Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 345 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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34 5 Rosa Warrens ist dem Glauben ihrer Väter treu geblieben bis zu ihrem Ende; ein von ihr sehr geliebter Bruder, der hochbedeutende frühere Chefredakteur der „Wiener Hofzeitnng", Hofrat Warrens, war ihr ebenfalls int Tode vorausgegangen. Rosa Warrens gehörte zu jenen feinsinnigen, tiefempfindenden, mimosenhaft verschlossenen Frauennaturen, die möglichst wenig von sich selbst reden. Ueber ihren Lebens- und Bildungsgang, über die mannigfachen Schicksalsschläge, die sie betroffen, über die Vorgänge in ihrem Innern gab sie selbst ihren nächsten Freunden nicht viel mehr als Andeutungen. Der Schlüssel hierzu könnte wohl in dem von ihr verfaßten Sonett „Schweigen" gefunden werden. Nachtrag. Von L u d w i g G e i g e r. Ueber die im vorstehenden behandelte Dichterin fand ich in vielen Hunderten von Briefen der Rahel de Castro an Ludmilla Assing und an Adelheid Zunz, Briefen, die noch in anderem Zusammenhang gewürdigt werden sollen, eine Anzahl charakteristische Notizen, aus denen hervorgeht, daß Rosa Warrens auch bei Zunz verkehrte. Da diese Notizen manches Unbekannte enthalten und dazu beitragen, das Wesen der merkwürdigen Frau aufzuklären, so mögen sie hier, nach der Zeitfolge geordnet, mitgeteilt werden. Zunächst mag erwähnt werden, daß die Bekanntschaft beider Frauen, der Rahel und der Warrens, schon am Anfang der vierziger Jahre stattgesunden haben muß, denn in einem Briefe nach dem Hamburger Brande 1842 berichtet Rahel, daß Rosa Warrens bei dem großen Unglück ihr ganzes Hab und Gut verloren habe. Den Anfang mache ein Brief, der undatiert ist, seinem Inhalte nach aber früher ist als die später mitzuteilenden. „Die Warrens ist übrigens ein sehr bedeutendes und bescheidenes Frauenzimmer; gelegentlich will ich Dir doch einige Gedichte schicken. Steinheim sagt, sie habe ein bedeutendes Talent; auch hat sie für ihn Uebersetzungen der Wergelandischen Schwedisch-jüdischen Lieder gemacht, die in der Judenzeitung abgedruckt sind und als höchst gelungen betrachtet werden können. Die Warrens gedenkt Deiner oft; sie unterhielt sich gern mit Dir. Mir ist sie ein Schatz und die einzige geistige Anregung, die wir hier bleibt." „Rosa Warrens ist, wie Sie wissen, auch .kein Element der Erheiterung." 10. Februar 1854 (Bericht über eine Gesellschaft bei Rees). „Fräulein Warrens war auch da, die vor vier Wochen von Wien zurückgekehrt ist, wo sie fast ebensoviel Monate bei einem Bruder gewesen ist, der sehr wohlhabend ist und ein Haus ausmacht, wo er viel Schauspieler sieht. Sie hat Halm, die Rettich und Laube kennen lernen, hat das Theater oft besucht unb überall viel Schönes gesehen und erlebt, hatte aber dennoch nicht für immer dort bleiben mögen. Ihr Aeußeres ist sehr elegant geworden." Dezember 1856. „Rosa Warrens ist llnter ihrem Namen mit der Nebersetzung von schwedischen Volksliedern vor dem lesenden Publikum erschienen, die sie im Versmaß des Originals wiedergegeben hat. Das Buch ist in Leipzig bei Brockhaus erschienen und mit einem Vorwort von derp berühmten Ferdinand Wolf in Wien versehen, das sehr gelehrt diese Volkslieder der Vorzeit bespricht." 6. Januar 1857. (R. W. habe ihre Volkslieder an Alexander v. Humboldt geschickt), „der ihr einen sehr freundlichen, liebenswürdigen und anerkennenden Brief sandte". 26. August 1857. „R. W. war in Franzensbad und ist jetzt in Kopenhagen und bald werden Volkslieder, aus dem Dänischen übersetzt, ganz im Zusammenhang mit den schwedischen von ihr erscheinen. Alexander v. Humboldt, den sie auf der Hinreise in Potsdam besuchte, hat sie sehr ermuntert und ihr die Widmung an ihn erlaubt." 23. April 1858. „Fräulein R. W. war zehn Tage in Berlin und hat dem greisen, aber so geistesfrischen Alexander v. Humboldt ihr neuestes Werk, das sie ihm zugeeignet, eine Widmung in Versen selbst überreicht." 27. Mai 1858. „Rosa Warrens ist ganz verwundert, daß ich wußte, daß sie in Berlin gezeichnet sei; denn das sollten hier höchstens nur zwei Allserwählte erfahren, dazu gehöre ich nicht mehr. Um sie recht neugierig zu machen, sagte ich ihr, man hätte es mir von Berlin geschrieben, aber nicht Ludmilla Assing, fügte ich hinzu. Ich sagte noch, es sei unähnlich, hätte ich gehört; das machte sie noch neugieriger, ich verharrte beim Schweigen. Unähnlich sei es nicht, sagte sie, aber wohl sehr geschmeichelt; Hensel sähe durch sehr schöne Augen. Sie liebe es nicht, wenn von ihr gesprochen würde, worauf ich sagte, dann müßte sie sich ans der Welt legieren, gleichsam eine reine Null werden; gesprochen werde von allen Menschen, von den bedeutendsten bis zu den unbedeutenden. Ein ordentliches Resultat gibt kein Gespräch mit ihr, weil sie sophistisch ist und dabei immer von einem auf das andere springt." Man sieht aus der letzten Stelle, daß das Urteil unserer Briefschreiberin, das in der erstangeführten Stelle enthusiastisch lautete, sich ins Gegenteil verkehrte, llnd es kanli daher kein Wunder nehmen, wenn in den folgenden Briefell von der Dichterin nicht mehr die Rede ist. Jakob Steinhardt: Zeichnung eines alten Juden. MM - ZiA