Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229316--73284-3285757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
354 Illustrierung dieser kurzen Bemerkung zwei Bilder folgen, von denen das erste dem alten, das zweite dem neuesten Teil des Judenfriedhofes in Posen entnommen ist. Ich glaube durch die Vorführung dieser lehrreichen Bilder meinen Lesern, die sonst wohl in diese interessante Publikation keinen Einblick erhalten möchten, einen Dienst zu leisten. L 6. Lin Wilches lo?is!es WkswerK in M!ns'>. Bon F. E. B e t t a u c r, Landsturmmann. ilfe durch Arbeit" ist Name und Programm einer jüdischen Gesellschaft in Wilna, deren vorbildliche Wirksamkeit die Kriegsnot in der litauischen Hauptstadt in vielen hundert füllen hat lindern Helsen. Tie überall brennende Frage der Jugendsürsorge im Kriege gestaltete sich naturgemäß in den Gegenden, durch die der Krieg mit seiner gegenwärtigsten Gegenwart schritt, zu einem Problem, von dessen glücklicher Lösung das Wohl und Wehe eines ganzen kommenden Geschlechts abhing. In richtiger Erkenntnis solcher Gefahr taten sich in Wilna führende jüdische Männer zusammen und gründeten eine Anstalt. in der Kinder jüdischen Glaubens kostenlos unter ständiger Aufsicht fachmännisch geschulten Personals ein Handwerk oder Gewerbe erlernen sollten. Der von edler und mit Lebensklugheit begabter Menschenliebe getragene Gedanke fand die Unterstützung der deutschen Militärbehörden. die vor allem durch den aus Breslau stammenden und hier sehr verdienstvoll wirkenden Armeerabbiner Dr. Lewy für das humanitäre Werk interessiert wurden. Kurz vor Besetzung Wilnas durch unsere Truppen im September 1915, war die seit 1903 bestehende Anstalt von den russischen Behörden geschlossen worden; im Oktober bereits wurde sie aber mit deutscher Genehmigung wieder eröffnet. Von dieser Zeit her datiert der schnelle Aufschwung des Unternehmens. Im gleichen Verhältnis wie die Not wuchsen auch Kräfte und Wille zur Abwehr. Eine neue Abteilung nach der anderen wurde angegliedert, die Verpflegungsfrage so geregelt, daß heute sämtliche Kinder von der Anstaltsküche gespeist werden, und seit Januar 1917 wurden schon wieder vier neue Kurse eröffnet itnb mit einer stattlichen Zahl von Lernenden belegt. Heute gewährt das äußerlich unscheinbare Haus auf der Subotschstraße 150 Knaben und 350 Mädchen jüdischen Glaubens im Alter von etwa 13 bis 15 Jahren Schutz und Obdach. Die Kinder kamen in dieses Halls llicht selten unmittelbar von der Straße, deren Gefahren schon nach ihren jungen Seelen griffen. Nun sind sie geborgen, werden gespeist und durch Erziehung zur Arbeit mit Waffen für den Lebenskampf ausgerüstet. Ein Geschlecht tüchtiger Facharbeiter wächst in diesen! Hause heran. Ein Rundgang durch die übersichtlich angelegten Räumlichkeiten des Hauses, in deni peinlichste Sauberkeit oberstes Gesetz ist, lnacht *) Aus der „Breslauer Zeitung". uns zunächst mit den Unterrichtsstütten der Mädchen bekannt. In zwei Kursen lvird die Tamenschneiderei gelehrt; die erste Abteilung, in der etwa 50 junge Mädchen Kinderkleidchen und die Vorarbeiten zll schwierigerer Konfektion fertigell, ist ein verheißungsvoller Auftakt. Nebenan die zweite Grllppe derselben Abteilung kann schon voll Stolz fertige Damenkleider, hübsche Blusen itnb* Röcke mit komplizierter Besatzarbeit als Früchte ihres Fleißes vorweisen. Ein Anprobterzimmer ist dieser Arbeitsstübe benachbart. Umveit davon liegt ein Zeichenfaal, in dem jeder Kursus wöchentlich zu mehrstündigem Fachunterricht im Modellzeichnen nnb Entwerfen Einkehr hält. Etwa 45 Mädchen lverden in einer geräumigen Stube in die Geheimnisse der Spitzenklöppelei eingeft'chrt. Von jungen, geschickten Händen werden täuschende Kopien prachtvoller venezianischer Originale gefertigr und daneben auch in eigenen Entwürfen sehr Beachtliches geleistet. Eine der sehenswertesten Abteilungen des Hauses ist die Stickereistube. 38 Mädchen sitzen da drinnen über die Spannrahmen gebeugt und nehmen es an Eifer und Akkuratesse mit mancher erwachsenen Kunststickerin auf. Eine zarte Kleine von durchsichtiger Blässe ist Spezialistin für Wilnaer Stadtwappen, die sie in mustergültiger Sauberken auf Tmchentüchern und Eckchen verewigt. Auch so unentbehrliche Instrumente weiblicher Eitelkeit, wie Korsetts, werden im Hause angefertigt, und zwar vom schmucklosen „Leibchen" angefangen bis zum kostbaren damastenen Luxus- Panzer. Diesen Kursen angegliedert ist die Ausbildung der Mädchen in allen Fächern der Hans arbeit. Fünf von ihnen werden täglich als Hilfskräfte im Küchendienst beschäftigt, und anch sonst wird nichts versäumt, um sie für den ersten Beruf jeder Frau, für den Hausfrauenberuf, vorzubereiten. Nicht weniger zweckentsprechend und vielseitig ist die Ausbildung, die den Knaben zuteil wird. Ein Jugendkursus für Holzschnitzerei ebnet den Weg für eine spätere künstlerische Betätigung in biefem Berufe. In einem im Erdgeschoß gelegenen großen Raum ist auch bereits ein halbes Dutzend erwachsener Holzschnitzer, Modelltischler und Holzbildhauer damit beschäftigt, die zahlreich eingehenden Aufträge von Kopien namhafter Kunstwerke auszuführen. Eine Schöpfung der jüngsten Zeit sind die Abteilungen für Plakat-, Schilder- und Dekorationsmalerei und die Graveur- und Ziseleurklasse, in die nur besonders befähigte Knaben ausgenommen werden. Nach einem sehr geschickten und bewährten System wird in zwei Kursen das Schneiderhandwerk gelehrt. Ein deutscher Meister, der Berliner Rudolf Maurer, hat während seiner vierjährigen Wirksamkeit m Wilna den Grund zu dieser Abteilung gelegt. Ein früherer Schüler von ihm steht ihr heute als Lehrer vor. Vom Stopfen und Knopflochnähen bis zur Fertigstellung eines eleganten Maßanzuges oder Paletots wird in zwei Kursen innerhalb eines Jahres den Knaben die Kunst der Nadel und des Plätteisens vermittelt. Für den Erfolg spricht der Umstand, daß die große Zahl der stets vorliegenden Arbeiten Vorrat gar nicht znläßt. In den freien Stunden versammeln sich die Zöglinge im gedeckten Turnraum der Anstalt, wo täglich Gymnastik.getrieben lvird. Ein großer, Heller, luftiger Raum, der mit dem deutschen Sinnsprncki „Bete und arbeite" geschmückt ist, vereinigt die Kinder bei den Mahl Gegenbeispiel (s. Text).