Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 360 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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emzwäng-en lassen muß. — Im einzelnen führt König seine Grundsätze im zweiten Teile aus, der die positiven und negativen Direktiven für die richtige Auslegung gibt. Ein N-eberblick über -die Methoden, die er abweist, zeigt, wie sehr inan in der Exegese gegen den Geist der Bibel sündigt, wie sie der Tummelplatz geworden ist für subjektive Liebhabereien von Menschen und Zeitaltern. Was ist alles „allegorisiert, psychologisiert, moralisiert, poetistert und mythologisiert" worden, und wie sind der schlechte Text und ihr Sinn verwirrt und ins Gegenteil verkehrt worden. Es ist eine lange Abrechnung, denn der Sünden sind gar viele. Treffend zeigt König, wie man den Text nicht aus seiner Zeit herauslösen dürfe; er warnt ebenso vor dem Unfug, der mit den: Begriffe „Prähistorisch" getrieben wird, wie vor der Sucht, die ganze israelitische Geschichte aus dem babylonischen oder ägyptischen Geschichtswinkel Heralls betrachten und erklären zll wollen. Das; er die Erklärung aus philosophischen Zeitströmllngen ebenso verwirft wie die christianisierende Exegese wird nicht wundernehmen, zumal die letztere als allgemein überwunden gilt; er macht aber auch aus eine „judnisierende" Richtung der Bibelerklärung aufmerksam, die den jüdischen Standpllnkt späterer Zeit in die Bibel h i ne in inte r pretie re ri lvill. Und aus den Beispielen, die es hier lvie überall gibt, ist ersichtlich, daß Ansätze Zll einer solchen gleichfalls abzlilehnenden Methode tatsächlich vorhanden sind. — Natürlich gibt König auch positiv die Wege ,an, die zu einer fruchtbaren und verständi'gen Auslegung führen. Er zeigt, lvie neben dem sprachlichen Verständnis ein genaues Eindringen in die prosaische und poetische Stilsorm erforderlich ist. Dazu tritt natürlich ein eingehendes Studium des biblischen Weltbildes, seiner naturwisseuschastlick-en, seiner religiösen und allgemeinen geistigen Anschauungen. Wenn hierzu noch die Kenntnis des Landes und seiner Archäologie sowie seiner Geschichte tritt, sind die Vorbedingungen gegeben, unter denen man wirklich die Heilige Schrift erklären kann. Hub wenn König zum Schluß darauf hinweist, baß auch die Zwecke, denen sie im religiösen Leben dienen soll, also die Erbauung, bei der wissenschaftlichen Auslegung eine Rolle nicht spielen dürfen, so wird man ihm gewiß zustimmen. — In diesem Rahmen birgt sich, wie in allen Veröffentlichungen des großen Forschers, eine ungeheure Fülle von vortrefflich geordnetem Material. Und das Buch ist nicht nur wertvoll als Zeichen einer von Vorurteilen freien, einer streng wissenschaftlichen Gesinnung, die sich gegen die ständige exegetische Mißhandluntz' der Bibel mit scharfer Waffe richtet, sondern auch als wissenschaftliche Sonderleistung. Weiteste Verbreitung und voller Erfolg seien der Schrift von Herzen gewünscht, und wenn ihr Verfasser in der Vorrede bemerkt, daß die Hermeneutik das letzte größere Thema aus dem formell-sprachlichen Gebiete sei, das er behandeln wolle, so ist es im Interesse der Bibelwissenschaft zu hoffen, daß er seine Absicht ändert und auch diesem Zweige seiner wissenschaftlichen Lebensarbeit seine Liebe und Arbeitskraft bewahrt. F. G—n. — M itteil n n g e n z u r j ü d i s ch e n Volkskunde. Herausgegeben von Dr. Al. Grunwald. 19. Jahrgang, 1. bis 4. Heft. Wien 1916. . Die vorliegenden Hefte enthalten in der Hauptsache eine schöne Arbeit von Adolf Löwinger über „Rechts und links in Bibel und Tradition der Juden". In sieben Kapiteln ordnet der Verfasser den außerordentlich interessanten Stoff, den er der Bibel, den Bibelkonunentaren, dem haggadischen und halachischen Schrifttum sowie der Kabbala entnimmt, und der Blick, den man beim Lesen dieser Abhandlung in die Anschauungsweise der Juden tut, eröffnet nicht nur das Verständnis für so manche seltsame Sitte, sondern regt zum Vergleichen und zum Aufspüren der Zusammenhänge an, die offenbar zwischen den Bräuchen und dem Aberglauben der einzelnen Völker vorhanden sind. So bedeutet diese Arbeit aus dem Gebiete der jüdischen Archäologie auch einen bemerkenswerten Beitrag zur vergleichenden Volkskunde überhaupt. F. G. — Kä m p s e. Sechs Erzählungen von B e r t h a P a p p e n h e i in. Verlag von I. Kausfmaun, Frankfurt a. M., 1916. Die neuen Novellen der hervorragenden Führerin der jüdischen Frauenbewegung behandeln Kämpfe, die nur in der Brust eines Juden ausgelöst werden können. Nur sind es weniger die modernen Probleme, die ihre Ursache bilden, es sind vielmehr die uralten Gegensätze zwischen Glauben und Unglauben, Aufklärung und Fanatismus, die hier geschildert werden; daneben werden die Qualen Gegenstand der Handlung, die die Seele des getauften Juden durchtoben. Die Aufgaben, die die Verfasserin sich gestellt hat, sind also nicht gering. Es darf daher nicht wundernehmen, wenn wir uns nicht restlos mit allem, was in diesem Buche geboten wird, einverstanden erklären können. Auch soll damit keineswegs der Verfasserin ein Vorwurf gemacht werden. Sie hat jedenfalls ihre Seele in diese Arbeiten hineingelegt und ein Buch geschaffen, aus dem echtjüdisches Empfinden uns entgegenklingt. Von wenigen Büchern der neuen Periode, auch nicht von denen der gefeiertsten Schriftsteller, kann das gesagt werden. Sv darf wohl die Novelle „Der Wunderrabbi" als ein Meisterstück jüdischer Erzühlungsknnst angesprochen werden. Tie Qualen, die der Sohn des Wunderrabbi durchlebt, da er fühlt, daß mit dem Tode seines Vaters die „goldene Kette" gerissen ist, und er, wenn er dennoch Rat erteilen würde, als Heuchler und Betrüger vor sich dastehen müsse, sind Packend geschildert. Und echt jüdisch ist es, daß schließlich nur die Liebe zu seinem Sohn, dessen angegriffener Gesundheitszustand eine kostspielige Reise erforderlich macht, ihn veranlaßt, den Willen des Volkes, auch ein Wunderrabbi zu sein, sich zu fügen. Dazwischen ist geschickt eingeflochten, wie von dem Zauber der deutschen Sprache, der deutschen Dichtkunst, der deutschen Philosophie Sohn und Enkel des Wunderrabbi ergriffen wurden. — Minder gut dürften andere Novellen — „Der Erlöser", „Freitag abend", „Ein Schwächling" — gelungen sein. In ihnen ist die Handlung zu lose mit dem Problem, das erörtert werden soll, verbunden. Man weiß nicht recht, was die Verfasserin sagen will; man sucht nach einem Hintergrund, da man nicht annehmen kann, daß das Motiv um seiner selbst willen entwickelt wird. Wem schließlich hier und da eine religiöse oder parteipolitische Stellungnahme nicht zusagt, so liegt das zweifellos an der persönlichen Auffassung des Lösers. Wir können unser Urteil dahin zusammenfassen, daß Bertha Pappenheim uns mit ihrem Novellenband ein echtjüdisches Buch geschenkt hat. Wessen Herz noch jüdisch genug ist, um durch die Schilderung altjüdischer Art erwärmt zu werden, der möge diesen Band lesen. Daß die Verfasserin eine in der gesamten jüdischen Welt hochgeachtete Persönlichkeit ist, die so vieles, was sie hier uns erzählt, selbst erlebt und mit eigener Kraft verwirklicht hat, macht uns das Buch besonders wert. Dr. K u r t Ale x a u d e r, zurzeit beim Heere. Sprrchsasl. „Ich möchte die kritischen Einwände, die Herr Rektor Friedlaender in seinem Artikel „Ein neuer Lehrplan" gegen den von Herrn Rabbiner Dr. Rosenberg entworfenen Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht der höheren Schulen erhebt, nicht unwidersprochen lassen, zumal sie zum überwiegenden Teile durch ein großes Mißverständnis hervorgerufen zu sein scheinen. Die positiven Ausführungen und Winke des Herrn Rektor Friedlaender in dem besagten Artikel sind meist trefflich und beachtenswert, seine Angriffe gegen den neuen Lehrplan sind dagegen nur „Lufthiebe", denn er bekämpft zum großen Teile Forderungen, die in jenem Lehrplane gar nicht aufgestellt worden sind. Herr Dr. Rosenberg hat nämlich nicht gefordert, wie Herr Friedlaender behauptet, daß in der Mittelstufe (die die Klassen IHb, lila und Ilb umfaßt) der ganze biblische Geschichtsstoff in jedem Jahre wiederholt werden solle, vielmehr geht deutlich ans dem Lehrplan hervor, daß die Wiederholung der Bibel aus die ganze Mittelstufe, ajso auf drei Jahre, verteilt werden solle. Damit werden aber alle Bedenken wegen Ueberlastung des Schülers hinfällig. Auch die übrigen Einivände sind meines Erachtens nicht durchweg berechtigt; so ist es nicht recht einznsehen, weshalb nicht in der obersten Klasse der Unterstufe (in der IV.) die jüdische Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels behandelt werden dürfte, da dieser Stoff die Fassungskraft eines Quartaners, der griechische und römische Geschichte gleichzeitig lernt, kaum übersteigen dürfte. Gerade das ist ja ein neuer, pädagogisch sehr glücklicher und fruchtbarer Gedanke des Lehrplans, daß bei der Verteilung des Lehrstoffs der jüdischen Geschichte auf die einzelnen Klassen stets berücksichtigt werden soll, welches Gebiet der allgemeinen Geschichte der Schüler gleichzeitig in sich miß nimmt. Ich halte daher das ablehnende Urteil über diesen neuen Lehrplan nicht für begründet, da er mir in bezug auf Anordnung und Einteilung des Lehrstoffes (allerdings mit Ausnahme der Vorschläge über die Vorschule) im ganzen als wohlgelungen und zweck- I entsprechend erscheint." S. P i n c u s.