Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 bund. Da hat ihr Großmama heute die Erlaubnis verweigert. Nun saß sie zu Hause, dachte wunder, was sie versäumte, und weinte sich die Augen rot. Ihre Großmama suchte sic zu zerstreuen, indem sic ihr Staubtücher zum Säumen gab. „Nee, nee, alle Tage Berguiegen, so wollen wir's doch nich treiben. Das werden dann die Frauen, die nachher den Männern ihr sauer verdientes Geld vertun in de Konditoreien und de Wirtschaft zu Hause drunter und drieber gehen lassen, wo de Männer Pleite gehen und de Kinder verwahrlosen." Tante Phine malt immer gleich in den schwärzesten Farben. Begreift sie denn gar nicht, daß gerade so sinnlose Härten, das Entbehrenlassen harmloser kleiner Freuden die Jugend begehrlich und anspruchsvoll machend Aber Tante läßt sich nicht hineinreden. „Das kannste nich so beurteilen, mein Tochter." Tante meint nun einmal, ich, die Unverheiratete, habe nicht mitzusprechen bei Erziehungsfragen. Tante, müssen wir Frauen denn erst geboren haben, um Ntütter zu werden? Du ahnst nicht, wieviel Mütterlichkeit gerade in denen ist, denen sie sich mit ewiger Sehnsucht mischt. Arme, kleine Rosel, ich kann dir nicht helfen. Wenn du wüßtest, wie wenig du versäumt hast. Die beiden Fräulein Harms, die sich auch so sehr „zu mir hingezogen fühlen" — eigentlich sollte ich meine bevorzugte Stellung als begehrte Schwiegermutter viel hoher werten —, die Hilfsschwester Martha, in Friedenszeiten Zeichenlohrerin, und die Klavierlehrerin Marie taten zwar sehr schön mit mir und schienen aucT) recht bekannt und sehr wohlwollend zu ihrem Wirtstöchterlein, aber gegen Paula waren sie von auffallender scharf betonter Fremdheit. Paula tat mir beinahe leid, als nur den Rundgang durch die Wohnung machten — die Hilfsschwester interessiert sich so sehr für die alten Oelgemälde und das Porzellan und das Zinn von den Urgroßeltern, von denen ihr Herr Dr. Westphal erzählt hatte. Die drei hatten sich uutergefaßt und sprachen lebhaft auseinander und zu mir ein. Schwester Martha, die Aeltere, führte hauptsächlich das Wort und zog Paula, die sowieso nicht viel von den Sachen versteht, gar nicht mit ins Gespräch. Wie hätte ich wohl sonst die junge Verwandte, die, allein und zurückgesetzt, ohne Interesse für das, was die anderen so lebhaft besprachen, hinter den anderen herging, eingefaßt und sie zärtlich und aufmunternd mit fortgezogen. Ich tat ja auch heute wohl meine Pflicht, aber ich glaube, so recht warm und traut ist ihr nicht dabei geworden. Ich konnte einfach nicht so wie sonst. Aber ich staunte, wie wenig doch der Beruf der Barmherzigkeit auch barmherzig macht gegen Gesunde. Schwester Martha soll, das hat mir Günther immer erzählt, unter dessen Kollegen sie arbeitet, von geradezu aufopfernder Güte und Selbstlosigkeit zu ihren Kranken sein — aber so ein noch unsicheres Menschenkind verängstigt und verletzt hinterherlaufen zu lassen, während man selbst rechts und links die behagliche Vertraulichkeit zu Schwester und intimer Bekannter betont, das läßt ihr gutes Herz zu. Als Cilli kam, wurden die drei aus Günthers Haus noch untereinander abgeschlossener, noch feindseliger. Es war lachhaft, wie die Tasse Tee, die ich ihnen bot, sie zähmte, die Tasse Tee und das, was ich in ihren Augen Wichtigeres noch zu verschenken habe. Sie waren von bescheidener, liebenswürdiger Zutraulichkeit zu mir, aber den anderen beiden meiner Konfession zeigten sie unverhohlene Abneigung, die auf beide höchst verschieden wirkte. Paula stimmte sie gedrückt und verlegen; Cilli half sich mit erzwungener Sicherheit und war dreister und lebhafter als je, nur zu laut und dreist. Ich sah zu sehr die unverhohlene Absage an die ganze Judenschaft in den Augen der christlichen Gäste, ihr höhnisch befriedigtes: „Seht ihr, so sind sie nun." Dabei beherrschte doch ein gemeinsames Thema den ganzen Kreis, vorbei an der Kriegslage, den Friedensaussichten und den Geschehnissen in den einzelnen Häusern, die das Gespräch mühsam einleiteten. Das Thema des Tages war Dr. Westphal! Es lag über Paulas heute bleichem Gesicht, auf ihren noch vom Weinen schweren Lidern, die dem jungen Gesicht einen so viel ernsteren, beinahe edlen Zug verliehen; es klang aus Lottchen Beyers verschämtem Kichern, sobald Herr Dr. Westphal genannt wurde; es wurde in eifersüchtigem Wechselspiel vvn Cilli und den beiden Harms behandelt. Es war, als überböten sich die beiden feindlichen Parteien in Beweisen ihrer Vertrautheit mit ihm. „Herr Dr. Westphal sagte", „da kam gerade Herr Dr. Westphal" — das kam in jedem unwichtigen Tageserlebnis vor, das seine Hausgenossinnen erwähnten. Cilli erzählte, wie sie sich da neulich mit „Dr. Westphal zusammen halbtotgelacht habe, auf der Straße, im Lazarettgarten"; sie schienen sehr befreundet und eines Sinnes. Eine Günther-Gemeinde! schoß es mir durch den Kopf, und meine Lippen preßten sich noch fester zusammen in tiefem inneren Zorn, in angstvoller Verletztheit. Wie kommt ihr alle dazu, ihm eure Gedanken nachzuschicken: warum interessiert ihr euch für ihn? Was ist an ihm? Mir ist es, als müsse ich ihn von allen denen herunterreißen. So verblendet bin ich nicht, daß ich nicht ganz genau sehe, daß keine Besonderheit an seinem inneren Und äußeren Menschen ist. Sein Wesen ist sogar oft etwas trocken und schwunglos. Oder genügt es euch allen, ihr Alten und Jungen, daß er ein Mann ist? In dieser Zeit der Männerlosigkeit im Lande ein Mann mit gesunden jungen Gliedern? Und wie ist es mit mir? Ich rücke in Gedanken weit ab von meinen Kästen. Fühlt doch den Unterschied. Mir ist er alles, mir muß er alles sein. Er war meine einzige Freude, als ich in tiefster Trauer war; er war mir das Leben, das frische, tatkräftige Leben, als ich den Tod nur kannte; er war mir die Jugend, mir, die ich alt geworden bin, ohne sie besessen, ohne ihren Besitz geachtet und gefühlt zu haben. Und jetzt sehne ich mich nach ihr. „Herr Dr. Westphal!" sagte anmeldend Josepha; da ging ein sekundenlanges Atemanhalten, ein Straffen und Spannen, äußerlich oder innerlich, ein Seufzen durch die ganze Gesellschaft. Die zwei Jüngsten erröteten tief; in Cillis Augen kam der bekannte, seuchtblitzende Glanz. Die Harmsschwestern, die wohl wenig jünger sein mögen als Cilli und ich, waren im Wesen wie umgewandelt. Ich ging Günther ein paar Schritte entgegen, und ich glaube, me habe ich ihn tantenhafter, nie kühlhöflicher willkommen geheißen als heute. Ich fühlte in dem Augenblick selber, daß ich Aehnlichkeit mit meiner Mutter hatte, von der man immer gesagt hat, sie habe das Wesen einer der Damen des Hofes aus der alten Zeit. Günther war vorher der Mittelpunkt gewesen, er war es nun erst recht, und das liegt wieder so ganz in seinem etwas trockenen, aller Eitelkeit baren Wesen — er merkte vvn alledem gar nichts. Er aß vergnügt mit etwas zu großen Bissen meinen selbstgebackenen Kuchen, den er so liebt, schlug dabei in der bekannten Art — daß Cilli nicht merkt, daß sie ihm auf die Nerven fällt — ihre derben Herausforderungen ab, war gemütlicher den Neckereien der beiden Harms gegenüber und ließ ab und zu beifällig seine Augen über die zwei Jüngsten gleiten, über Lottchen, deren blaue Augen ihn schwärmerisch anhimmelten, und über Paula, die die ernsten Blicke öfters voll unter den schweren Lidern hervorleuchten ließ, an ihm vorbei und doch zu ihm hin. Sie können es alle, das fesselnde Blicken, das beredte Schweigen und das gleich-