Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 Im Wcciontdl! Weite Kreise der Orthodoxie stehen nicht mir den nationalistischen und zionistischen Führern, deren religiöse Haltung dieser strengsten aller Orthodoxien mit Recht oder mit Unrecht nicht genügt, sondern auch den zionistischen und nationalistischen Gedankengängen und Lehren feindlich gegenüber. Wer nicht blind ist und sich nicht einseitig auf nationalistische Informationen verläßt, der sieht, daß zum mindesten der größte Teil der chassidischen Orthodoxie mit geradezu leidenschaftlichem Haß dem Nationalismus und Zionismus gegenüberstcht. Mas heißt chassidische Orthodoxie? Der größte Teil des polnischen Judentums, soweit eS orthodox ist, gehört der Sekte der Chassidim an. Der Chassidismus entwickelte sich aus einer Volksbewegung des 18. Jahrhunderts, die gegen das verknöcherte rabbinische Judentum gerichtet war. Es hat nicht gehalten, was seine religiös und menschlich sympathischen Anfänge versprochen hatten. Heute unterscheidet sich der Anhänger des Chassidismus von anderen Orthodoxen im wesentlichen nur noch dadurch, daß er mehr oder weniger treu an den Führer seiner Gruppe, den „Rebbe", glaubt. Er pilgert zu ihm an den Feiertagen; er hört auf seinen Rat in religiösen und weltlichen Dingen. Dem strengen „Chassid" ist der „Rebbe" der Mittler zwischen Gott und den Menschen. Die „Rebbes", deren Führerschaft sich in der Regel vom Rater ans den Sohn vererbt, die zum Teil alte, bis auf die Anfänge des Chassidismus zurückgehende Dynastien bilden, hüben je nach ihrem Ruf eine größere oder kleinere Zahl von Gläubigen. Der angesehenste dieser chassidistischen Führer im Generalgouvernement Warschau ist der „Gerrer Rebbe", der Rabbiner von Gora-Kalwaria, der Wohl mehr als 100 000 Anhänger hat. Der Chassidismus war früher durchaus bildungsfeindlich: er fürchtete, daß auch das kleinste Maß allgemeiner Bildung die Menschen der alten strengen Gesetzestreue entfremden könne. Die Knaben wurden in den „Chederschulen" erzogen, Religionsschulcn. in denen nur aus Bibel und Talmud in die jüdisch-deutsche Sprache übersetzt wird und in denen — nicht nur, weil es von den Russen befohlen war, sondern mit eigener freudiger Billigung — keinerlei Elementarunterricht erteilt werden durfte. Merkwürdigerweise erlaubt der Chassidismus dem Mädchen eine moderne Erziehung; aber er zwingt die Töchter mit der ganzen Autorität, die die Orthodoxie gern den Eltern verleiht, später zur Ehe mit den anders erzogenen Männern. Ehekonflikte sind bei dem starken durch die Erziehung geschaffenen Kulturgegenfatz unausbleiblich. Es ist in hohem Maße — von der Tätigkeit der deutschen Schulinspektorcn abgesehen — dem Einfluß zweier in den „Warschauer Briefen" scharf angegriffener deutscher Rabbiner, der Herren Dr. Kohn aus Ansbach und Dr. Carlebach aus Köln, zu danken, daß der Chassidismus feine schroffe Bildungsfeindlichkeit allmählich aufgibt. Dam kommt, daß mit dem Einzug der Deutschen, mit der Beseitigung des alten Zaristischen Rußlands überhaupt in Polen ein starkes geistiges Leben begann. Auch die politische Organisation der Orthodorie inacht sie bildungsfreundlicher. Sie ist heute schon zur Einführung von Elementarunterricht an ihren Religionsschulen bereit und hat ihn an manchen Schulen schon eingeführt. Trotz des großen Einflusses der chassidischen Orthodoxie haben Nationalisten und Zionisten im Lande viele Anhänger; sie verfügen innerhalb des polnischen Judentums über die besten politischen Organisationen. Die Assimilanten sind politisch lahm: vielen von ihnen fehlt auch das Verständnis der jüdischen Masse. Der Masse umgekehrt fehlt das Vertrauen zu den assimilierten Herren, die Führer erst dann sein könnten, wenn sie den Willen zu einer aufrechten und selbstbewußten Politik gewinnen. Entivicklungsmöglichkeiten in dieser Beziehung aber zeigen sich heute schon. Der Orthodoxie, die sich jetzt erst organisiert hat, fehlen heute noch die Persönlichkeiten, die den Kämpfen des modernen politischen Lebens gewachsen sind. Ohne moderne Schulbildung sind ihre Anhänger aufgewachsen; sie hat die Soldaten, aber keine Offiziere. Auf die Dauer kann man auch in Polen politisch nicht bestehen, wenn man anstatt Agitatoren höchstens eine allerhöchste Kabinettsorder des „Gerrer Rebbe" entsenden kann. Führer und Agitatoren, Offiziere und Unteroffiziere aber hat zweifellos der Nationalismus und Zionismus. Die Jugend der Orthodoxie, die aus der Enge orthodoxen Lebens hcrausdrängt, die mehr als die Väter die Notwendigkeit europäischer Bildung und europäischer Kultur erkennt, die durch die Mittelschule hindurch ging oder sich selbst weitergebildet hat, geht vielfach in das Lager der Nationalisten und Zionisten. Dort lockt sie der moderne Geist und der zweifellos vorhandene gute Wille, das jüdische Leben zu reformieren. Für Nationalisten und Zionisten ist das Wort „Afsimilant" geradezu ein Schimpfwort; Nationalismus und Zionismus sind in Polen aber in hohem Maße eine Assimilationserscheinung; sie stellen sich dar als eine erste Stufe der Assimilation. Dazu kommt der große Einfluß rusiischer Juden auf das jüdisch-politische Leben in Polen. Die aus Rußland unter dem Druck der russischen Judengesetzgcbung in Polen eingewanderten Juden sind die geistig regsameren: sie — die das russische Volk in fast rührender Weise lieben — stehen verständnislos polnischen Empfindungen gegenüber; ihnen ist aber auch, da der Mensch ein Nationalgefühl Haben muß, von der russischen Heimat vertrieben, die Konstruktion eines eigenen jüdischen Nationalgefühls besonders leicht. Ob das polnisch-jüdische Leben der Zukunft dem Nationalismus gehören oder sich bewußt und willig in die polnische Kultur einfügen wird, ist eine Frage, die heute nicht entschieden werden kann. Treibt der künftige polnische Staat eine vernünftige Politik, die die Juden als gute Bürger gewinnen und durch eine geeignete Schul- und Wirtschaftspolitik zur Ablösung der vielfach wirtschaftlich ungesunden Zwischenhändlerexistenzen aus ihnen produktiv schaffende Kräfte erzeugen will — die Ansätze sind in dem starken jüdischen Handwerkerstand vorhanden —, dann ist kein Raum für jüdischen Nationalismus in Polen vorhanden. Dazu sollten treten ein aufrechteres assimiliertes Judentum und eine durch die moderne Schule gekräftigte und durch ihre Organisation aktionsfähige Orthodoxie. Ein brutaler Antisemitismus aber, eine ängstliche Assimilation und eine ungebildete Orthodorie überliefern das polnische Judentum restlos nationalistischen Ideen. Nun meint der Schreiber der „Warschauer Briefe", die deutsche Verwaltung in Polen hätte die Pflicht gehabt, national-jüdische Politik zu treiben. Die deutsche Verwaltung hat das einzig Nichtige und Vernünftige getan: sie behandelt die Juden als gleichberechtigte Bürger des Landes und mischt sich nicht in die inneren Streitigkeiten des polnischen Judentums. Sie steht diesen Kämpfen vollständig objektiv gegenüber. Sie hat die Vereinsgründungen der verschiedensten Richtungen genehmigt; sie hat Zeitungen der verschiedensten Richtungen gestattet und lies; Schulen der verschiedensten Arten zu. Die Idee aber, daß die Verwaltung nun ganz einseitig die Politik der jüdischen Nationalisten hätte fördern müssen, kann nur von einem Mann ausgesprochen werden, der die Verhältnisse des Verwaltungsgebietes in ihrer Gesamtheit nicht kennt.