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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-27 · Heft 30 (27.7.1917) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
Seite 356 (sequence 8)
Language
German
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356 Häusern, selbst mit den bescheidensten und einfachsten nicht aufkommen läßt. Die Decke schmucken einige in grellen Farben naiv ausgesührte Bilder mit Darstellungen ländlicher Szenen. Man sieht jüdische Jünglinge auf dem/Acker beschäftigt, und die Töchter Zions binden Garben. Als wohltuender Kontrast zu dem kümmerlichen Pfennighandel, dem die Juden hier gegenwärtig ihren Unterhalt verdanken, mögen diese Bilder wohl am rechten Platze sein und in manchem Beter hoffnungssrvhe Zukunftsgedanken aussteigen lassen. Die sonstige Einrichtung ist denkbar primitiv: unten eine Anzahl roher Holzbänke für die Männer, oben die vorgeschriebenen, käfigartigen Verschlage für die Frauen, „auf daß ihre Sinne nicht abgelenkt werden". Nachdem einigermaßen Ruhe eingetreten ist und wir Soldaten zur Seite des Rabbiners Platz genommen haben, handelt es sich darum, wer vorbeten soll. Mein Kamerad zur Rechten, ein Kavallerist mit schon leicht ergrautem Haar, ist gern dazu erbötig und begibt sich nach vorn an das alleinstehende Betpult am Fuß der Kanzel. Man muß sagen, daß er seine Sache ganz vorzüglich macht. Unsere Glaubensgenossen sehen sich untereinander befriedigt, gleichzeitig aber etwas erstaunt an, wie immer, wenn sie bemerken, daß ein deutscher Soldat sich in der „Jüdischkeit" auskennt. Herr Dr. X. beginnt seine Predigt. In sprachlich schöner Form, jedoch mit schlichten, klaren Worten, die dem Gedankengang und dem Gefühlsleben des Soldaten mit bestem Verständnis angepaßt sind, entwickelt er das Thema aus dem laufenden Wochenabschnitt. Von der Erklärung dreier Symbole des jüdischen Kultus ausgehend, überträgt er ihre sinnvolle innere Bedeutung auf die heutige Zeit mit ihren Kämpfen und Nöten und knüpft an diese Auslegung die Mahnung, auch in den schlimmsten Tagen das Licht der Erkenntnis, oie Flamme des Glaubens nicht in uns erlöschen zu lassem Sv sehr die Predigt mich auch fesselt, ich kann eK'nkir nicht versagen, immer wieder und wieder die Zuhörerschaft zu mustern, die, ganz im Banne des Redners, mit verhaltenem Atem, vorgestrecktem Oberkörper und angespanntem Gesichtsausdruck, auf dem sich die Wirkung des Vortrages lebhaft widerspiegelt, seinen Worten lauscht. Was für charakteristische Köpfe! Welch seines Mienenspiel mit allen Abstufungen seelischer Stimmungen, und ferner: welche gar nicht zu übersehende geistige Anspannung in dem Bemühen, auch das kleinste Wörtchen als inhaltsvoll und bedeutsam zu erfassen und zu verarbeiten. Ihr lebhaftes Temperament, verbunden mit dem Wunsche, sich unmittelbar zu dem Gehörten zu äußern, veranlaßt einige der Männer zn heftigen Gestikulationen, und rührend wirkt es, wie aus einer der letzten Bänke ein steinalter, ehrwürdiger Jude, wenn ihn ein Wort ganz besonders gepackt hat, gleich einem sich meldenden Schüler die Hand erhebt, um sein Interesse zu bekunden und seiner Erregung Luft zu machen. — Schwer und beklommen, als hätte sie sich von einer fernen Gedankenwelt erst allmählich loszulösen, atmet die Gemeinde auf, als Dr. X. seine Predigt schließt. Vor dem Abschied vereinigen wir uns noch einmal mit ihm zu einem kurzen Plauderstündchen in einer benachbarten Teestube. Seine Vermutung, daß wir alle dem Kaufmannsstande angehörten, erweist sich zur allgemeinen Heiterkeit als ganz abwegig. So viel Kopfe, so viel Berufe! Von den beiden Infanteristen ist einer Viehhändler, der andere Landwirt; unser Kamerad von der Kavallerie, der bewährte Vorbeter, entpuppt sich als Sattlermeister, und der vierte, vom Train, vertritt gar einen durchaus unjüdischen Beruf, er ist Artist und sejn Spezialgebiet das fliegende Trapez. Schlank, sehnig und geschmeidig mit kühnblitzenden Augen kann er als eine ideale Verkörperung eines spartanischen Jünglings gelten. Er erzählt uns von einem Keinen dienstlichen Mißgeschick, das ihn betroffenhat. Ein geringfügiges Versehen, wie es täglich vvrkommt und jedem einmal passieren kann, hat ihm drei Tage Arrest eingetragen. Diese Bestrafung bringt es nun mit sich, daß sein Heimatsurlaub, den er in diesen Tagen antreten sollte, zugunsten seiner übrigen Kameraden einen ziemlich erheblichen Aufschub erleidet. Ihm selbst macht das nicht viel aus; waS aber für fein jüdisches Empfinden charakteristisch ist, das ist die gemütvolle Art, in der er uns betrübt klagt, wie sein altes Mütterchen daheim in Oberschlesien, das sich auf das baldige Wiedersehen mit ihm so gefreut habe, nun vergeblich warten müßte. Wir reden ihm alle gut zu, daß in diesem Falle ausgeschoben ja nicht ausgehoben bedeute. Dann komme ich mit Herrn Dr. X. in ein Gespräch, und nichts liegt näher, als daß es sich um die Ostjudenfrage dreht. Sie drängt sich uns, die wir nun seit Jahren inr Osten leben, in immer.stärkerem Maße auf, je mehr wir begreifen, daß hier das Wort: Tua ros agitur! gilt und jede jüdische Sache auch die unsrige ist. Eine sich bald zwischen uns herausstellende erfreuliche Uebereinstimmung in prinzipiellen Dingenkommt mir deshalb nicht überraschend, weil wir ja beide das Ostjudentum an seinen Quellen kennengelernt haben, also Praktiker sind im Gegensatz zu so zahlreichen Theoretikern, die sich zu Haus immer aufs neue in geistreichen Aufsätzen den Kopf --- der Ostjuden zerbrechen, ohne zu bedenken, daß -es sich hier um einen beseelten lebensprühenden Organismus mit vielen eigenen, weiß Gott, feinen Köpfen handelt. Man sehe doch endlich einmal ein, daß mit diesen — nur äußerlich Willensschwächen — wertvollen Menschen nicht willkürlich zu experimentieren ist, sondern daß sie gefragt sein wollen, gefragt werden müssen, wenn es sich um die Gestaltung ihres Schicksals handelt. . Ein Händedruck, ein wohlgemeintes „Alles Gute", dann trennen wir uns, jeder innerlich bereichert durch die empfangene religiöse Anregung und den Gedankenaustausch mit den Kameraden. — Da ich mir meinen Wagen erst zu einer späteren Stunde bestellt habe, bleibt mir noch reichlich Zeit zu einer abermaligen Streife durch die engen Gäßchen. Es fällt mir auf, daß sich hier und da kleine Gruppen von erregt durcheinander sprechenden Männern gebildet haben. Im Vorbeigehen vernehme ich unschwer, -was sie beschäftigt und ihr Wortgefecht herbeigeführt hat: sie durchsprechen, „klären" den Inhalt der gehörten Predigt. Mit Genugtuung kann ich feststellen, -daß dies mit einer Gründlichkeit und einem Verständnis geschieht, die deutlich erkennen lassen, daß sie die Worte des Rabbiners bis ins letzte erfaßt haben. Mit großer Spitzfindigkeit und sichtlicher Freude an der Diskussion greifen sie einige dem Wortlaut nach behaltene Sätze der Predigt heraus und zergliedern sie. „Gehämmert — warum gehämmert?" fragt ein kleines zierliches Männchen seine Umgebung und blickt triumphierend, als hätte er die tiefste Weisheit ergründet, von einem zum anderen. Und. dozierend, mit leichtem Wiegen des Oberkörpers, den Zeigefinger sind Daumen der rechten Hand bei erhobenem Arm fest allfeinander gepreßt, beantwortet er sich selbst die gestellte Frage: „Gehämmert deshalb, damit die Lehre Israels sich tief einpräge in die Herzen der Jugend, wie Hammerschläge sich einprägen in Metall." Seine Zuhörer sind von dieser Auslegung anscheinend äußerst befriedigt und nicken ihm beisiimmenv zu. Aber völlig geklärt scheint die Sache doch noch nicht zu sein/ denn als ich schon ein ganzes Stück von der Gruppe entfernt bin, schlägt noch einmal die Frage an mein Ohr: „Gehämmert — warum gehämmert?" Alls der Rückfahrt stoße ich einige Kilometer vor meinem Ouartier auf meinen Freund Jossel, den Jeschiwe Bocher und

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