Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
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339 Zunächst hätte diese Politik maßlos verbitternd auf die Polen gewirkt. Wenn es die Aufgabe der deutschen Politik war, eine Aufgabe, die übrigens doch wohl nicht der Referent für jüdische Angelegenheiten in Warschau stellte, sondern die von ganz anderen Instanzen gestellt wurde, einen polnischen Nationalstaat vorzubereiten, wenn man wußte, daß die Schaffung eines Nationalitätenstaats von vornherein am Widerstand der Polen scheitern würde, dann konnte von der Verwaltung keine jüdisch-nationale Politik getrieben werden. Ob die Politik, die die maßgebenden Reichsinstanzen eingeleitet haben, richtig oder falsch war, steht hier nicht zur Untersuchung. War sie eingeleitet, dann hatte sich die Behandlung der jüdischen Angelegenheiten der Gesamtpolitik unterzuvrdnen. Das ist ein einfaches Gebot politischer Disziplin. Den Juden hätte übrigens die deutsche Verwaltung einen fatalen Dienst erwiesen, wenn sie sie nach gewissen Rezepten gegen die Polen hätte ausspielen wollen. Das ist alte russische, aber keine deutsche Politik. Der russische Generalgouverneur mag gesagt haben: „Ich Hetze die Juden gegen die Polen und die Polen gegen die Juden. Divide et impera!" Eine derartige Politik ist gemein, aber nicht einmal gescheit, wie im politischen Leben gar oft Zweifel bestehen, ob eine Taktik eine dumme Schlauheit oder eine schlaue Dummheit ist. Gewisse Schriftsteller und Politiker hatten außerdem auf dem offenen Markt die politische Weisheit verkündet, daß die polnischen Juden leicht zu germanisieren seien und daß sie bei Förderung jüdisch-nationalistischer Gedankengänge Träger deutscher Interessen sein könnten. Hätte diese Politik überhaupt brauchbar sein sollen, dann hätten die Herren, die jetzt durch die „Warschauer Briese" andere besonderer Kurzsichtigkeit bezichtigen lassen, wenigstens so pfiffig sein müssen, ihre politische Weisheit nicht vor aller Welt auszuposaunen. Die Politik war unmöglich, sobald man sie bekanntgemacht hatte. Sie war es aber für denkende Menschen schon vorher. Man kann mit einer Minderheit von l5 Prozent, die sich zudem, soweit di? Masse in Betracht kommt, in einer gedrückten und bei dem mangelnden historischen Berständnis der Menschen und ihrer Unduldsamkeit in einer verachteten Lage befindet, keine Politik gegen die Landesmehrheit von 80 Prozent machen. Ein Politiker des praktischen Lebens sage, wie inan das macht. Deutschland, das deutsche und keine jüdisch-nationalistischen Interessen zu vertreten hat, hätte sich, aber auch die Juden in eine heillose Situation den Polen gegenüber gebracht, wenn es als der Beschützer der nationalistischen Bewegung ausgetreten wäre. Es gibt Leute, die meinen, daß inan sich damit wenigstens außerordentliche Sympathien im neutralen Ausland erworben hätte. Der Perfidie hätte man dort Deutschland beschuldigt - und das nicht ohne Grund. Naiv aber ist der Glaube des Briefschreibers, daß nian die jüdische Bevölkerung Polens durch eine jüdisch-nationalistische Politik zu zuverlässigen Freunden Deutschlands hätte machen können. Die polnischen Juden traten uns. als den Befreiern vom brutalen zaristischen Joch, mit Sympathien gegenüber; die Sympathien haben abgenommen, weil die harten Kriegs- Notwendigkeiten mit ihren wirtschaftlichen Schädigungen, für die man sich bei England bedanken mag, schwer auf der jüdischen Bevölkerung lasten. Sie haben in Ober-Ost, das in den Briefen wegen seiner mehr nationalistischen Politik rühmend gegen das Generalgouvernement Warschau ausgespielt wird, mehr abgenommen als in Polen. Das beweist, daß diirch eine jüdisch-national gerichtete Politik noch lange keine Sympathien gewonnen werden. In den weitesten jüdischen Kreisen in Polen wird es jedenfalls durchaus gebilligt, daß die Verwaltung sich in die inneren Streitigkeiten des polnischen Judentums nicht eingemischt hat. Nun heißt es aber in dem zweiten „Warschauer Brief": „Statt die großen Massen der national gesinnten Juden (die „Volksgruppe" und die Zionisten) durch kluges Erfüllen berechtigter Wünsche zufrieden und in deutschfreundlicher Gesinnung zu erhalten, legt man ihnen Schwierigkeiten in den Weg. Das gutgeleitete (in „jüdischer" Sprache gedruckte) „Warschauer Tageblatt" hat man sein Erscheinen einzustellen genötigt, und man fördert statt dessen das seit dem 1. Februar d. I. erscheinende „Jüdische Wort". Durch dieses suchen die beiden vorhin erwähnten deutschen Rabbiner, die für Deutschlands Interessen offenbar des „rechten Verständnisses" ermangeln, die Juden Polens gegen deren Willen zu polonisieren und vermehren und vertiefen nur die zwischen den dortigen Inden vorhandenen Gegensätze." Die Darstellung entbehrt nicht eines gewissen Humors. In Warschau Pfeifen es. weil es die Zionisten selbst erzählten, die Spatzen vom Dach, daß von zionistischer Seite eines Tages eine Beschwerde an die deutsche Verwaltung kam, in der gegen die Haltung des „Warschauer Tageblatts" scharf Protestiert wurde; es sei unerhört, daß die deutsche Verwaltung das jüdisch-nationalistische „Warschauer Tageblatt" herausgebc, das in einem „üblen Gassentone" die Masse verhetze und dessen Redakteure bedenkliche „Demagogen" seien. Als die Verwaltung einige Monate später diese unnötige Gründung aus den ersten Tagen der Besetzung von Warschau eiugehen ließ und ohne jede Unterstützung ihrerseits der Orthodoxie gestattete, für ihr Geld und auf ihr Risiko eine Tageszeitung „Das jüdische Wort" herauszugeben, drückte allerdings die zionistische „Jüdische Rundschau" in Berlin ihr „höchstes Befremden" aus. und in dem Artikel waren die Demagogen von gestern Plötzlich „die bekannten ostjüdischen Schriftsteller" geworden. Es ist also nicht so ganz leicht, die „berechtigten Wünsche" der Volksgruppe - das sind die Nationalisten — und der Zionisten zu erfüllen. Auch folgendes mag fröhlich stimmen: die beiden deutschen Rabbiner, „die für Deutschlands Interessen offenbar des rechten Verständnisses ermangeln", werden von den jüdischnationalistischen und zionistischen Freunden des Briefschreibers in Warschau als deutsche Agenten verschrien. Der Mangel an Objektivität des Briefschreibers und seiner Information zeigt sich übrigens in den Auslassungen über das ortbodore „Jüdische Wort". In Warschau erscheint eine nationalistische und eine zionistische Tageszeitung in jüdischdeutscher Sprache. War es ein Unrecht, daß nun auch der großen orthodoxen Masse eine Tageszeitung gestattet wurde? Tatsächlich aber rast man auf jüdisch-nationalistischer Seite gegen die Orthodoxie, seit sie sich organisiert hat und seit sie eine Tageszeitung besitzt. Der Grund ist offensichtlich der, daß man die politische Konkurrenz der Orthodoxie fürchtet. Abgesehen von den jüdisch-nationalistischen und zionistischen Führern wird niemand der deutschen Verwaltung einen Vorwurf daraus rnachen, daß sie auch die Orthodoxie leben läßt. Daß die Orthodoxie sich bestrebt, zu der: Polen ein gutes Verhältnis herzustellen, ist durchaus verständlich. Würde die deutsche Verwaltung ihr deswegen Hindernisse in den Weg legen, so würde sie damit den deutschen Interessen unseres Erachtens nicht dienen; sie würde aber in unheilvoller Weise