Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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-347 Beispiel dettn ab? Ich kann mir kein harmonischeres, friedsameres Wesen denken als dich." „Danke, Benno." „Man merkt dir die völlige, innere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit an." „Danke, Benno," wiederhole ich, „du bist ein Menschenkenner." „Siehst du, um so ein armes Wesen, wie Luzi, da ist Tragik, da ist Sorge um später und jetzt." „Du wolltest mir ja ihre Adresse sagen." „Nein, nein," wehrt er heftig. „Du wirst das nicht verstehen können, dieser Stolz bei dieser — ich möchte sagen — Selbstverachtung, dieser völligen Erkenntnis der eigenen elenden Lage. Ich darf dir nichts von ihr sagen. Und dabei diese Sehnsucht von so einem armen Geschöpf, aus all dem heraus in eine reinere und bessere Sphäre zu kommen. Du wirst es ja nicht glauben, weißt du, was sich Luzi wie nichts sonst auf der Welt wünscht? Wovon sie des Nachts träumt und was sie sich mit Tränen ausmalt?" „Nun?" „Nur einmal mit Großmama sprechen, ihr einmal die Hand küssen, ein einziges Mal ihre Hand in der eigenen fühlen dürfen. Toll, was? Aber das ist ihre fixe Idee. Ich habe ihr viel von Großmama erzählt. Sie sehnt sich nach ihrer mütterlichen Ehrbarkeit und ihrer reinen Frauenwürde." Ich denke nach: „Der Wunsch wird wohl unerfüllbar bleiben, Benno," sage ich zaghaft. „Na, und ob!" sagt er bitter auflachend, „wir kennen doch Großmama." „Aber wenn es deinem Schützling vielleicht ein Ersatz wäre, wenn ich, ich bin ja auch älter und gehöre der Klasse an, nach der sie sich sehnt —" „Du, Tante Trude? Um Gotteshimmels willen!" „Warum denn nicht?" sage ich, ganz befremdet von seinem mehr als ablehnenden Ton. Er lacht wieder leicht verlegen aus. „Ja, wieder so ein Widerspruch, den du kaum begreifen wivst. Bei all ihrer sonstigen Sanftmut, ja Demut, das arme Ding ist ja so verschüchtert und gedrückt; wenn ich dich nur erwähne, gerät sie außer sich, wird sie ganz rabiat." „Aber wie kommt denn das?" sage ich maßlos verblüfft. Und er lachend: „Sie ist eifersüchtig!" „Auf mich?" Ich bin stehengeblieben vor Staunen und sehe ihm fragend ins Gesicht. »Ja, ja, Tante Trude, mach' kein so dummes Gesicht, verzeih', das war frech von mir. Aber du siehst gar zu erstaunt aus. Na, also höre — du wirst zwar lachen, aber wenn du einen auslachst, das tut ja nicht weh —: ich habe ein bißchen für dich geschwärmt oder, drücken wir das positiver aus: ich habe mir erlaubt, selbstverständlich mit aller schuldigen Fernhaltung — dich zu lieben. Du bist nun mal für mich das Frauenideal." Ich glaube, jetzt habe ich noch ein „dümmeres Gesicht" geinacht als vorher. „Na, sei nicht böse," fährt er fort. „Ich habe mich ja schon besonnen." „Schade eigentlich," sage ich leise. „Warum?" „Es wäre ungefährlicher für dich gewesen als dein neues Interesse." „Das für Luzi? Na, erlaube mal, Tante, das läßt sich nun nicht gut zusammen vergleichen." „Luzi —" „Nun?" „Ach Gott. Luzi ist ein armes, armes, unglückliches Geschöpf." „Benno, war das eine Widerlegung?" Ich reiche ihm vor meiner Haustür die Hand. Hier heißt es Nachdenken, scharf Nachdenken, wie ich den Jungen, der mir gefährdet scheint, schütze. Es wäre doch meine Pflicht, daß ich nun in mein Zimmer ginge, den Kops in die Hand stützte und grübelte. Statt dessen gehe ich in das grüne Zimmer, das, in dem der große Pseilerspiegel zwischen den Fenstern hängt. Und vor den stell' ich mich hin und sage: „Trude, er konnte dich lieben, ein Sechsundzwanzigjähriger konnte dich lieben. Es ist schon wieder vorbei, ging vorüber, als das erste jüngere Weib ihm begegnete. Aber vorher hat er dich geliebt, dich mit deinen 40 Jahren." Und ich erschrecke leis vor meinem blassen Spiegelbild, weil es mich wie siegesfreudig anlächelt und in meine Augen, deren Lider noch leicht gerötet sind von dem Gespräch bei Tante Phine, ein großes, Helles Leuchten tritt. ★ Josepha ist wieder da und erzählt viel von ihrer Reise in das Heimatdorf. Eine Stunde Bahnfahrt hatte sie, und da hat sich ihr Horizont so unendlich erweitert, daß sie glaubt, auch mir etwas von dem gewonnenen Ueberblick über die gesamte Weltlage abgeben zu müssen. Sie weiß von einem baldigen siegreichen Ende im Westen. Verschiedene Soldaten, die sie unterwegs gesprochen hat, haben ihr das erzählt. Auch sind allein in ihrem Abteil acht Krieger vom Osten nach dem Westen gefahren. Ihre Tante, deren Sohn sogar als Feldwebel draußen steht, hat dies bestätigt. Und außerdem sagen es alle im Dorfe. Sogar über die Ursache des Krieges ist sie im klaren. Der Traum mit „Karls Tod" hat sich, Gott sei Dank, nicht erfüllt. Karl hat sogar einen „wunderschönen, frommen Brief" geschrieben, immer vom Beten und vom Herrn Jesu und der Mutter Maria. Meine Mutter hat auch gesagt: „Nie hat er beten wollen. Dazu mußte erst der Krieg kommen, daß Karl beten lerne!" Na, also! Nun wissen wir doch, warum sich die Menschheit zerfleischen muß. Damit Karl beten lerne! Tante Phine macht es sich auch nicht viel unbequemer. „De Welt is mefchugge geworden," sagt sie, wenn vom Krieg die Rede ist. Und wenn ich alles überdenke, was ich aus Zeitungen, Vorträgen und Broschüren, aus Rot- und Weiß- und Blaubüchern, aus allem, was zu unserer Aufklärung veröffentlicht und verschwiegen worden ist, gelernt habe — auch das, was nach Mutmaßungen derer, die mehr verstehen als ich, die einzelnen Länder und Völker gewinnen könnten —, dann denke ich manchmal: Vielleicht hat Tante Phine recht mit ihrer Erklärung. Das darf aber Günther nicht hören. Er, der an keinen persönlichen Gott glaubt, nimmt den Krieg hin wie ein gewaltiges Gottesurteil, ein heiliges, erhabenes, an das man mit keinem profanen Gedanken rühren darf. Wie den ganz, ganz Frommen geht es ihm da, die nicht erklären können, sondern nur fühlen und glauben und sich unendlich verletzt fühlen, wenn man an ihren heiligen Glauben rührt. Und die Ungläubigen stehen dabei und bestaunen dieses Glaubenswunder und können es nicht begreifen. Und immer sind die Gläubigen besser daran als die Zweifler. Sie ahnen doch einen tiefen, heiligen Sinn in der Sache. * In den Löbkindern ist ein zäher, leidenschaftlicher Wille. Benno quält an mir herum, ich soll Tante Phine Luzis Traum und Sehnsucht vorstellen, sie bestimmen, daß sie sie einmal anfnimmt oder an dritter Stelle irgendwo trifft. In welchem