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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-27 · Heft 30 (27.7.1917) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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351) gültige Reden, unter dem etwas Unaussprechliches klingt, das doch deutlich werden soll; ob sie nun aus Roschmin sind oder anderswoher, jung sind oder alt. Nur ich kann cs nicht, habe es nie gekonnt. Ich lösche die Lichter in meinen Augen aus in Todesschreck, wenn ich denke, es könne mir einer durch sie ins Innere schauen. Wenn wir drei, die Eltern und ich, früher im Sommer auf der Loggia saßen, dann haben wir die Markise ringsherum so zugezogen, daß wir kaum noch etwas von der frischen Luft hatten. Nur nicht unberufene Augen in das schauen lassen, was unser war, nur das Innere, das Eigene verschließen! Daher bin ich wohl so geworden. Je mehr die anderen warben und offenbarten, desto steifer und kühler wurde ich, desto älter und unpersönlicher klang meine Stimme, als wolle sie jede einzelne tadeln um ihr allzu Persönliches. Und am bösesten — ich kann mir nicht helfen — war ich auf Paula, obgleich sie doch die Bescheidenste, ich möchte sagen, im Wesen und Aussehen die Edelste war. Vielleicht gerade darum. Ich ärgerte mich, daß sie heute so viel gereifter, so viel gescheidter aussah in ihrer erregten Blässe. Mein abfälliges Urteil wäre bei den Harms-Mädchen berechtigter gewesen. Marie Harms benahm sich wie ein sechzehnjähriger Backfisch, das heißt wie einer auf der Bühne, der noch dazu schlecht spielt und in Verkennung der inneren Lebenswahrheit die schmollende Miene und drollige Sprechweise eines vierjährigen Kindes nachahmt. Schwester Martha machte in ihrer Witzsucht tot, was ihr in den Weg kam, ahmte den Chefarzt nach ja, selbst einzelne ungebildete Kranke. Ihr Hauptspott traf die Kolleginnen und die Oberschwester. Ich habe selten etwas Unbarmherzigeres und Boshafteres im Urteil über andere gesehen. Ich war wie zerschlagen von alledem und sehnte mich nach der Stunde, in der sie endlich gehen würden. Es war, als wolle keine das Feld räumen. Cilli hatte mich bei ihrem Kommen gefragt, ob ich sie zum Abendessen dabehalten wolle. Aber als nun endlich Marie Harms mit schmollendem Kindergesicht zum Ausbruch mahnte: „Herr Doktor, wir müssen heim, sonst gibt's Schelte von Mutter Berger. Da habe ich solche Bange. Sie auch?", bekam auch Cilli Angst um ihre einsamen Eltern und versprach, nach dem Abendessen lieber noch mal zu kommen. Leider hörte das Günther und machte ein verdrießliches Gesicht. Daß er nun nicht, wie ich gehofft hatte, nachher noch mal vorsprechen würde, das wußte ich. Als sie weg waren, räumte ich mit Joseph« auf. Ich konnte das harmlose Geplapper des Mädchens kaum mit anhören. Ihr war es ein Ereignis gewesen, daß in unserem einsamen Haus mal so etwas wie ein kleiner Damentee stattgefunden hatte. Die belanglosen Worte klapperten lästig zwischen die schrillen Mißtöne, die ich von dem Nachmittag noch im Ohr hatte. Woher dieser Mißklang im Wesen der einzelnen? Höre ich das bloß, und warum bin ich so feindselig-empfindsam, ich, die ich mir doch einbilde, die Menschen zu verstehen? Wer versteht und Gründe sucht und findet, ist doch milde im Urteil? Ist mir hier gerade der Grund so fremd, so unverständlich? Gerade bei euch, bei meinen — ja wohl, rück' nur ab, Gertrud, rück' nur feindselig ab von deinen drei gleichaltrigen Gästen —, die zwei kleinen haben Vorrechte und Anmut der Jugend, sie zählen noch nicht mit —, aber die Aelteren, siehst du, die eine mit dem närrisch-kindischen Wesen, die doch so gescheidt sein soll; die unbarmherzige barmherzige Schwester und die rohe Elegante, die ihren letzten Pfennig daran gibt, um fein gekleidet zu gehen, und dabei ein vulgäres Wesen zeigt —, sie sind deine Leidensgenossinnen, sie schreien ihre Unruhen hinrus, die du kunstvoll unter einer äußeren Eisdecke verschließt; sie malen sich den Reiz der Jugend, der Jnteressantheit, der Fröhlichkeit auf Wangen und Wesen, damit man nicht sieht, wie verblüht, wie abgeblaßt, wie reizlos sie geworden sind im Laufe der Jahrzehnte. Werden sie dadurch jünger oder schöner oder begehrenswerter? Weinen sollte ich, nicht verurteilen, weinen um ihr qualvoll vergeblich Mühen, weinen um ihr Schicksal und um mein«, die gleich sind und sich nur verschieden äußern. (Fortsetzung svlgt.) Literarilche Mitteilungen. — Central Conference o f American lia 1> 1/ i s. Twenty-seventh annual convention, June thirtietli to July seventh, nineteen lnmdred and sixteen. Wildvvood, New Jersey. Volume XXVI. Edited by Rabbi Isaac E. Marcuson. Auch in diesem Jahre stellen die Verhandlungen der nordamerikanischeu liberalen Rabbiner ein sehr stattliches Buch von über fünfhundert Seiten dar. Es ist geradezu erstaunlich, wie glänzend dieser Rabbinerverbaud seine Arbeit organisiert hat, und eine kurze Wanderung durch die Berichte der vielen Ausschüsse — es sind fast vierzig an der Zahl — beweist, daß in eifriger Tätigkeit wirkliche Leistungen erzielt worden sind. Seinen besonderen Wert erhält dieser Band, ebenso wie die Reihe seiner Vorgänger, durch die pädagogischem und wissenschaftlichen Abhandlungen, die fraglos auf einer hohen Sfufe stehen und für ihre Gebiete wichtige Bereicherungen bedeuten. Da auch die Diskussionen über die einzelnen Themen abgedruckt sind, finden sich wertvolle Ergänzungen und andere Gesichtspunkte den Meinungen der Verfasser angereiht, und dem Leser ist der Gegenstand von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Ganz überraschende Ausblicke verschafft die Arbeit von Levinger über „Die Philosophie Berg so ns und das Judentum". Der Arbeit von Blau über „lex talionis" wird freilich erst durch das Korreferat von Felix A. Levy die wirkliche Bedeutung gegeben. Sehr interessant und wertvoll ist dagegen die Abhandlung von Tedesche über die Gebete der Apokryphen, die viel Material enthalten, das im einzelnen noch zu verarbeiten ist. Besonders wichtig sind die beiden pädagogischen Teile, die aus einer ganzen Reihe von Referaten zusammengesetzt sind. Die eine behandelt die Art des R e l i g i o n s m a t e r i a l s an weltlichen Schulen, wobei auch die preußischen Verhältnisse eine im allgemeinen Zutreffende Schilderung und Beurteilung finden. Die andere beschäftigt sich mit der Frage, wie die individuelle Seite der Religion im jüdischen Kinde gepflegt werden kann. Trotzdem sie aus amerikanische Verhältnisse Zugeschnitten ist, enthält auch sie eine Fülle von Anregungen, die unserer pädagogischen Arbeit zugute kommen können. Alles in allem kann der liberale amerikanische Rabbinerverband auf diesen neuen Beweis seiner Kraft und Fähigkeit stolz sein, und im Mutter laude der jüdischen Wissenschaft, in Deutschland, dürfte man sich getrost au ihm ein Beispiel nehmen. F. G. — Her m e n e u t i k d e s A lten Te stn m e n t s. 'Mit spezieller Berücksichtigung der modernen Probleme. Bon Eduard König, Dr. litt, semit., phiL, theol., ordentlichem Professor und Geheimen Konsistorialrat in Bonn. Bonn 1916. A. Marcus u. E. Webers Verlag. Preis broschiert 6 Mark, gebunden 7 Mark. Nachdem König sich, vor zwei Jahren ein unendliches Verdienst um die Bibelforschung durch die Herausgabe seines Buches „Die moderne Pentateuchkritik und ihre neueste Bekämpfung" erworben hatte, bietet er jetzt in der vorliegenden Veröffentlichung eine Generalabrechnung mit den Fehlern und Sünden, deren sich die SJ(usleguugswissenschuft in alter und neuer Zeit schuldig gemacht hat. Nach einer historischen Einleitung, die die Geschichte der alttestam eidlichen Auslegung bei Juden und Ehristen in kurzen Zügen darlegt, wendet er sich tm ersten Hau.ptteil dem „Subjekt" der Auslegung und ihrem „Objekt", d. h. dem Ausleger und dem Texte, zu. Auf die Fülle von Material und die Ergebnisse der Arbeit kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden, nur das eine sei bemerkt, daß König in seiner bekannten objektiven Besonnenheit, die sich mit einer tiefen Liebe zur Heiligen Schrift der»-, bindet, schon hier die feste Grundlage gibt, auf der die Exegese sich erheben muß. Die Heilige Schrift soll aus sich selbst erklärt werden, die Einzelerklärung muß vorausgehen, aus ihr muß die Gesamterklürung herauswachsen. Keineswegs dürfen aber feststehende Voraussetzungen und Tendenzen der Arbeit zugrunde gelöst werden, indie sich alles

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