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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-27 · Heft 30 (27.7.1917) · p. Seite 357

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
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-- m Kinderlehrer. G a Uz m Gedanken versunken, geht er mit müden Schritten und gefugtem Rücken einher, als laste das jahrtausend alte Leid Israels auf seinem zwerghast kleinen, unausgewachsenen Körper. Ich lasse halten und begrüße ihn. Was in ihm vorgeht und welche Gedanken ihn beschäftigen, das brauche ich nicht erst zu fragen. Weiß ich doch längst, welcher Konflickt seine ernste und schwer angelegte, nach Erkenntnis drängende Natur tief bedrückt. Sein Zustand hat eine etwas tragikomische Note: Jossel, das kleine Lernjüngel, kann und kann es nicht fassen, daß diese „gebildeten, klugen Deutschen" nicht wie er, an einen einzigen alleinigen Gott glauben, an seinen Gott, der seine Väter geführt hat aus Aepypten, dem Lande der Knechtschaft. S o sebstverständlich und natürlich ist es für ihn, daß jemand, der ein bestimmtes Maß Wissen in sich aufgenomm'en hat, sich zu diesem, seinem Gott bekennen muß, daß dieser Widerspruch an ihm zehrt und ihn krank macht. Armer kleiner Jossel! Hättest du doch deinen Scharfsinn auf ein weniger schwieriges, einfacher zu lösendes Problem gerichtet. An diesem muß sich ja so ein einsames, weltfremdes, kümmerliches Kerlchen wie du allmählich verbluten! Jüdische Merlrhrer in Kreutzen. unzes „Kalender für das höhere Schulwesen Preußens" bringt in seinem 23. Jahrgang (1916) die Kunde, daß endlich auch in der Rheinprovinz ein jüdischer Oberlehrer angestellt worden ist, und zwar an der Realschule von Düsseldorf-Grasenberg, nachdem bereits in den letzten Jahren der Bann durch gelegentliche Verwendung von jüdischen Kandidaten gebrochen worden war. Die höheren Lehranstalten von Pommern, Schleswig-Holstein, Hannover und Westfalen haben vollständig judenreine Lehrerkollegien. In den beiden letzten Provinzen haben allerdings Juden Unterkunft gefunden, nachdem sie sich durch das Sakrisizium der Taufe dieser Stellung würdig gemacht haben. An staatlichen Anstalten waren am 1. Mai 1916 sechs Juden angestellt. Daß im ^Laufe des Schuljahres 1916/17, am 1. Oktober 1916, am Gymnasium zu Hindenburg ein Jude angestellt worden ist, sei hier als besondere Merkwürdigkeit verzeichnet: seit 6X> Jahren hatte der preußische Staat keinen Juden mehr in seinen Anstalten untergebracht. Am 1. Mai 1916 ist auch in Oppeln (Realschule) ein Jude Oberlehrer geworden. Ausgeschieden sind zwei jüdische Oberlehrer, die an einer Realschule in Berlin tätig waren, der eine durch Tod, der andere durch Pensionierung. Im ganzen waren am 1. Mai 1916 in Preußen an nichtjüdischen höheren Knabenanstalten 76 jüdische Oberlehrer angestellt, nämlich sechs an staatlichen Anstalten (je einer in Graudenz, Strasburg, Berlin, Wittstock, Bromberg und Posen), 70 an städtischen, davon einer in Westpreußen (Danzig), der übrigens im Laufe des Schuljahres gestorben ist, 55 in der Provinz Brandenburg (50 in Berlin, 4 in Charlottenburg, einer in Crossen), 6 in Schlesien (3 in Breslau, 2 in Kattowitz, einer in Oppeln), einer in der Provinz Sachsen (Magdeburg), 6 in Hessen-Nassau (einer in Kassel, einer in Dillenburg, 4 in Frankfurt), einer in der Rheinprovinz. An den höheren Mädchenschulen sind wie im Schuljahre 1915/16 am 1. Mai 1916 8 jüdische Oberlehrer und 1 Oberlehrerin tätig gewesen. Dazu kommen die 18 jüdischen Oberlehrer an den beiden israelitischen Realschulen in Frankfurt a. M. Nicht angestellte jüdische Kandidaten gab es 42 in Preußen, und zwar 27 anstellungsfähige (unter 2677), 5 Probanden (unter 783) und 10 Seminarkandidaten (unter 942). M. G. Tante Trude Tante Trude Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (21. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ud morgen wird er wieder quälen, immer und überall, wo er mich sieht. Wenn ich nur daran denke, mit Tante Phine von dieser Bekanntschaft ihres Enkels zu sprechen, wird mir heiß. Aber, gut, ich werde es versuchen. Was aber soll ich mit Paula anfangen? Was weint sie mir die Ohren voll und tut, als gäbe es auf der ganzen Welt kein so großes Unglück wie ihre aussichtslose Schwärmerei? „Wenn er sich ebenfalls für mich interessieren sollte, wäre sie nicht aussichtslos," sagt sie fest. „Und Großmama, Paula? Du kennst doch ihre Ansichten und weißt, daß es ihr Tod wäre, wenn -du einen Christen heiratetest." „Wir könnten ja warten," sagt sie ganz leise und wird dunkelrot. Einen Augenblick schweige ich erschreckt. „In unserer Rasse ist es eigentlich nicht üblich, auf den Tod der Angehörigen zu warten," sage ich leise und gedehnt. Da schluchzt sie heftig auf. Ich glaube, sie ist enttäuscht, daß ich mich nicht eingehender, nicht mitleidiger in ihren Herzenskummer vertiefe. Natürlich, mit den Anmaßungen der Jugend denkt sie, das Schicksal läßt sich meistern von ihrem gewaltsamen Wunsch. „Ich wünsche es mir." Alles gehört ihr, auch das Unmögliche. Sie kam eine Stunde eher zu meinem kleinen NachmittagStee, um mich noch allein zu sprechen. Und ich muß die gute Tante sein und raten und beruhigen. Ich will gern glauben, daß sie meine Art zum erstenmal enttäuscht, daß ich zum erstenmal mehr ihrer Großmutter Methode annehme: Vorwürfe machen, schelten, von ganz hoher Warte herab sich empören, statt zu verstehen und mit zu überlegen. Warum tue ich denn so nichtverstehend, so hochmütig entrüstet, daß sie den Christen liebt? Halte ich die Art, die ich ihr gegenüber anwende, denn für wirksam? Da kenne ich alle Löbs nun schon zu gut dazu. Nein, es ist meine Ohnmacht, mein wehrloser Kummer, der die Augen schließt und kindisch um sich schlägt, weil er nicht sehen und nur verletzen will. Paula half mir den Tisch decken. Vorsicht mit den guten alten Tassen, uns zitterten beiden die Hände. „Tante Trude, du hättest dir die Gäste nicht einladen sollen. Siehst du, es regt dich auf. Du bist ja doch im Trauerjahr." Ich lachte bitter auf. „Mach' dir keine Sorgen, Paula, das regt mich nicht auf. Und diese Art Lustbarkeit verträgt sich schon mit meiner Trauer." Ich habe sie alle zusammen aufgefordert, die beiden Hausgenossinnen von Günther, die mir Lottchen Beyer einmal auf der Straße vorstellte, und die mich durchaus einmal näher kennenlernen wollten, sein Wirtstöchterlein, Cilli und die beiden Löbschwestern. So habe ich sie alle einmal dagehabt und bin sie los, das ist der Zweck der Uebung. Rosa durfte nicht kommen. Sie hatte erst vorgestern einen Geburtstag mitgemacht bei einer Freundin aus dem Jugend-

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