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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 341

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 341 (sequence 5)
Language
German
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War auch die Berichtswoche nicht von großen entscheidenden Ereignissen angefüllt, so ist fast an allen Fronten gekämpft worden, und die Stille, die an manchen Stellen herrscht, bedeutet keine endgültige Ruhe, son-- dern nur die Vorbereitung zu neuen blutigen Ereignissen. Trotzdem gibt es Optimisten, die nicht müde werden, für diesen August oder wenigstens für diesen Herbst den Frieden zu prophezeien. Möchten sie recht behalten! Daß Frankreichs Lage immer bedrohlicher wird infolge der unerträglichen Verluste, auch infolge der schlechten Ernte, welche die Brotration unter die deutsche setzt, daß England, das übrigens auch durch Bestrebungen der Irländer sich bedroht sieht, den sich stets mehrenden Frachtraumverlust nicht lange mehr ertragen kann, daß Rußland, durch die unaufhörlichen Gärungen zerrissen, durch die Unabhängigkeitsbestrebungen Finnlands und anderer Teile bedroht, den Lockungen amerikanischen Goldes und den seine Selbständigkeit vernichtenden Einmischungen der übrigen Ententemächte sich für die Dauer nicht unterwerfen kann, daß Italien endlich einsehen muß, daß es nicht imstande ist, seine hochfliegenden Pläne auszuführen — das alles sind Tatsachen, die sich nicht wegleugnen lassen. Aber die Hartnäckigkeit, die Beutelust, der Haß unserer Gegner sind ebenso groß wie ihre Verblendung, ihre Verkennung .von Deutschlands unbezwinglichen Machtmitteln. Und so muß es leider weitergehen. Trotz aller Entbehrungen, trotz aller Leiden, die uns noch bevorstehen, harren wir auf unseren Sieg, unseren Triumph und auf einen glorreichen Frieden. * Auch mit dem Frieden im eigenen Lager innerhalb der deutschen I u d e n h e i t sieht es trübe genug aus. Wenn '.vir uns auch an dieser Stelle mit Berliner Angelegenheiten im ganzen nicht beschäftigen, so müssen wir diesmal eine Ausnahme machen. Schon deshalb, weil ein kürzlich ausgegebenes Flugblatt des „Zentralvereins für die Interessen der Jüdischen Gemeinde Berlin" auch mit dem Leitartikel von Justizrat Breslauer, Nr. 16 unserer . Zeitung, abzurechnen versucht. Ohne ins einzelne der Polemik einzugehen, muß hier nachdrücklich Verwahrung gegen die Vorwürfe eingelegt werden, daß die jüdische Gemeinde Berlin die rituelle Verpflegung mißachte und die hebräische Sprache vernachlässige. Ihre Berücksichtigung beider ist völlig einwandfrei, äüas. das Hebräische betrifft, so ist gerade der Talmud-Thora-Vorstand, der in seiner überwiegenden Mehrheit aus liberalen Elementen besteht, unablässig bemüht, in den Religionsschulen dem Hebräischen die ihm gebührende Stelle zu erhalten, den Unterricht in dieser Sprache in jeder Weise auszubauen. Wenn der „Zentralverein" für sich den Satz: „Gleiches Recht für alle" beansprucht, so bedeutet das immer nur: alle Rechte für die Konservativen, kein Recht für die Liberalen. Er betrachtet es als selbstverständlich, daß ein konservativer Rabbiner nach dem anderen angestellt wird, deutet aber die Berufung eines Liberalen als Verbrechen. Weicht dieser Liberale nun gar in seiner Lebensführung von traditionellen Bestimmungen ab, so wind diese Anstellung als Verletzung des Judentums proklamiert. Als wenn das Judentum nur und ausschließlich in den Formen bestände. Durch seinen Geist, durch seinen Glauben, durch seine unsterblichen Lehren hat sich das Judentum erhalten; wer diesen dient, wer die Heiligkeit der Lehre pflegt und verbreitet, der sichert den Bestand unserer Religion besser als der, welcher nur an der Form klebt und in ihr die einzige Weihe sucht. Wir wollen keinen Andersdenkenden kränken, aber Nur verlangen auch ein Recht für unsere Ueberzeugung und deren Bekenner. Das ist unser Recht, das ist die Forderung des Fortschritts, die Bedingung des Friedens. Nicht wir stören den Frieden, sondern jene, die, obwohl sie nur ein kleines Häufchen hinter sich haben, sich als die Stimmführer der Wahrheit und als die alleinberechtigten Bekenner des Glaubens ausgeben. Airs diesem Grunde müssen wir die Vorwürfe des Zentralvereins gegen die Berliner Jüdische Gemeinde und gegen den Liberalismus als gänzlich haltlos unb völlig unbegründet zurückweisen. * Friede herrscht auch nicht zwischen den verschiedenen Konfessionen. Wir sind an manche häßliche Bemerkungen antisemitischer Blätter nachgerade gewöhnt, den Gipfel erklomm neuerdings der Artikel eines Antisemitenblattes „Jüdische Legionen", in dem der Patriotismus der Juden in häßlichster Weise verdächtigt wurde. Es ist traurig, daß solche Ausgeburten niedrigen Hasses geduldet werden. * Aus solchen Niederungen flüchten wir gern in reinere Höhen. Darum ist es uns stets eine Freude, Herrn Rabbiner Dr. B a e ck das Wort zu gönnen. Er versteht es meisterhaft, aus dem einzelnen allgemeine Folgerungen 311 ziehen, aus dem Flüchtigen sich 31t erheben und an das Dauernde zu mahnen, inmitten des Krieges, in den: er vorbildlich seine Pflicht tut, Friedenswerke zu üben und dazu aufzurufen. Sein diesmaliger Bericht, den wir wie so oft dein „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin" entnehmen, ist dadurch besonders wertvoll, daß er in seiner sinnig-beschaulichen, geistig anregenden Weise vom Tode sprechend an das Leben gemahnt, die unzähligen Verluste an Gesundheit und Lebensfreude beklagend, Lebenspflicht und Zukllnftshoffnung verkündigt. Nachdem er kurz von den Gottesdiensten, die er abgehalten, und von den Beerdigungen, an denen er teilgenommen, gesprochen hat, fährt er fort: Bild neben Bild steht trauervoll vor dem rückschallenden Blicke, lvenn er sich zn den Gräbern hin loendet, zu denen der Zug der Monate int Felde hingeführt hatte. Wie viele sind es! Zn der Dauer des Krieges haben wir, alle fast, uns 31t sehr daran gewöhnt, immer nur nach vielen zu zählen, immer nur die gewaltigen langen Reihen vor uns 31t sehen, in denen die Tausende gekonunen, gegangen, geblieben sind. Der einzelne entschwindet zwischen ihnen. Selbst alle die Ruhestätten der Toten erscheinen dann nur lvie ein großes Massengrab. Zu wenig wird es empfunden, wie doch eilt jedes Leben, das ein ernster, harter Tag Zlim Opfer verlangte, eine Welt für sich gewesen, die Welt eines Menschen und die Welt derer, die ihm die Seinen waren, und darum ein Unwiederbringliches gewesen ist. Es ist eine Abstumpfung, die unserer Seele ihr Empfinden' nehmen kann, wenn so der einzelne, der, welcher da ist, und der, welcher gewesen ist, ihr entschwindet. Alle Größe wohnt nicht in den Ziffern, sondern in den einzelnen Wesen. Wir sollten dafür das Gefühl bewahren, sollten daran denken, daß sich die Zahlen vielleicht ersetzen lassen, aber nicht die Menschen. Eine schwere Aufgabe ist es für den Feldgeistlichen, der wieder an einem. Grabe gestanden hat, den Hinterbliebenen in der Heimat einen Trost zu spenden. Es kann ein geschriebenes Wort bloß sein, welches aus der Entfernung, nicht nur aus der des Raumes,-zn ihnen hinkommt. Aber wenn der Eindruck nicht täuscht, so erfahren die Trauernden, eine Beruhigung schon in diesem einen, daß sie es wissen dürfen, wie hier draußen an sie jemand denkt, welchem der Dahingeschiedene nicht einer nur in Reih und Glied gewesen, nicht nur einer, dessen Grab neben den vielen Gräbern liegt. Gewiß, es wohnt etwas Großes auch im Gedanken von Reih und Glied, in diesem Gedanken von den Tausenden, vor denen alle dasselbe Gebot und dasselbe Opfer steht, für die alle der gleiche Tag und das gleiche Geschick ausgehen und niedergehen.

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