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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-27 · Heft 30 (27.7.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 30 Der Gemeindevote. Berlin, 27. Juli 1917 Betlase zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. E. M. Berlin, 24. Juli. Im 84. Lebensjahre verstarb, wie bereits mitgeteilt, am 16. d. M. die Geheime Kommerzienräkin Henriette Becker, die in den weitesten Kreisen der deutschen Judenheit als verständnisvolle Gönnerin jüdisch-sozialer Bestrebungen rühmlichst bekannt war. Die Verstorbene war die Gattin des ihr im Tode vorangegangenen bekannten Großindustriellen Hermann Becker, der durch die Entwicklung der bis dahin mit Primitivsten Mitteln betriebenen Bernsteinfischerei zum modernen Großbetrieb eine neue große Industrie geschaffen hat, in der mehrere tausend Arbeiter ihr Brot finden. Das Beckerfche Unternehmen, das später in den Besitz des preußischen Staates überaegangen ist, war das größte industrielle Werk Ostpreußens. Die Heimgegangene war eine Frau von ausgesprochener Eigenart. Aus kleinen Verhältnissen hervorgegangen, verstand, sie es, durch ihr Interesse an allen Lebensfragen ihr Haus zum Mittelpunkt eines auserlesenen Kreises zu machen, in dem Künstler, Gelehrte und Kaufleute gern verkehrten. Sie war Anregerin und Förderin der in ihrer Heimatstadt Königsberg eingerichteten volkstümlichen Volksschulkurse; als entschiedene Frauenrechtlerin förderte sie die Universitätsbildung der Frauen durch zahlreiche Stipendien, darunter eines für jüdische Studentinnen. Sie hat auch mit offener Hand für alle jüdischen Zwecke gegeben; in Königsberg erfreuten sich besonders das Waisenhaus und die Altersversorgungsanstalt der Gemeinde ihrer Hilfe; in Memel unterstützte sie reichlich das jüdische Krankenhaus und den Hilfsverein für jüdische Arme; in Berlin förderte sie die neu begründete Chewra Kadischa, bedachte mit reichen Mitteln den Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands, förderte den Hilfsverein, das Gesamtarchiv der deutschen Juden, das Jüdische Lehrerinnenheim, die Israelitische Union ^ind andere Hilfsorganisationen. Außerdem errichtete sie eine Stiftung iür die Erforschung und Evidenzhaltung der getauften Familien und ließ mit den Mitteln der von ihr bei dem Gesamtarchiv begründeten H e r m a n n-B e ck e r - S t i f t u n g ein Werk „Die Juden als Erfinder und Entdecker" herausgeben. Unter ihren Söhnen befinden sich der Maler Benno Becker und der Rittergutsbesitzer Becker (Bartmannshagen), dessen Streit mit dem Landrat seines Bezirkes vor einigen Jahren viel besprochen wurde. — Zu der Trauerfeier, die am 19. Juli auf dem Friedhofe in Weißensee stattfand, hatte sich eine kleine erlesene Trauergemeinde eingefunden, in der die weiblichen Teilnehmer stark überwogen. Nach einleitendem Chorgesang feierte Rabbiner Dr. Weiße die vielseitige Persönlichkeit der Entschlafenen, die ihr Judentum hingebungsvoll und freudig liebte. Er betonte den Reichtum ihres tätigen Gemütes und ihre Großzügigkeit im Helfen. Ihr Name wird im Vaterlande urch der Glaubensgemeinde unvergessen bleiben. Die Grüße und den letzten Dank der Synagogen g e m e i n d e Königsberg überbrachte Rabbiner Dr. Vogel st ein (Königsberg), der mit beredten Worten die Verdienste der Toten um ihre Heimatsgemeinde hervorhob. Als letzter Redner rief Waisenhausdirektor P e r i tz (Königsberg) für die jüdische Lehrerschaft Ostpreußens ihrer verstorbenen Gönnerin ein Wort des Dankes nach, dann wurde der Sarg, den Blumenspenden vieler Organisationen bedeckten, zur Gruft getragen. E. M. Berlin, 24. Juli. Das Jüdis che Dolksheim zu Berlin, das in der Begründungssitzung des Wohlfahrtsamtes der deutschen Juden als verheißungsvolle Neubildung auf dem Gebiete sozialer Fürsorge bezeichnet wurde, kann auf eine einjährige erfolgreiche Tätigkeit zurückblicken. Die junge Anstalt stellt den Versuch dar, ein in England und Amerikabesonders im New Yorker Ghetto, seit langem erprobtes System der Voltserziehung auf die jüdischen Berhültnisse der deutschen Großstadt zu übertragen. In Anlehnung an dieses sogenannte Settlementsshstem pflegt das Jüdische Volksheim neben anderen sozialen Arbeiten besonders die Fürsorge für die Jugendlichen, um im entscheidenden Alter durch Beratung und Hilfe einen maßgebenden Einfluß auf die Berufswahl seiner Zöglinge zu gewinnen. Das Dolksheim sieht eine seiner wesentlichen Aufgaben darin, die jüngere Generation zu beeinflussen, daß sie sich wieder mehr dem Handwerk und der Landunrtschaft zuwendet. Diese Erziehungsarbeit wird im frühesten Alter begonnen. Mit drei Jahren wird das Kind in die S p i e l st u n d e ausgenommen; der Kinderhort umfaßt die Kinder von 6 bis 19 Jahren, die mit Vorlesen und Singen, besonders aber mit Anfertigung von Papierarbeiten als Vorbereitung für die handwertliche Betätigung in den Kanuradschaften der älteren Kinder beschäftigt werden. Die Knaben und Mädchen von 11 bis 14 Jahren sind in I u gendka m eradschaften vereinigt, denen zur Stärkung des Verantwortlichkeitsgefühls und der Selbständigkeit nach modernem Gesichtspunkte eine gewisse Selbstverwaltung eingeräumt ist. Die älteren Knaben und Mädchen wählen sich ihre Präsidenten, Schriftführer und Kassierer. Die Leitung der Kameradschaften liegt in Händen der Helfer des Heims.. Jur ersten Halbjahr der Volksheimarbeit wurde in den Vereinswerkstätten mit dem Unterricht in Tischlerei, Buchbinderei und Metallarbeiten begonnen; in einer Gartenbaugruppe wird die Landarbeit gepflegt. Der .Handwerksunterricht hat bereits erfreuliche Ergebnisse gezeitigt; diejenigen Knaben, welche die Schule und damit auch die Jugendwerkstätten des Heimes verließen, haben entsprechende Lehrstellen im Handwerk gefunden. Nach ähnlichen Grundsätzen wird in bcn. Mädchengruppen gearbeitet. Die älteren Schwestern der Heimkinder haben sich unter der Leitung von Helferinnen zu Mädchenklubs zusammenaeschlossen und kommen fast täglich in das Heim. Es sind Lehrmädchen. Verkäuferinnen, Näherinnen und Kontoristinnen, die hier Erholung und Anregung suchen. Für die körperliche Entwicklung der Zöglinge sorgen Sport- und Schwimmnachmittage, gemeinsames Turnen; ein Ferienheim ermöglicht den Aufenthalt der Kinder in gesunder Luft. Ein Jugendlesezimmer und eine sorgfältig ausgewählte Bibliothek für die erwachsenen Besucher sind selbstverständlich vorhanden. Berührung mit der älteren Generation bieten gelegentliche Hausbesuche bei den Kindern, ferner die Mütterabende, die Unterhaltungsabende, bei denen sich die Eltern und die Nachbarn, Arbeiter, Lehrlinge, Helfer und Freunde im Volksheinr zwanglos zusarmnensinden. Ueber die ersten sechs Monate Heimarbeit unterrichtet ein vor kurzem erschienener Anstaltsbericht. Er darf als wichtiges Dokument jüdischer sozialer Arbeit im Weltkrieg angesprochen werden. Berlin, 24. Juli. Eines der beliebtesten Schlagwörter unserer Feinde ist es, daß die Osmanen die Juden, wie aus anderen Teilen der Türkei, auch aus Palästina vertreiben wollen. Sie behaupten, daß die Türkei den Juden im Heiligen Lande nicht den Schutz angedeihen ließe, den sie dort zu beanspruchen hätten. Daß diese Behauptung eine unwahre und unsinnige ist, haben die Tatsachen ans der ältesten Zeit bis aus den heutigen Tag bewiesen; aber auch nirgends wurden die Denkmäler jüdischer Kultur mit größerer Achtung und Ehrfurcht gepflegt wie gerade in der Türkei, und vor allem in Palästina. Um ein Beispiel herauszugreifen, sei des Schutzes der Grabstätten Abrahams und anderer Patriarchen gedacht, die sich in den Händen der Osmanen befinden. Wären sie nicht in denen der Muselmanen, sondern in christlichen, wer weiß, ob sie überhaupt noch existieren würden. Abraham und die anderen Patriarchen gelten bei den Mohammedanern, gleichwie auch Christus, als Propheten, denen aber nicht die Bedeutung zukommt wie Mohammed, dem obersten Propheten, und deshalb hegt der Islam eine ganz besondere Achtung vor deren Grabstätten. Während Jesus' Grabstätte, in einer christlichen Kirche in Jerusalem befindlich, nur von den Anhängern seines Glaubens besucht wird, haben zu den Grabstätten der Patriarchen nur die Muselmanen Zutritt. Die Grabstätten der Patriarchen Abraham und seiner Familie befinden sich in einer großen Moschee, zu der man gelangt, wenn man eine schöne, breite Treppe besteigt, die zu einer langen Galerie führt, von welcher aus man zu einem breiten Hof gelangt. Links befindet sich ein Säulengang mit viereckigen Pfeilern. Die Vorhalle der Moschee enthält zwei Zimmer; das eine rechts birgt das Grabmal Abrahams, das andere links das der Sarah. Im Hauptgebäude der Moschee, die in gotischem Stile gebaut ist, sieht man rechts und links zwischen zwei starken Pfeilern je

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