Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Zeiten. Bade- und Entlausungsanstalt werden, so oft es die Zeitverhältnisse erfordern — also nicht zu selten —, ausgesucht und alle Gesetze moderner Hygiene überhaupt auf das peinlichste vesolgt. Unterstützt wird die natürlich ziemlich kostspielige Einrichtung voll der jüdischen Zentrale und durch freiwillige Spenden jüdischer Gemeinden, unter denen auch die Breslauer Gemeinde mit 5000 Mark ehrend vertreten ist; denn der Erlös aus den verkauften Kleidungsstücken und kunstgewerblichen Gegenständen reicht zur Bestreitung der Kosten nicht annähernd aus. Das Schönste und Ueberzeugendste an der ganzen Idee ist die absolut fest im Boden der Wirklichkeit ausgehende Art der Durchführung. Kein falscher Ehrgeiz strebt irgendwo nach Phantastischen Idealen, keine unfruchtbaren Träume von Künstlerruhm werden verhängnisvoll genährt. — Zielsicherer, praktischer Lebenssinn regiert das System dieses Hauses. Männer, die das Volksübel einer verwahrlosten Jugend täglich-und stündlich aus nächster Nähe studieren, bekämpfen es hier mrt der unbesieglichsten aller Waffen — mit der Arbeit. Und. der Segen des Erfolges ist mit ihnen und ihrem schönen Werk. gitt Gottesdienst im Men. Bon Jy o (i x Hirs ch in n n n , Offizierstellvertreter. 3n die ländliche Stille meines einsamen, von der Welt abgeschnittenen Quartiers rattert der telephonische Anruf: ob ich morgen nachmittag nach dem Städtchen S. fahren und an einem jüdischen Militärgottesdienst teilnehmen will, den der Armeerabbiner Dr. X. dort veranstalten wird. Gewiß will ich, selbstverständlich! Habe ich's doch beim Abschied meiner Königsberger Freundin fest versprochen, draußen „gutjüdisch" zu bleiben. Also lasse ich am anderen Tage gegen Mittag mein Wägelchen anspannen und mache mich auf die Fahrt. Fahre Stunde um Stunde die trostlos-öde russische Landstraße entlang, deren Charakter sich, sei es wo es sei, stets - gleich bleibt- und die mir" nun nach fast dreijähriger Bekanntschaft so vertraut geworden ist wie unser Berliner Großstadtpflaster. Gegen 4 Uhr, eine halbe Stunde vor der angesetzten Zeit, bin ich an Ort und Stelle. Rasch unternehme ich noch einen Buiniuel durch die Gassen des mir bis dahin nicht bekannten Oertchens, das durch den Krieg sehr gelitten hat und zum größten Teil niedergebrannt ist. Es ist immer dasselbe Bild. In jedem der kleinen, nicht mehr als wenige Meter hohen Holzhäuschen befindet sich ein „Geschäft". Das heißt, man kann dort irgend etwas kaufen, wenn auch häufig ein Paar Päckchen Zigaretten und einige Schachteln „Schweberlech" (Zündhölzer) das gesamte Warenlager bilden. Bei der glühenden Hitze kommt eine am Markt gelegene Bude mit der Tafel „Sehr giete Limonade" meinen Wünschen recht entgegen. Längst habe ich es verlernt, mich im Osten über die „Aufmachung" zu verwundern oder gar zu empören. Drum nehme ich es als durchaus natürlich hin, daß das Inventar des Gastzimmers aus einem Faß, einem Holztisch mit zwei Gläsern und einem wackligen Stuhl besteht. Die Tochter des Hauses, Fräulein Gittel, erscheint auf der Bildfläche: ein etwa 16 Jahre altes, hübsches, junges Mädchen, blonder, fast germanischer Typus, wie man ihm hier im Osten so häufig begegnet, im Gegensatz zu der landläufigen Vorstellung von der polnischen Jüdin. Es mag dahingestellt bleiben, ob das mir Vorgesetzte Getränk das Prädikat „sehr giet" mit Recht führte, jedenfalls löschte es meinen Durst. Bald ist ein Gespräch im Gange, dem ich von vornherein einen etwas vertraulichen Charakter zu geben suche durch die Erwähnung, daß ich Jude bin. Ein zweifelnder, mißtrauischer Blick streift mich. Ich bin ihn bei der Vorstellung als Glaubensgenosse nur zu gut gewöhnt, um ihn befremdlich zu finden. Es ist nämlich eins betrübende Tatsache: noch immer läßt der Bekennermut der jüdischen Soldaten zu wünschen übrig; eine nicht geringe Zahl zieht es vor, sich nicht „zu erkennen zu geben". Nicht als ob sie sich ihres Judentums schämten, nein, es sind andere, hier nicht zu erörternde Gründe, die ihr Verhalten bestimmen und es bis zu einem gewissen Grade psychologisch erklärlich und entschuldbar machen, es deshalb aber trotzdem noch keinesfalls rechtfertigen. — „Ihr seid einJwre?"') fragt mich also Fräulein Gittel, indem sie mich nochmals kritisch und unbefangen mit einem langen Blick mustert. „Tacke!" antworte ich und hoffe, mich ihr gegenüber mit diesem Ausdruck ausgewiesen zu haben. Sie scheint aber gewohnt zu sein, allen Dingen auf den Grund zu gehen, und verlangt überzeugendere Beweise meiner Stammeszugehörigkeit. Ich sinne nach, wie ich ihre Zweifel bannen kann. Und da mir im Augenblick gerade nichts Besseres einfällt, beginne ich die „Hatikwa" vor mich hinzusummen. Schon bei den ersten Tönen vollzieht sich ein erstaunlicher Umschwung zu meinen Gunsten. Gittel, der nette, blonde Backfisch, dessen Augen eben noch so kühl und abweisend blickten, wendet mir strahlend ihr Gesicht zu. Dann aber steht sie schon im Hintergrund des Raumes und ruft laut und fröhlich ins Innere der Wohnung: „Tate, Tate, ein jüdischer Soldat!" In wenigen Minuten sind sie alle zur Stelle, nicht nur der Tate, ein schon bejahrter Mann mit klugen, gütigen Augen, nein, auch die Mamme und die zwei kleinen Brüder. Alle wollen sie mich begrüßen und mir, jeder auf seine besondere Art, ihre Sympathien bekunden. Als ich den größeren der Jungen frage, ob er schon „Raschi" lerne, sieht sich die Familie schmunzelnd an, jeder Zweifel an meiner „Echtheit" ist gewichen. Inzwischen ist es Zeit geworden, die Synagoge aufzusuchen, einen kleinen anspruchslosen Steinbau am Endo einer Seitengasse, dicht vor den Feldern. Nur vier jüdische Soldaten find außer mir zu erblicken, dagegen scheint die gesamte Einwohnerschaft das stärkste Interesse an dem angesagten Gottesdienst zu nehmen. Männer, Frauen und Kinder, Kinder bis zum Säugling sind vertreten, um den deutschen Rabbiner, einen Rabbiner in Offiziersuniform, der eine richtige „Drösche" halten wird, zu sehen und, wenn möglich, auch zu hören. Auch zwei russische jüdische Krankenschwestern haben sich eiugefunden, anmutige, schlichte Erscheinungen, denen trotz ihrer Jugendlichkeit der schmerzlich-wehmütige Zug nicht fehlt, der sich so oft im Gesicht der Ostjüdin zeigt und aus ihrem Geschick in Vergangenheit und Gegenwart nur zu gut zu erklären ist. Beide Schwestern widmen sich in S. der Zivilkrankenpflege und versehen, wie ich hörte, ihr schweres Amt mit großer Liebe und Hingabe. Plötzlich geht eine Bewegung durch die Reihen der Wartenden, und freudig erregte Stimmen verkünden, was bevorsteht: der Row kommt, der Row! Herr Dr. X. steigt aus dem Wagen und macht sich mit nns Soldaten in herzlicher Weise bekannt; auch er bedauert gleich uns die schwache Beteiligung von militärischer Seite. Der starke Andrang der Zivilbevölkerung scheint ihm etwas Gewohntes zu sein. Auf Grund eigenartiger Erfahrungen trifft er in weiser Voraussicht die Anordnung, daß Kinder die Synagoge nicht betreten dürfen, damit der Gottesdienst nicht gestört werde. Die jüdischen Mamas sind leider nur schwer davon zu überzeugen, daß ihre Allerjüngsten, die sich in ihren Gefühlsausbrüchen und natürlichen Instinkten keinerlei Zwang aufzuerlegen pflegen, nicht in die Synagoge gehören. Diese zeigt im Innern das übliche ärmliche und nüchterne Gepräge, das irgendwelche Vergleiche mit u n s e r e n Gottes- ') Iw re — Jude.