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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 346

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 346 (sequence 10)
Language
German
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346 E&m Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G o l d s ch m i d t. Mi, Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) n, Tante Phine," sage ich müde. „Ich hatte eine ganze 1 Menge Anträge." „Nu? und" „In Väterchen war es immer wie eine Unruhe, eine uneingestandene Angst, wenn so etwas spielte. Wenn ich das nur sah, dann wehrte sich etwas in mir gegen die fremden Pläne. Mutter ging ja eher drauf ein, sie machte sich sogar oft Sorge und klagte dann, daß ich noch nicht verheiratet sei. Aber etwas an dem Antrag gefiel ihr zuletzt denn auch jedesmal nicht, und schließlich atmeten wir alle drei wie erlöst auf und machten Witze darüber, wenn wir wieder abgeschrieben hatten. Als die Mutter tot war, was gar nicht mehr die Rede von so etwas. Ich hätte ja auch Vater nicht allein lassen können, er brauchte mich ja." „Nee," sagt sie mit scharfer Betonung, „davor bist aber jetzt du allein und hast keinen, wenn d u einen brauchst, wenn des d'r nich änderst. Noch hast es in der Hand. Ich geb' de Hoffnung nich auf. Gott soll geben, du wirst auch über 100 Jahre die Grabstätte nich beziehen neben -deine Eltern, da geherste nich hin." Und nach einer Pause: „Wer hatten das so bestimmt, das mit die drei Gräber uns Gitter drumrum, daß Gott verhiete ja kein anderer reinekemmt in die Familie?! Gerade wie bei Lebzeiten!" „Ich selbst, Tante! Btach den Eltern keine Vorwürfe. Ich kann es nicht hören. Als Mutter starb, habe ich Väterchen angefleht, statt einer Grabstätte für sich zwei für uns beide neben Mutter zu kaufen. Und er hat es gern getan." „Ob er's gern getan hat! Er war immer en unpraktischer Mensch." „Warum sagst du immer: Vater war ein unpraktischer Mensch, Tante?" ' „Ob er einer war", fällt sie wie in Mitleid ein. „Wenn nich, war' er ohßer als Geheimrat gestorben." Und als ich sie verständnislos ansehe: „wie er aus de dritte Lehre geflogen is — ich Hab' den seligen Vater nie so aufgeregt gesehen, als wie er nach Burg acht Stunden zu Fuß gegangen is, zu Moritz sein Prinzipal —, hat der gesagt: „Herr Rehfeld, regen Se sich nich weiter aus, tun Se'n wirklich auf die hohe Schule und lassen Se'n Doktor studieren. Der wird im Leben kein Kaufmann." „Is er so e Schlemihl?" hat der selige Vater ganz unglücklich gefragt. Un der Prinzipal hat de Achseln gezuckt un gesagt: „er is en unpraktischer Mensch." „Ich will nun heimgehen, Tante Phine." „Habe ich der weh getan, mein Tochter? Das war nich meine Absicht." „Nein, Tante, du bist gut, du tust mir nicht weh. Aber Kopfschmerzen habe ich. Ich glaube, es ist besser für dich und für mich, wenn ich jetzt gehe. Wir wollen uns beide ein bißchen hinlegen." „Ja, mein Tochter!" Sie klopft mir die Backen. „Und schlaf' ruhig und laß den lieben Gott sorgen. Er weiß alles besser wie wir dummen Menschen. Und Kopf hoch, meine Tochter! Es kommen auch bessere Tage. Der liebe Gott hat viel zu verschenken. Wart's ab!" „Ja, Tante." Schließlich ist sie ja doch der einzige Mensch auf der Welt, der sich auch eimnal um mein Los kümmert und nicht bloß von mir verlangt, daß ich mich um seines sorge. „Tante Trude." Natürlich, da ist ja gleich so einer. Benno ruft aus feinem Zimmer heraus, als ich gerade aus dem Korridor gehen will. Die Mädchen haben mich gottlob nicht gehört. Ich habe mich hinausgeschlichen. Ich litt nicht, daß Tante das warme Zimmer verließ, um mich hinauszubegleiten, sie hatte sich so heiß geredet. Ich verlangsamte nur ungern meinen Schritt. Ich wäre soviel lieber allein geblieben. „Tante Trude," da war er schon neben mir auf der Straße, „ich habe viel mit dir zu reden." Natürlich das Schicksal der armen Luzi. Er sprach von seinen Plänen und Versuchen, es zu bessern, sachlich, gütig und mit dem regen Eifer, den er allem, was er -unternimmt, widmet. Aber es klang heute etwas Persönliches, Warmes mit, ein Ton der Rührung und des Mitbetrosfenseins. „Und nun lernt sie plätten. Mit rührendem Eifer sogar, das arme Ding. Ich weiß gar nicht, ob man es vom ärztlichen Standpunkt aus verantworten kann. Sie quält sich so sehr. Sie ist nämlich nicht die Stärkste. Na, bei der Pflege und Behandlung." „Vor allem meine ich doch, müßte sie von dem Weib, dieser Mutter, weg." „Ja, das sage ich ja auch," meint er eifrig. „Aber es ist gar nicht zu sagen, wie schwer das ist. Du wirst es nicht glauben," er lacht leicht verlegen auf, „andererseits ist es ja wohl menschlich und sogar doppelt rührend; das dumme Dingchen hängt trotzalledem an der Alten, so sehr sie sich anderseits über sie beklagt." Und da ich nichts einzuwersen habe: „Aber ich bin ganz deiner Ansicht. Die Alte muß von ihr fort. Wir haben, das -denkst du gar nicht, schon ein paar heftige Szenen darum gehabt. Ich war sogar recht grob. Na, du weißt ja, -das -bin ich leicht mal." „Aber du hast nichts erreicht?" Sein Gesicht färbt sich mit leichtem Rot: „Na, verlaß dich darauf, das erreiche ich, und wenn ich drohen soll, daß ich meine Hand von ihr abziehe " — wieder ein leicht verlegenes Lachen. „Das dumme Dingel hängt näinlich fabelhaft an mir." „Benno, du läßt sie doch nicht im unklaren darüber, daß es zwischen euch beiden nie zu einer Heirat kommen kann?" „Tante Trude, was denkst du!" sagt er wie beleidigt. „Daran ist ja natürlich nicht zu denken. Das verlangt das arme Wesen in seiner Bescheidenheit auch gar nicht. Sie kennt auch meine Ansichten ganz genau. Sie begreift den Zionismus vollständig, interessiert sich sogar riesig für ihn." „Und Großmama!" werfe ich bekräftigend ein. „Ja, wahrhaftig!" sagt er auflachend. „Das wäre eine Partie nach Großmamas Herzen. Nein, Luzi kennt genau meine äußeren und inneren Verpflichtungen. Uebrigens darf ich überhaupt nicht heiraten," spottet er lustig, „bis Paula und Rosa unter die Haube sind. Wie findest du das, Tante Trude, daß Großmama die Mädchen um jeden Preis verkuppeln will?!" „Du lieber Gott, Benno," sage ich achselzuckend, „sie will sie halt versorgt wissen. Sieh mal, wenn sie nun mal später allein stünden, das wäre doch sehr, sehr traurig." „Wieso denn?" fragt er naiv. „Leben könnten sie doch — ich würde sie doch nicht im Stich lassen. Was geht dir zum

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