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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Bruchsal, 13. Juli. Der Land e s v erei n zur Erzieh u n g israelitischer Waisen im Groß Herzogtum Baden versendet seinen 29. Jahresbericht (1916), der mit ehrenden Worten des verstorbenen Rabbiners Dr. Josef Eschelb a ch e r, des Gründers und einzigen Ehrenmitgliedes des Vereins, gedenkt und folgende den Verein und seine Leitung ehrende Mitteilung enthält: „Um das Andenken des Entschlafenen auch in äußerer Form Zu sichern und zu wahren, hat der Gesamtvorstand beschlossen, eine Dr. -Josef-Eschelbacher-Vereinsstiftung zu errichten. Aus dem Vermögen des Vereins werden 10 000 Mark zur Errichtung dieser Stiftung genommen. Dieses Kapital wird in Kriegsanleihe angelegt. Die Zinsen sollen, solange Kriegswaisen vorhanden sind, diesen zufließen. Wenn späterhin diese Kriegswaisen aus unserer Pereinspflege entlassen sind, soll eine weitere Entscheidung über die Zinsenverteilung Vorbehalten bleiben. Wir hoffen, so das Andenken unseres ersten Vorstandes und Gründers wach zu halten und zu sichern." Ferner wird mitgeteilt, daß verschiedene Badener in Berlin zu einem Lokalkomitee zusammentraten, um auch in der Reichshauptstadt bei allen Badenern Mittel für die badischen Waisen zu sammeln. Den Vorsitz im Komitee haben Frau Rabbiner Dr. E s ch e l b a ch e r, Frau Geheimrat Köhler und Herr Adolf Sulzberger, die Kasse hat Herr Kommerzienrat Netter übernommen. Der Bericht fährt fort: Möge dieses Beispiel allen anderen Großstädten der Nachahmung empfohlen sein. Nötig ist unbedingt eine große Mitgliederzahl, denn immer weniger werden unsere Anhänger. Bei der Gründung im Jahre 1888 betrugen die Mitgliederbeiträge 10 107,60 Mark, im Jahre 1915 nur noch 5803 Mark. Die kleinen Gemeinden, welche unsere treuesten Anhänger hatten, hören nahezu ganz auf und die mittleren Gemeinden werden immer kleiner. Groß und erfreulich sind dagegen die Stiftungen, die nicht allein für Gefallene und Verstorbene gemacht wurden, sondern auch von solchen, die pekuniär nicht unter dem Kriege zu leiden hatten. Die Verwaltungs- und Verpflegungskosten beliefen sich auf 18 962,62 Mark, die Mitgliederbeiträge und Schenkungen auf 26 327,71 Mark, das Vermögen des Vereins am Ende des Berichtsjahres auf 341 279,71 Mark. Während dieses Jahres wurden 18 Kinder in die Vereinsobhut ausgenommen und 10 aus ihr entlassen, weil deren satzungsgemäße Altersgrenze weit überschritten war. Der Verein ließ am Jahresanfang 108 Kindern, am Jahresende 116 Kindern seinen Beistand angedeihen. Der Bericht schließt mit folgenden Worten: „Wir aber, die wir dem Verein angehören, mögen es als eine Ehrenaufgabe betrachten, ihn durch Zuführung von Mitgliedern, durch Gewährung oder Vermittlung von Spenden oder Stiftungen — Kaddisch-Stiftungen mindestens 200 Mark — nach Kräften zu fördern. Bei dem steten Rückgang der Jahresbeiträge bitten wir dringend, unsere Sache unterstützen zu wollen. Die das tun, werden stets eine freudige Genugtuung empfinden an der Förderung unserer hohen Aufgabe: den armen, namentlich den verwaisten israelitischen Kindern in ihrer Bedrängnis eine tatkräftige Stühe zu sein." Vorsitzender des Vereins ist Herr Jakob Oppenheimer in Bruchsal. Grsttrreich-Angsrn. z. Budapest, 13. Juli. Eine der populärsten Persönlichkeiten in Ungarn ist jetzt der neue Justizminister Wilhelm Vazsonhi. Ein Journalist, der ihn in den letzten Tagen sprach, berichtet folgendes: Wenn man von der Wahlreform in Ungarn spricht — und alle Ungarn reden trotz Krieg und Kriegsgelschrei mit dem ihnen eigenen Temperament von diesem Problem. —, so hört man alsbald den Namen „Vazsonhi" fallen. Man sieht in ihm den unbeugsamen Vorkämpfer, den Apostel des allgemeinen, geheimen und direkten Wahlrechtes, der Wahlreform in ihrer schärfsten und radikalsten Auslegung. — Wilhelm Vazsonhi erzählt, wie er Minister wurde, Justizminister, obwohl, wie er sich ausdrückt, bei ihm „erschwerende Umstände vorliegen", womit er seine Konfession meint. Und es bereitet ihm offenbar lebhafte Genugtuung, daß er der erste jüdische Minister der Monarchie ist. Vazsonhi ist im Jahre 1868 in Sümeg geboren. Er studierte in Budapest die Rechte, wurde bereits ouf der Universität Führer der liberalen Studentenschaft und exponierte sich 1889 in der Wehrgesetzfrage so sehr, daß man glaubte, seine akademischen Ambitionen würden mit einem Ruck abreißen. Frühzeitig betätigte sich Vazsonhi publizistisch, und zwar sowohl als Leitartikler int „Pesti Hirlap" wie als Verfasser Politisch-wissenschaftlicher Arbeiten, insbesondere über die Selbstverwaltung, das Wahlrecht, das Plazet u. dgl. Jrn Jahre 1894 etablierte er sich dann als Advokat und wurde in die Stadtvertretung entsendet, wo er die demokratische Partei begründete. In der Stadtvertretung setzte sich Bazsonhi, dessen überschäumendes Temperament, dessen meisterhafte Beredsamkeit und dessen beißende Ironie im Angriffe inzwischen in ganz Ungarn bekannt und vielfach — gefürchtet wurden, mit Nachdruck für die Kommunalisierung der verschiedenen großen Institute Budapests ein. Parallel damit liefen seine großzügigen Aktionen gegen das Duell und zur Rezeption der jüdischen Religion. Es ist charakteristisch für die Wertung, die man ihm auf sozialpolitischem Gebiete zollt, daß Vazsonhi Präsident jenes 36er-Ausschusses ist, dem die sozialpolitischen Agenten Budapests obliegen, obwohl die Majorität des Ausschtlsses, gegen die er selbst sich in Opposition befindet, tticht seiner, sondern der gegnerischen Partei angehört. Im Jahre 1901 wurde Vazsonhi vom sechsten Budapester Bezirke, der Theresienstadt, in den Reichstag gewählt. Seither vertritt er diesen Bezirk ununterbrochen, zuletzt nach einem erbitterten Wahlkampfe. Damals war sein Gegner der Handelsminister Hieronhmi, den >er jedoch nach 48stündigem Wahlkampfe besiegte. Jode Negierung, von der er annahm, sie werde die Wahlreform durchführen, genoß anfangs feine Unterstützung. Sobald er aber zu wissen glaubte, daß seine Erwartungen getäuscht seien, ging er sogleich in die leidenschaftliche Opposition über: so gegen Tisza, Khuen-Hedervarh und Lukacs. Auf die Frage, wie er es jetzt als Minister zu halten gedenke, erwiderte er: „Wie als Stadtvertreter, als Abgeordneter, als Bürger. Sollten meine Hoffnungen abermals nicht erfüllt werden — was ich freilich nicht denke —, ich würde dasselbe tun wie bisher immer: schärfste Opposition!" Vom neuen Ministerium verspricht sich Vazsonhi sehr viel. „Ich' werde nicht lange Justizminister bleiben," sagte er, „ich habe ntir Vorbehalten, Minister ohne Portefeuille zu werden mit der ausschließlichen Funktion, die Durchführung der Wahlreform zu überwachen und zu fördern. Das neue Kabinett hat ein weit ausgreifendes innerpolitisches Programm vor sich, dessen Verwirklichung vom König dringend gewünscht wird und dem ganzen Lande ein Aufatmen des Glückes bereiten muß. Zunächst die Wahlreform, die mir das wichtigste erscheint. Dann der Abbau der Zensur, der vorausgohen wird. Hernach gewaltige sozialpolitische Maßnahmen für die Arbeiterschaft und den leidenden Mittelstand, der heute am ärgsten heimgesucht ist. Da darf nicht gezögert, nicht mit Theorien gearbeitet werden. Hier heißt es wahrhaftig: Bis dal. qni cito dat! Die Zukunit der Monarchie baut sich auf einer breiten, klugen und durchdachten Demokratisierung unseres gesamten staatlichen Lebens auf. Die Wahlreform, das treibende Element, der tragende Faktor dieser Demokratisierung, gilt mir daher als das bedeutendste Problem, als die Voraussetzung dazu. Der König hat sich nicht nur mit Worten, sondern mit überwältigenden Taten, mit seinem ganzen Ich an die Spitze der Aktionen gestellt, zu deren restloser Realisierung sein Ministerium berufen ist . . ." In der ungarischen Öffentlichkeit bildete Dazsonhis Ernennung znnt Minister ein Ereignis ersten Ranges. Der Leitartikel eines der bekanntesten Budapester Abendblätter war an diesem Tage, da Wilhelm Vazsonhi seinem König nach der neuen Eidesformel das Gelöbnis leistete, überschrieben: „Lieber Doktor Vazsonhi — Ich ernenne Sie zu Meinem Justizminister!" Von Aah und ffern. — In der Festsitzung der Akademie der Wissenschaften am Jahrestag ihres Stifters Leibniz wurde von Professor R o e t h e mit anerkennenden Worten auf ein kostbares Geschenk hingewiesen, das Frau Franko Minden, die feinsinnige Gattin des Vorsitzenden der Nepräsentantenversamutlilng irnfer?r Gemeinde Direktor Dr. Georg Minden, der Akademie jüngst gemacht hat. Es ist ein Bild von Wilhelm Papes Hand, das von der letzten Sitzung im alten Akademiegebäude Unter den L'.nden erzählt. Neben Mommsen sieht man das jagen ölt i sch c Angesicht Gustav Schm o ll e r s , den der Tod kürzlich aus den Reihen der Akademiker gerissen hat. — Den 7 0. Geburtstag beging am 4. d. M. in voller Rüstigkeit Herr Louis Rüben (Berlin). Herr Rüben steht seit langen Jahren im Ehrendienste der

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