über Heine. Mit geteilt von Ludwig Geiger. — Borbildlichkeit jüdischer Gtaubensanhänglichkeit und Glaubenslehre nach heutigem christlichen Urteil. Bon — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Der Gemcirrdebvte (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Myslowitz, Koschmin, Posen, Köln, Frankfurt a. M., Budapest, Wien, Moskau. — Von Nah und Fern. Sich bescheiden. Eine Ansprache an die Jugend. Von Dr. I. Ziegler (Karlsbad). in mehr als hundertjähriger Traum scheint durch den Weltkrieg, den wir führen, in nichts zerflossen und zerronnen zu sein: der Traum von der Verbrüderung der Menschheit. Ein kleiner Kreis idealgesinnter Männer in allen Ländern hat den Versuch unternommen, jenen großen Gedanken in die Wirklichkeit nmznsetzen, den ernst vor vielen Jahrhunderten einer der größten Weisen und Dichter des Judentums, der Begründer der babylonischen Schulen, Abba Ar eka, in die knappen Wvrte zusammengefaßt hat: „Und alle Menschen werden einen einzigen Bund bilden, um deinen Willen zu tun mit reinem, ungeteiltem Herzen." Nun hat der Weltkrieg mit diesem Traume gründlich aufgeräumt und uns gelehrt, daß die Abneigung der' Nassen und Nationalitäten gegeneinander, verschärft durch wirtschaftliche und religiöse Gegensätze, wohl unausrottbar sei. Da heißt cs denn für alle Nationen und Völker dieser Tatsache ehrlich ins Gesicht schauen und ihre Konsequenzen ziehen. Auch für uns. Denn daß der Haß und der Widerwille der Rassen gegeneinander gerade bei uns haltmachen sollte, wird gewiß keiner glauben. Also auch wir müssen dieser Tatsache ehrlich ins Gesicht sehen und unseren Schluß ziehen. Und der heißt? Tausende und aber Tausende rufen ihn uns zu, heute lauter und machtvoller denn se: Streben «ach vem Heiligen Lande, nach der alten Heimat, nm da endlich nach zMeitausendjähriger Irrfahrt Ruhe z« finden, und die Möglichkeit der eigene» wirtschaftlichen und politischen, religiösen «nd geistigen Entwicklung. Erfüllen soll sich an uns das Wort der Weisen: „Israel mag noch so lange und unter allen Völkern zerstreut sein, es wird am Ende doch in die alte -Heimat zurückkehren" (Jalkut Sch. zu Schir hasch). Wie aber, wenn sich auch diese -Hoffnung als Traum erwiese, als unerfüllbarer, trügerischer Traum? Die Entscheidung dürfte bald fallen. Es ist meine Ueberzeugung, daß beim kommenden Friedensschlnß auch darüber für absehbare Zeit endgültig beschlossen werden wird, ob der Judenheit das Recht zur vollen, ungeschmälerten Besiedlung und eigenen Verwaltung Palästinas zugestanden werden soll oder nicht. Und wenn die Entscheidung verneinend ausfällt, was dann? Wenn für unsere Gesamtheit weder die völkische Unabhängigkeit noch die volle Rechtsgleichheit erreichbar wäre, was dann? Moses, Israels großer Lehrer, gebe uns Antwort! An der Grenze des Landes mit seinem Volke stehend, gibt er ihm seine letzten Mahnungen. In kurzem Rückblick saßt er die Geschichte Israels seit dem Auszug zusammen und gedenkt der über ihn selbst verhängten Strafe Gottes, daß ihm versagt bleibe, mit Israel über den Jordan zu ziehen. „Und ich betete und flehte zu Gott," so lesen wir's in seiner Rückschau, „o -Herr, mein Gott", eebro no wecr-e cs hovrez hattauwo, ascher beewer Ha-Jarden, hohvr hattanw Hase weha-Lewonaun, „laß mich doch hinüberziehen und schauen das gute Land jenseits des Jordans, jenen guten Berg und den Libanon." Gott aber ist unerbittlich. „Genug, Moses, sprich nicht weiter in dieser Sache", ale rausch happisgo, „steige ans die Spitze des Hügels, wende deine Angen nach Nord und Süd und West und Ost" n-ree weenecho, ki lau saawaur es ha-Jarden Hase. „Sieh dir das Land an, denn über diesen Jordan ziehst du nicht. Und dann gib deine Anordnungen dem Josna", wechaskehn weammezehu, ki hu jaawaur lifne hovm Hase wehu janchil ausom es hvorez, ascher tir-e, „stärke und kräftige ihn, denn er wird an der Spitze diese? Volkes hinnberziehen und unter es das Land anfteilen, das du siehst." Diese Begebenheit und der Lehrzweck, den Moses mit ihrer ausführlichen Wiederholung an der Schwelle des Israel gelobten Landes verfolgt, gebe uns Antwort auf die Lebensfrage unserer Gesamtheit, die wir hier aufgeworfen haben. * Wenn jeder Mensch am Schlüsse seines Erdenwallens die frohen und die trüben Stunden seines Lebens auf die Wage legen wollte, in die eine Schale Erfüllung und Erfolg, in die andere Mißerfolg und Enttäuschung, um zu wissen, ob er über die Dauer seiner Jahre ein Klagelied oder einen Jubelgesang anstiinmen soll, so könnten nur wenige sich rühmen, daß ihrer Wage Zünglein nach der Seite des Glücks sich neige: „Kein Mensch verläßt diese Welt so, daß er auch nur die Hälfte dessen in Händen hielte, was er ersehnt und erhofft hat" (Koh. r. l). Welche Liebe, welchen Dank erwarten Eltern von ihren Kindern! Und wie wenig Dank, wieviel Lieblosigkeit wird ihnen oft zuteil! Wieviel Meiß und Streben bleibt im Leben unbelohnt, wieviel Begabung findet nicht ihren richtigen Platz, und wer hätte über Bevorzugung des anderen noch nicht geklagt! Das war schon K o r a ch s Klage gegen Aron; und als A b s a - lom, des Königs David Sohn, den Aufruhr gegen den Vater anzettelte, fand er keine bessere Handhabe als den Vorwurf: der Pater als Jndüer ziehe in allem die Judäer den Israeliten vor. Zum Glück hat den Menschen die Vorsehung mit zwei seelischen Kräften ausgestattet, die ihm ermöglichen, Widerstand und Trotz zu bieten allen auf ihn einstürmenden bösen Erfahrungen.