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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-27 · Heft 30 (27.7.1917) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 30 (27.7.1917)
Date
1917-07-27
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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Auf dem italienischen und dem südöstlichen Kriegsschauplätze war es in der Berichtswoche still; gegen die Franzosen haben unsere Truppen manche schöne Erfolge davongetragen und Rußlands anfänglich geglückte Offensive ist nicht nur gebrochen, sondern von unserer und der mit uns Verbündeten Seite ist ein starker Angriff begonnen worden, dem nur verheißungsvollen Fortgang und als Wirkung die gänzliche Vertreibung der Russen aus Galizien von Herzen wünschen. Gegen England aber, wider das der Landkrieg zu einstweiligem Stillstand gekommen ist — gewiß nur für wenige Tage —, sind die Erfolge zur See ganz ungeheuer. Die Unterseebootbeute beziffert sich für den Monat Juni auf über eine Million Tonnen und fast kein Tag vergeht, ohne daß neue Beute, neue Schädigung unserer schlimmsten Feinde gemeldet wird. So dürfen wir, zwar ohne Aussicht auf einen baldigen und ohne Verlangen nach einem glänzenden Frieden, mit Hoffnung und Vertrauen der Zukunft entgegensehen. Solches Vertrauen steigert sich durch den Blick auf die inneren Verhältnisse. Die Zusammenkunft des Kaisers mit den Parteiführern, unter denen zum erstenmal auch Sozialdemokraten erschienen und ihre Ansicht dem Herrscher dartegten, ermutigt zu der Aussicht, daß die Mitwirkung des deutschen Volkes durch seine gewählten Vertreter bei der Ausgestaltung der Reichsverfassung, bei der Lösung der auswärtigen Verhältnisse in höherem Grade in die Erscheinung treten wird als bisher. Noch bleibt vieles dunkel, manche freiheitliche Forderung ist nicht erfüllt, die Schwierigkeit der Ernährung bei der Knappheit von Obst und Gemüse ist groß, aber die Hoffnung auf eine befriedigende Ernte ist vorhanden und damit die Aussicht auf die Möglichkeit des Durchhaltens gewährleistet. Das deutsche Volk hat sich in seiner großen Mehrheit stark gezeigt, in kraftvollen Worten seine Friedensneigung erklärt; es verlangt weder Entschädigung noch Eroberungen, aber es will aus diesem entsetzlichsten aller Kriege, für den es mit gutem Gewissen alle Verantwortung den haßerfüllten, neidischen, machtbegierigen Feinden zuschiebt, während es selbst sich freisprechen darf von Kriegshetzerei, unbeschädigt, unverletzt in seiner Machthaltung hervorgehen, mit dem vollen Recht und der unbeschränkten Möglichkeit, feine Tätigkeit auszuüben, um, ohne jede Minderung seiner Grenzen, ohne irgendwelche Gegenleistung gegen die von ihm notwendig unternommenen Schädigungen, in langer, segensreicher Tätigkeit die furchtbaren Wunden zu heilen, die dieser entsetzliche Krieg geschlagen hat. Fast drei Jahre tobt dieser Weltbrand; möchten wir endlich eine Aussicht erblicken, daß er zu Ende geht. * Von jüdischen Angelegenheiten ist nicht viel zu berichten. Aus dem Deutschen Reichstag wird gemeldet: Die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Bauer, Davidsohn und Scheidemann haben folgende kleine Anfrage eingebracht: "Seit längerer Zeit werden aus der Provinz Posen und aus dem Regierungsbezirk Oppeln, in der letzten Zeit auch aus dem Regierungsbezirk Breslau die ö st e r r e i ch i s ch e n St a a t s a n g e b ö r i g e n i ü disch e n Glau b e n s - - unbeschadet jahrzehntelanger Ansässigkeit, tadelloser Führung Und bestgeordneter Einkommensverhältnisse -- ausgewiesen. Sind dem Herrn Reichskanzler diese Zustände bekannt? Denkt er dagegen einzuschreiten? Wir begnügen uns'mit schriftlicher Antwort." Von einer Antwort ist bisher nichts bekanntgeworden. In einem Buche von Otto B a u m g a r t e n „Erziehungsaufgaben des neuen Deutschland" findet sich nach einer vom „Tag" veröffentlichten Besprechung nachstehende beherzigenswerte Ausführung: Wohl kann der Burgfriede so wie im Kriege nicht dauernd gewahrt bleiben. Aber das Verhältnis der Kirchen und Weltanschauungen sollte auf gegenseitiger Achtung und Anerkennung der Daseinsberechtigung beruhen. Den landläufigen Schlagwörtern sollte entsagt werden. Von „Ultra-montanen" oder „vaterlandslosen Gesellen", von „reaktionärer Bande", von „Krautjunkern" und „Schlotbaronen" zu reden, muß von oben und vonallen Guten her ebenso verpönt sein wie der wüste, inhumane Kampfruf gegen „Juden und Judengcuossen" (S. 126). * Frau Else Dormitz er veröffentlicht in der Zeitschrift „Die Flamme" einen Bericht über den Erfolg der von der Schriftleitung jener Zeitung unternommenen, an die deutschen Krematorien erlassenen Rundfrage: 1. Amtiert dev Rabbiner der dortigen jüdischen Gemeinde bei Einäscherungen von Israeliten im Krematorium? 2. Gestattet derselbe bei der Trauerfeier im Krematorium das Orgel- bzw. Harmoniumspiel zu Beginn der Feier bzw. beim Versenken des Sarges? Sie gibt am Schluß ihres Aufsatzes die folgende Zusammenfassung und allgemeine Bemerkung: In 40 dei rischen Krematorien kann! unter Beistand der jüdischen Geistlichkeit Einäscherung ftattfinben; ja: 32, nein: 8. Hierbei ist Orgelspiel gestattet: ja: 30, nein: 2. Mit diesem Ergebnis dürfte die Frage, die trotz aller Aufkläruntzen und Berichtigungen in jüdischen Kreisen immer noch die Köpfe verwirrt, endgültig zu nuferen Gunsten entschieden sein-. Wir bitten daher die israelitischen Anhänger der Feuerbestattung, diese so wichtige Umfrage möglichst zu verbreiten, damit nicht Hindernisse und Hemmungen da gesucht werden, wo in der Tat keine vorhanden sind, nämlich bet der jüdischen Geistlichkeit, die sich durch ihr liberales Verhalten und ihr Verständnis für die Forderungen der Zeit das beste und glänzendste Zeugnis ausgestellt hat. Die Befreiung, der Juden in Rußland ist in manchen russischen Blättern nicht nur als ein für die Juden, sondern gleichermaßen für die innere Entwicklung des ungeheuren Reiches außerordentlich wichtiges Ereignis erklärt worden. Das geht aus den Aeußerungen einiger Blätter hervor, die Leo Rosenberg in dem Artikel „Die Emanzipation der Inden in Rußland" in den „Sozialistischen Monatsheften" zusammenstellt: „Hellte ist fürwahr ein Festtag der Revolution. Heute erlangte eine ihrer bedentnugsvolleu Errungenschaften greifbare Gestalt und staatsrechtliche Sicherung. Zli diesem bedeutendsten Sieg der Freiheit beglückwünischen wir das russische Volk." So las man im Leitaussatz des Kerensklischen „Djen" vom 3. April 1917. „Durch dieses Edikt wurde dem alten. Regime der giftigste Zahn gezogen. Von heute ab wird die Gleichberechtrgllng der Völker Rußlands zum grundlegenden Prinzip der weiteren Entwicklung des demokratischen Rußlands." So im Leitaussatz der „Ra-botschaja Gazeta" von: gleichen Tag. Und das Kadettenblatt „Rjetsch": „Nicht allein das jüdische Volk, der gesamte russische Staat atmet heute frei aus im Bewußtsein der Befreiung von den Ueberreften des Mittelalters, die aus das ganze russische Staatsweseu ihren zersetzenden Einfluß ausübten. . . . Das jüdische Volk seufzte unter dem Druck dieser unerhörten Verfolgungen, brach aber nie zusammen. . . . An Stelle der alten, gedu-ckten und feigen Masse steht heute eine Ration vor uns mit einem fein ausgeprägten. Gefühl der Selbstachtung, mit dem unwiderstehlichen Willen zur Freiheit und nationalen Selbstbehauptung. . . . Mehr aber als das jüdische Volk, litt unter diesen nationalen Verfolgungen der russische Staat, der durch sie der Willkür I

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