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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 den Eindruck erwecken, das; sie im Lemde Zwietracht schaffen und bestehen lassen will. Im übrigen hat man in Polen allerdings die Ueberzengnng, daß die deutsche Verwaltung den Empfindungen der Orthodoxie Verständnis entgegenbringt und daß sie, wie es ihre selbstverständliche Pflicht ist, ihren religiösen Anschauungen Achtung entgegenbringt. Es wäre eine wahrhaft glückliche Entwicklung, wenn das polnische Judentum nicht plötzlich liberalisiert und seiner Tradition beraubt würde, sondern wenn die Orthodoxie sich aus sich selbst heraus modernisieren würde, ohne die alte Glaubenstreue zu verlieren. Schließlich übt der Verfasser der „Warschauer Briefe" Kritik an der Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft im Generalgouvernement Warschau. Zwar gibt er zu, daß die Verordnung einen Fortschritt gegen die bisherigen Verhältnisse bedeute. Aber er kann sich auch hier nicht von den Gedankengängen seiner nationalistischzionistischen Freunde loslösen und beklagt, daß man das polnische Judentum anstatt als nationale Gemeinschaft als eine Religiousgesellschaft organisiert und daß man den jüdischen Schulen keine Daseinssicherheit gegeben habe. Der Verfasser bewegt sich mit diesen Klagen in derselben Rechtsunkenntnis wie die Juristen unter den Zionisten und Nationalisten, die vor lauter Politik die Grundsä^e des Verfassungsrechts und Verwaltungsrechts vergessen. Solange Polen kein Nationalitätenstaat ist, ist keine andere Organisation der Juden möglich als die einzige, die man in Nationalstaaten kennt, nämlich die Form einer Religionsgesellschaft. Die Herren, die mehr verlangen, wogen sich mit den künftigen Gesetzgebern, die die polnische Verfassung ausarbeiten, ins Benehmen setzen: Vorwürfe gegen die Verwaltung aber, die schon während der Okkupationszeit in ihrem Interesse, im Interesse des künftigen Staates und im Interesse der polnischen Juden Ordnung in das Chaos jüdischen Gemeindelebens bringen wollte, sind juristisch und politisch unhaltbar. Ebenso entscheidet über die Rechtsstellung der jüdischen Schulen die* polnische Verfassung oder das künftige polnische Schulgesetz. Bis jetzt hat jedenfalls die deutsche Verwaltung bewiesen, daß sie die Rechte der jüdischen Minderheit schützt. Viele Juden in Polen sind ihr dafür dankbar, daß sie die Dinge nicht einfach nach den Theorien einiger Personen behandelt, denen der Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse fehlt. Der zweite „Warschauer Brief" schließt mit folgenden Worten: „Die Deutschen und die Juden Polens blicken mit ernster Besorgnis in die Zukunft. Beide sind speziell überzeugt, daß nach dem Kriege, sobald die „deutsche Macht" sich zurückgezogen habe, Judenverfolgungen schlimmer Art (Boykott, Rechtsverweigerungen usw.) ausbrechen werden. Möchten diese Zeilen dazu beitragen, daß diesen Besorgnissen gewehrt werde!" Logisch ist dieser Schluß nicht. Sicher nämlich ist, daß der polnische Antisemitismus zur Siedehitze getrieben worden wäre, wenn man von deutscher Seite die jüdisch-nationalistischen Ansprüche gefördert hätte. Kein Mensch könnte dafür einstehen, welche Folgen eine derartige Politik für die polnischen Juden hätte, wenn die „Deutsche Macht" sich zurückgezogen hat. Deutschland will, daß die verschiedenen Bevölkerungsklassen in Frieden miteinander leben; die Gegensätze sind groß, Schwierigkeiten und Kämpfe sind unausbleiblich; sie falsch verstandenen deutschen Interessen zuliebe zu vergrößern, kann nicht die Aufgabe einer verständigen Verwaltung sein. Sir Woche. Berlin, 17. Juli 1917. ie i n n e r p o l i t i s ch e n Bewegungen stehen in dieser Woche den äußeren Ereignissen voran. Für Preußen ist das gleiche Wahlrecht gewährt worden an Stelle des überlebten Dreiklassenwahlsystems; mehrere Minister- Haben, da sie sich mit dieser gewaltigen Veränderung nicht befreunden konnten, ihre Entlassung nachgesucht- Auch im Deutschen Reich herrscht eine starke innere Krise, in der es sich nicht nur um die Person des Reichskanzlers handelt, sondern um eine beabsichtigte Parlamentarisierung der Reichsregierung. Ein Wechsel im Reichskanzleramt ist erfolgt. Herr v. Bethmann Hollweg hat seinen Abschied erbeten und ihn von dein Kaiser, wie dieser schreibt, „mit schwerem Herzen" erhalten. An seine Stelle ist Herr Dr. Michaelis, bisher Unterstaatssekretär, zum Reichskanzler und zum preußischen Ministerpräsidenten ernannt worden. Er wird als Mann von Festigkeit und großer Energie geschildert, von verschiedenen Blättern wegen seiner christlichen, konservativen Gesinnung gerühmt: agrarische Neigungen werden ihm zugeschrieben. Danach scheint es,^als wenn ein neuer Kurs durch den neuen Leiter der inneren und auswärtigen Politik nicht zu erwarten wäre. Wie wichtig die inner- und außerpolitischen Erwägungen waren, die gepflogen wurden, geht aus der einen Tatsache hervor, daß der K r o n p r i n z zu ihnen herangezogen wurde, und aus der ferneren, daß Hindenburg und L u d endo r f f in Berlin weilten, um mit den Parteiführern Rücksprache zu nehmen und ihnen Aufklärungen zu geben. Die letzteren werden als verheißungsvoll und zuversichtlich bezeichnet. Wir konstatieren diese Tatsachen und Absichten, erachten c* aber nicht für unsere Aufgabe, näher darauf einzugehen. Nur unserer Freude über jeden freiheitlichen Schritt dürfen wir Ausdruck geben. Daß unsere Feinde in diesen Maßregeln nicht einen wirklichen Fortschritt sehen wollen, sondern ihn hämisch bekritteln, bestärkt uns nur in unserer Freude. Allerdings bringt uns diese hocherfreuliche Entwicklung dem ersehnten Frieden um keinen Schritt näher. Ebensowenig die energische Erklärung der Mehrheitsparteien, die den Standpunkt der großen Masse des geeinten und entschlossenen deutschen Volkes darstellt. Sie mag hier, als geschichtlichem Dokument ersten Ranges, mitgeteilt werden: Die Mehrheit des Reichstages, die sich zusamwensetzt aus den Fraktionen des Zentrums, der Fortschrittlichen Volkspartei, der Sozialdemokraten, der Elsaß-Lothringer, eines Teils der Deutschen Fraktion und einzelner Mitglieder anderer Fraktionen, hat sich auf folgendes Friedensprogramm geeinigt, das sie dem Reichstag zur Beschlußfassung vorlegen wird: „Wie am 4. August 1914 gilt für das deutsche Volk auch an der Schwelle des vierten Kriegsjahres das Wort der Thronrede: „Nus treibt nicht Eroberungssucht". Zur Verteidigung seiner Freiheit und Selbständigkeit, für die Unversehrtheit seines territorialen Besißstandes hat Deutschland die Waffen ergriffen. Der Reichstag erstrebt einen Frieden der Verständigung und der dauernden Versöhnung der Völker. Mit einem solchen Frieden sind erzwungene Gebietserwerbungen und politische, wirtschaftliche oder finanzielle Vergewaltigungen unvereinbar. Der Reichstag weist auch alle Pläne ab, die aus eine wirtschaftliche Absperrung und Verfeindung der Völker nach dein Kriege ausgehen Die Freiheit der Meere muß si.chergestellt werden. Nur der Wirtschaftsfriede wird einem freundschaftlichen Zusammenleben der Völker den Boden bereiten. Der Reichstag wird die Schaffung internationaler Rechtsorganisationen tatkräftig fördern. Solange jedoch die feindlichen Regierungen auf einen solchen Frieden nicht eingehen, solange sie Deutschland und seine Verbündeten mit Eroberung und Vergewaltigung bedrohen, wird das deutsche Volk

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