Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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V:v£T-7---:v^^ 850- Unglücks immer neu heranstürmende Wagen sich brechen und teilen mußten, lernte er frühzeitig der äußeren Erniedrigung den geheimen Stolz, das Bewußtsein seines inneren Wertes entgegensetzen, seine Hoffnung stärken, seinen Geist stählen au dem Glanz und dem Reichtum seiner- Vergangenheit, an der Würde und Hoheit seiner Geschichte, an der Kraft und Fülle, die er in seinem Glauben fand. Propheten sind die Künstler, die in den Worten ihrer Predigt oder in bedeutungsvollen Zeichen die Hoffnung Israels gestalten und als bleibende Zeugnisse uns vor Augen stellen. Bei den alten Völkern lagen alle Seligkeit, alle Höhen des Menschengeschlechts rückwärts; vorwärts dagegen nichts als Versunkenheit und Elend. Selbst nach dem Tod ernmrtcten sie nur ein ödes Vergessen und einen Zustand zwischen Sein und Nichtsein, einen Zustand der Ohnmacht in dem Hades. Von einer dereiustigen Erhebung, Veredelung, von einem Fortschritt der Menschheit findet sich kaum eine Spur. Eine veredelte Zukunft fürs Erdenleben, eine geistigere, sittlicfycre Aera der Menschheit im ganzen noch hienieden kennt und lehrt einzig das Judentum. In der Erzählung von dem nächtlichen Ningkampf Jakobs wird diese Zeit mit „Anbruch der Morgenröte" bezeichnet. Sicherlich kommt diese Zeit, wo die Menschen nicht durch die finsteren Dämonen der Leidenschaft und des Hasses getrennt, sondern durch das Wahre, Gute und Schöne geeint werden. Vieles hat das Judentum mittels seiner Mission schon gewirkt. Es kann sich ohne jede Ueberhebung rühmen, daß die Bücher, die es seine Heilige Schrift nennt, an allen ihren Ufern überfließen von den Aussprüchen des heiligsten, des lautersten, des sittlichsten Geistes, daß in ihnen die erlösenden Ideen für die Menschheit vorhanden sind. Und alle, die vor dem Ueberhaudnehmen des „jüdischen Geistes" eine solche Angst an den Tag legen, mögen sich mit dem Gedanken beruhigen, daß der Geist der jüdischen Religion es war, der die Grundbestandteile dessen in die Welt gebracht hat, was man „sittlich geläutertes Bürgertum" nennt. Wenn heute die gebildete Welt längst nicht mehr an jene trostlosen Ueberlieferungen aus der Vorwelt von einem stetigen Rückschritt, von einer stetigen Verschlechterung und Entartung der Menschheit glaubt, so hat sie es in erster Linie jener Lehre zu verdanken, die lange, vor aller eigentlichen Forschung im Gebiete der Natur, als noch dichte Finsternis das Menschengeschlecht beherrschte, eine Lehre ausgestellt hat, die ebensowohl mit unserer Gemütssehnsucht wie mit den letzten Ergebnissen einer besonnenen Wissenschaft in Beziehung auf die Zukunft der Erde und ihrer vernünftigen Bewohner auf merkwürdige Weise übereinstimmt; das ist die Messiaslehre im Judentum nach der Schilderung der Propheten. Sir Woche. Berlin, den 24. Juli. er neue Kriegskredit ist im Reichstag bewilligt, und vvn neuem wird es demnächst unsere und aller Vaterlandssrennde Pflicht sein, zur Zeichnung auf die siebente, hoffentlich letzte Milliardenanleihe aufzufordern. Nicht ganz so einig wie in der Gewährung dieser zwar durch ihre Massenhaftigkeit erschreckenden, aber zur glücklichen Durchführung des Kieges unbedingt notwendigen Mittel war der Deutsche Reichstag im Beschluß der Friedenszielerklärung, die wir in der vorigen Wochenübersicht mitgeteilt haben. Diese Erklärung ist auch von dem neuen Reichskanzler in einer Rede angenommen worden, die keine Ueberraschung bot. Eher gewährte sie eine große Enttäuschung dadurch, daß in ihr zwar andere Worte als früher, aber keine neuen Gedanken geboten ivurden und daß in ihr von einer inneren Umgestaltung, von einer freiheitlichen Umwandlung der Reichsverfassung mit keinem Worte die Rede war. Eine solche konnte man freilich nach der ganzen Vergangenheit des neuen Mannes kaum erwarten, aber man hätte sich gefreut, sie zu vernehmen. Gewiß würde der Friede nicht durch solche Umänderung gefördert, doch würde er unsere Feinde zu größerer Achtung nötigen und manche Anklage verstummen machen, die sie mit einem Anschein von Recht wider uns erheben. Der Frieden kann, da schwächliche Nachgiebigkeit vvn unserer Seite nicht geübt werden darf, nur durch drei Momente kommen: durch die Erkenntnis unserer Leinde von der Vergeblichkeit ihrer Anstrengungen; durch die wachsende, schließlich unerträgliche Not in ihren Ländern; endlich durch unsere Siege. Das erste Moment ist leider ziemlich ausgeschlossen. Sie sind und bleiben verblendet. Die Franzosen, deren Land seit fast drei Jahren der Schauplatz von Kämpfen ist, die diesen Schauplatz des blutigen Ringens auf Jahrzehnte zur Einöde machen, die jeden Gewinn, den sie mit Triumphgeschrei verkünden, mit blutigsten Opfern bezahlen und ihn dann infolge unserer Anstrengungen schleunigst wieder verlieren, tun immer noch so, als wenn sie Sieger wären, da sie doch die Besiegten sind, und wagen es noch immer, von Elsaß-Lothringen als einem ihnen zustehenden Besitz zu sprechen. Die Italiener, die ihre großsprecherischen Prahlereien in keiner Weise in Taten umgeseht haben, halten an ihren törichten Forderungen fest. Amerika setzt fieberhaft seine Rüstungen fort und persucht, da es einstweilen keine Truppen zu unserer Bekämpfung fortschicken kann, die Neutralen zn knebeln. Rußland weist in verhängnisvoller Torheit dne einzige ihm übrigbleibende Heilmittel, einen Sonderfrieden, zurück. England aber, der hartnäckigste Gegner, das Land, für das freilich die ganze Zukunft auf dem Spiele steht, bleib! unerschütterlich in seinem Haß, stachelt und schürt seine Verbündeten, die je schneller, je lieber aufhören möchten, übt Verrat und verletzt in schmählichster Weise die Neutralität Hollands dadurch, daß es in holländischen Gewässern nnserc Handelsschiffe angreift und teilweise wegnimmt, ja, es entblödet sich nicht, in geradezu wahnwitziger Selbstüberschätzniiji an Deutschland das unerhörte Ansinnen zn stellen, seine Truppen über den Rhein zurückzuziehen, um dann demütig den Frieden zn erwarten, den des. Großmannssüchtigen Gnaden ihm hoheitsvoll zu diktieren sich herablassen will. Das zweite Mittel, das zum Frieden führen kann, ist die wachsende Not unserer Feinde. Sie wird von ihnen selbst zugestanden. Der Mangel in Frankreich und Italien ist groß und wächst stündlich. Die Ernte ist schlecht, sicherlich ungenügend, die Zufuhren mangelhaft, die Papiernot in Frankreich ist so ungeheuerlich, daß ernstlich von einer gänzlichen Einstellung der Zeitungen gesprochen wird, der Zeitungen, in denen Herr I. Reinach erst kürzlich die Absetzung der Hohenzollern als Vorbedingung zu Friedensverhandlungcn zu fordern sich vermaß, der Zeitungen, die, nach der lügnerischen Behauptung unserer westlichen Nachbarn, die Wahrheit der Welt künden und die Erleuchtung verbreiten. D>nstolze England leidet unendlich mehr als es eingesteht durch ständige, immer fortschreitende Verminderung feines Frachtraumes, durch die von englischen Blättern selbst zugestakidcne Tatsache, daß die eigene Ernte des Landes höchstens für zwölf Wochen ausreicht. Am meisten leidet Rußland, uckd a»i diesen Leiden, denen gegenüber man jede Regung schwächliche» Mitgefühls unterdrücken muß, beruht unsere Hoffnung. Dir Ukraine und Finnland haben sich selbständig erklärt; i» Petersburg, wo der schlimmste Mangel herrscht, hat eine blutige Revolution stattgefunden, die, wenn auch unterdrückt, gewiß nur das Vorspiel zu neuen schlimmeren Ausschrei-