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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 342

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
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342 Aber für den, der seinen schmerz durchkümpsen muß, ist es der tröstlichere, wenn zu ihm ein Ton herüberklingt, voll Mitempfinden dafür, daß hier den Seinen ein Mensch genommen ward, der sein eigenes Leben hatte, in dessen Dasein, in dessen Wünschen und Hoffnungen die Menschen neben ihm lebten — ein Mensch mit seiner Welt. Der Gedanke, daß jedes Leben, das dahi «gegeben ward, ein eigenes umschloß, gewinnt auch in der äußeren Form jetzt sein Recht. Das alte Massengrab schwindet mehr und mehr, in manchen Gebieten ist es ganz geschwunden; seine eigene Ruhestätte wird dem einzelnen bereitet. Es sind meist Plätze, wo die Natur mitzufühlen scheint, an denen diese Soldatenfriedhöfe mit ihren schlichten, gleichen Gräberreihen angelegt sind, meist Plätze, die die Waldesstille umgibt. Zu Anfang des Krieges, als das Außerordentliche mit seiner heroischen Gebärde noch neu vor dem Sinne stand, hatte der Wunsch, die Toten zu ehren, die hohen, steinernen Denkmäler geschaffen. Jetzt wächst die Empfindung dafür, daß das innigste und auch das schönste Denkmal für den Totenacker der Baum ist. Schattend und gleichsam tröstend senkt er seine Zweige über die niedrigen Hügel. Ein betreuender Sck)utz steht vor dem Grabe, wenn er davor steht, wenn er alles blendende Licht nur zu suchenden goldenen Linien und Kreisen, wie Sternen auf dem Erboden, hindurchläßt, wenn er im Dunkel der Nacht sich hinüberzubeugen scheint, wenn von ihm nur die Regentropfen herniedersallen, während ringsumher das Unwetter herniederstürmt, wenn in seinen Aesten nur die Stimme des Windes vernommen wird, lvührend draußen der Sturm einherfährt. Auch im schönsten Stein ist ein Kaltes gegenüber diesem Lebendigen, Schenkenden, das im Baume ist. Im Walde behütet und beschirmt ruhen hier die Toten. So oft es sich wiederholt, aber immer von neuern gibt es seinen tiefen Eindruck, wenn hier draußen ein Leben, das im Opfer vollendet ward, in die Erde geborgen, in ihr Schweigen hineingesentt wird inmitten des Friedens der Einsamkeit. Die beiden Reihen von Kameraden stehen gegenüber dem Grabe, und in jedem Angesicht ist der Ernst dessen, der daran denkt, daß er jenen Tag und sein Drohen geteilt hat; unter der schattenden Stahlhaube erscheint jetzt jeder Zug des Antlitzes noch ernster und schärfer. Aus ihnen allen, die neben dein Dahingerissenen gewesen, spricht es eindringlicher, als der es sagen kann, welcher nun dem rreuen Gedenken Worte geben will. Man liest einander im Angesicht mit Fragen und Sorgen, Gedanken ziehen nach der Zukunft und ziehen zur Heimat hin, und sie schwingen nach in den Sätzen des alten Gebetes, die das Leben dieses Toten verbinden mit den Geschlechtern, die vor ihm gewesen, denen allen der Ewige gegeben und der Ewige genommen hat. Es ist dann ein stiller Abschied und schon in der Nähe verhallt der gleiche Schritt und Tritt, den der weiche Waldboden dämpft. Wie viele ruhen hier draußen in West und Ost und Süd und werden fehlen, werden vor erneutem Schmerze stehen, wenn der Tag der Heimkehr zurückblicken heißt. Größere Ausgaben wird die neue Zeit bringen, und es werden weniger Menschen da sein, ihnen zu genügen. Und denen, die wiederkommen, werden Jahre der Heimat und auch Jahre der Jugend fehlen, die dein Ernste hatten weichen müssen, ungelebt und für manchen unwiederbringlich; ein Stück des Lebens ward hingegeben. Aber dann, wenn jener ersehnte Tag beschieden sein wird, wird der Gedanke an die langen Reihen, an die vielen, die dahingegangen, in sein Recht treten. Er wird von den Heimgekehrten und den Heimgebliebenen die ganze Pflicht fordern, damit die vielen Plätze, die leer geworden, nicht leer an Arbeit seien. Wenn Menschen auch nicht ersetzt werden können, zu ihren Ausgaben können doch andere hintreten, viele für viele. So manche Trauer wendet sich der Vergangenheit zu, die stillsteht und manch Trost zur Zukunft, die sich vor dem Willen erhebt. Auch das Leben, das dem Tage, welcher kommt, entgegensieht, ist ein Gebot, und die neuen Jahre werden es eindringlicher als irgendeine Zeit so verheißen und fordern. Derer, die dahingegangen, soll deine Seele gedenken, wie das Bibelwort sagt: „um deines Lebens willen". * Das offizielle Organ der Zionisten, in Amerika „Das jüdische Volk" veröffentlicht in Nr. 13 eine Unterredung mit dem früheren amerikanischen Konsul in Bukarest, Vopiko, der vor kurzem von Rumänien zurückgekehrt ist, in der er traurige Einzelheiten über die Verfolgungen berichtet, die die rumänischen Juden von seiten der rumänischen Regierung zll erdulden hatten. Das Blatt führt aus: Der Konsul hat denn ersten Wort des Interviews nach der Lage der rumänischen Juden einen tiefen Seufzer ausgestoßen. „Wie die Schafe," erklärte er, „sind sie zusammengetrieben worden, und mit zitternden Herzen erwarteten sie ihr Ende." Er schilderte die patriotischen Leistungen der rumänischen Juden und die Art, wie mau sie dafür belohnt habe: durch Verleumdungen und grausame Verfolgungen in den Städten, durch Beleidigungen und Zurücksetzung der jüdischen Soldaten an der Front. „Im Jahre 1913 während des Balkankrieges", erzählte er, „hat die Regierung einen warmen Appell an ihre jüdischen Untertanen gerichtet, durch den sie zum freiwilligen Eintritt in die Armee aufforderte und ihnen für diesen Fall volle Gleichberechtigung versprach. In kurzer Zeit stellten die rumänischen Juden eine Armee von 30 000 Soldaten auf; Tausende von jüdischen Frauen und Mädchen halfen in der Kriegsfürsorge mit. Den Dank dafür erhielten die rumänischen Juden im Jahre 1915 durch ein Geheimzirkular, welches vom rumänischen Generalstab an sämtliche Offiziere versandt wurde und von welchem die folgende Stelle die charakteristischste ist: „Es ist notwendig, aus alle Nichtrumäuen, besonders auf die Juden, achtzugebeu. Es ist wünschenswert, keinen Juden zu einem höheren Grade zu befördern; doch muß das alles, um sie nicht zu erbittern, geheimgehalten werden." „Doch dies ist noch nicht alles," suhr der Konsul fort. ,,Statistische Ziffern haben bewiesen, daß jüdische Verwundete in viel kleinerer Zahl als die nichtjüdischen in die Lazarette kommen. Woher kommt das'? Fallen sie in größerer Zahl oder werden sie nicht nach der Schlacht von den Sanitätern in die Lazarette gebracht? Es hat sich gezeigt, daß beides der Fall ist; man schickt sie in viel stärkerem Maße ins Feuer und läßt sie nach den Schlachten als Verwundete aus den Feldern Liegen." 211* charakteristisches Dokument, welches klarer als alles andere das Verhältnis der rumänischen Bevölkerung zu den Juden klarstellt, teilte oer Konsul einen Brief mit, der von oer tonangebenden „Kultur liga" an die jüdische Zeitung „Jnfratiera" im Jahre 1915 gerichtet wurde und jolgenden Wortlaut hat: „Es ist die Zeit gekommen, da ^re eme Bewegung gegen uns injzeniert haven, gleiche Rechte im Lande forderno; vei dieser Gelegenheit wollen wir Ihnen in kurzen Worten ausdrücken, was ein ieder von uns Ihnen gegenüber empfindet. Sie sind als Fremde zu uns gekommen und sind die ganze Zeit Frenrde geblieben, und als solche haven sie unsere Toleranz m höchstem Maße ausgenutzr. Die Gefahr Ihres Wachstums und Ihrer Vermehrung in unseremLande ooraussehend, haben unsere Vorfahren sich dagegen durch den Art. 3 unserer Konstitution gesichert und auch durch Art. 7, welcher die Rechte der Naturalisation sür Fremde, Sie eingerechnet. beschränkt. Die Art. 20 und 27 der Konstitution verbieten Ihnen. Vereine zu gründen und Proklamationen zu publizieren; dessen ungeachtet haben Sie mit Ihrer charakteristischen Zähigkeit alle diese Bestimmungen übertreten und belästigen uns dauernd mit Ihren Forderungen und Protesten. Sie haben einen Teil unserer Presse vergiftet und verdorben. Im Hinblick auf Ihre Organisationen und Vereine haben auch wir viele Ligen gründen müssen, um uns gegen Sie zu wehren und Ihnen beizukommen. Wir haben Sie nicht gebeten, zu uns zu kommen, und wir halten Sie nicht bei uns. Sie mögen dorthin gehen, woher Sie gekommen sind. Solange Sie dies nicht tun und Sie bei uns bleiben, benehmen Sie sich so, daß es möglich ist. Sie zu ertragen. Bringen Sie uns nicht um die Geduld; denn in diesem Falle könnte schneller noch, als Sie es sich vorstellen können, etwas Entscheidendes getan werden, und dann werden die Unschuldigen von Ihnen mit ihrer Habe und ihrem Gut wie auch mit ihrem Leben dafür zahlen müssen. Rumänien gehört den Rumänen. Heraus von hier, Ihr Juden!" Dieses Dokument bedarf keines weiteren Kommentars. spricht mit genügender Deutlichkeit sür die entsetzliche Lage, in der das rumänische Judentum sich befindet, die, soweit die

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