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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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Haltung der rumänischen Regierung in Frage kommt, durch den Krieg nicht im geringsten gebessert, sondern im Gegenteil noch in hohem Grade verschlechtert worden ist. * Von Frau Else D o r m i tz e r in Nürnberg erhalten wir folgende Zuschrift: Die Erklärung der jüdischen „Conjoint Commitees" (Vereinigte Komitees) in London. Die in Nr. 27 dieses Blattes erwähnte Erklärung der obigen Komitees in den „Times" in London, die sich gegen die auch dort scharf einsetzenden zionistischen Bestrebungen wendet, enthält Sätze und Gedanken, die für die Juden aller Nationen Geltung haben und den Vorwurf, als sei das Judentum zuerst Nation und dann Religion, in solch Prägnanter Form zurückweisen, daß wir nicht versäumen möchten, jene Auslassungen im Originaltext zu bringen. Der mittlere Absatz dieser Veröffentlichung lautet: Nationalität und Religion. Erstere weist ans den Anspruch hin, die jüdischen Ansiedlungen in Palästina als staatliche Einrichtung im politischen Sinne anerkannt zu wissen. Wäre dieser Anspruch nur von örtlicher Bedeutung, so könnte dessen Vertvirklichung sich selbst überlassen bleiben, und zwar im Einklang mit der unter einer neuen Regierung sich geltend machenden Notwendigkeit. Aber die Zionistenführer hegen viel weiter gehende Pläne. Sie betrachten alle jüdischen Körperschaften der Welt als eine heimatlose Nation, die nicht imstande ist, sich in gesellschaftlicher und politischer Hinsicht den Völkern anzupassen, unter denen sie leben, und es wird gefordert, daß für diese heimatlose Nation Palästina als ein politischer Mittelpunkt und stets zugängliches Heimatland zur Verfügung gestellt wird. Gegen diese Auftastung muß aus das entschiedenste und ernstlichste Stellung genommen werden. Die neuzeitlich gesinnten Juden aller Länder betrachten sich in erster Linie als eine Religionsgemeinschaft und haben ihre Ansprüche auf politische Gleichberechtigung mit ihren Mitbürgern anderer Konfessionen stets aus diesen Voraussetzungen aufgebaut — ebenso daß sie keinerlei separate nationale Ansprüche in politischem Sinne Hütten. Sie betrachten das Judentum als ein Religionssystem, mit welchem deren politischer Standpunkt nichts zu tun hat; sie behaupten ferner, sich dem nationalen Geist und den Interessen der Länder, in denen sie leben, als Bürger dieser Länder in vollem Umfang angepaßt zu haben. Die Gründung eines jüdischen Reiches in Palästina — ausgebaut auf der Theorie der Heimatlosigkeit aller Juden! — würde somit die Juden der ganzen Welt zu „Fremdlingen" in ihrem derzeitigen Geburtslande stempeln, wodurch die von denselben mühsam eroberte soziale Stellung als Bürger und Eingeborener jener Länder nüeder verlorengehen würde. Ein jüdischer Staat politischer Natur, durchgeführt bis zum logischen Ende, würde unter den.gegenwärtigen Verhältnissen in der Welt geradezu als Anachronismus betrachtet werden müssen. Die jüdische Religion ist der einzige Prüfstein für einen Juden; ein jüdischer Staat würde nur aus der Religion zu begründen und mit der Religion zu begrenzen sein. Es kann absolut nicht angenommen werden, daß irgendein Teil der Judenschaft die Gründung eines solchen Staates aus religiöser Grundlage anstrebt: einen Staat, der der religiösen Gewissensfreiheit enge Grenzen setzen müßte. Die andere Möglichkeit wäre nur ein weltlicher jüdischer Staat, Zusammengesetzt aus ungebundenen und unerkennbaren Grundlagen der Rasse und ethnographischen Eigentümlichkeiten; alles dieses würde aber nicht jüdisch im geistigen Sinne sein, und diese Einrichtung eines Staates in Palästina würde eine Verleugnung aller Ideale und Hoffnungen für die Wiedererwachung jüdischen Lebens in seinem Lande bedeuten, so wie es den Juden in ihrem Innern und in ihrem Empfinden vorschwebt. Aus diesem Grunde sind die zionistischen Vorschläge aus das entschiedenste zu verwerfen. * Wir wollen diese Uebersicht nicht schließen, ohne zwei Gedenktage zu erwähnen, die unseren Lesern Freudentage sind: Geheimer Rat Prvf. Dr. Cohen beging am 4. Juli seinen 75., Prof. Dr. Max Liebermann feiert in den nächsten Tagen seinen 70. Geburtstag. Beide Männer sind in diesem Blatte oft genannt, beider Bilder sind veröffentlicht, eine Charakteristik beider bei Gelegenheit früherer Jubeltage versucht mordest. Darum brauchen wir nur unseren Glückwunsch auszusprechen und unserer Freude Ausdruck zu verleihen, der Freude, daß wir solche Männer zu den Unsrigen zählen dürfen, und der Hoffnung, daß wir sie noch lange besitzen. Beide Männer, Liebermann und Cohen, sind voneinander verschieden und weisen doch gewisse Aehnlichkeiten auf. Liebermann ist der große Meister der Kunst, der das Vorurteil, als seien die Juden zur Kunst nicht geeignet, gründlich besiegte, und der, zum großen Glück, nie den Ehrgeiz hatte, einer jüdischen Kunst zu dienen, sondern es als seine Aufgabe erkannte, die hehre deutsche Kunst wciterzubilden und sie in neue Wege zu leiten; Cohen, der tiefgründige scharfsinnige Philosoph, der seines Meisters Kant Wesen und Bedeutung der Nachwelt erschloß und ein selbständiges, streng durchdachtes, kunstvoll ausgeführtes und dargestelltes System der Psychologie, Ethik und Aesthetik schuf. Einen Gegensatz zwischen beiden möchte man auch darin erblicken, daß Liebermann, ein Revolutionär, der Moderne diente, Cohen, mehr konservativ gesinnt, der Vergangenheit. Bedeutsamer aber wie ihre Verschiedenheit ist ihre Aehnlichkeit, denn beiden gemein ist die Eigentümlichkeit, daß sie nicht einseitig ihrem Berufe folgten, sondern daß Liebermann zu den Lorbeeren des Malers die eines meisterlichen Schriftstellers hinzufügte und daß Cohen, ein leidenschaftlicher Musikfreund, diese Vorliebe nicht nur durch Anhören zahlreicher Konzerte betätigte, sondern durch feine Ergründung des Kunstgenusses und durch eigenartige Zergliederung der Werke eines der größten Tondichter: Mozart. Eine fernere Aehnlichkeit besteht darin, daß beide zielbewußte, kraftvolle Männer, wie es bedeutenden Menschen eigen ist, eigenartig, vielleicht auch eigenwillig ihre Wege gingen. Infolgedessen und auch darin ward ihnen ein gleiches Schicksal: sie mußten lange um Anerkennung kämpfen, und doch haben beide, nach häufiger Verkennung, Schule gemacht: Liebermann, ohne je Lehrer zu sein, Cohen dagegen als allseitig verehrtes Schulhaupt; beide können, an ihrem Lebensabend, stolz auf das Geleistete blicken und sich eines unbestrittenen wie allgemein zugebilligten Ruhmes freuen. Und endlich, für uns das Wichtigste: beide sind ehrliche, treue, tapfere Juden. Ehrlich in dem offenen Bekenntnis ihrer Zugehörigkeit zu ihrem Glauben, treu in der Abweisung aller Zumutungen, aus der Reihe der Zurückgesetzteu in die Menge der Herrschenden sich zu flüchten, tapfer in der Abwehr aller Angriffe, die gegen Juden und Judentum gerichtet wurden. Den beiden Meistern ans dem Gebiete der Kunst und des Wissens, den Unserigen, auf die wir stolz sind, den Alten, die an Körper, Geist und Seele sich jung zu erhalten wußten, weihen wir unsere Huldigung und entbieten ihnen unseren ehrerbietigen Glückwunsch. Jakob Steinhardt. 3N der letzten Ausstellung der Berliner Sezession erregten die Zeichnungen des Herrn Jakob Steinhardt Aufsehen. Georg Hermann brachte darüber in der „B. Z. am Mittag" eine sehr lobende Notiz. Alls Grund dieser Bemerkung wandte ich mich an Herrn Steinhardt und empfing von ihm folgende Aufzeichnung über sein Leben: „In Zerkow, einem kleinen Städtchen der Provinz Posen, wurde ich im Jahre 1887 geboren und verlebte in meinem gut jüdischen Elternhause eine glückliche Kindheit. Im neunten Lebensjahre wurde ich nach Berlin geschickt, wo ich bis zum 18. Jahre ein Gymnasium besuchte. Ein Stipendium erlaubte mir dann, mich lange Jahre hindurch dem Studium der Kunst

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