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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-20 · Heft 29 (20.7.1917) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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81. Jahrgang Nr. 29 Berlin, 20. Juli 1917 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wSchentNch. AbonnementS'Preisdurch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich SM. — Postscheckkonto S24. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. flnhftlt* ^itrag Zur polnischen Iudenfrage. Von * . * — yuiJUU. Die Woche. — Jakob Steinhardt. Von L. G. — Rosa Marrens. Von Regina Neißer. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Gold sch mi dt. — Büchereinlauf. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Pirmasens, Aachen, Köln, Bruchsal, Budapest. — Von Nah und Fern. Lin Beitrag?ur polnischen Iudenkrsge. Von * * * ie „Berliner Neuesten Nachrichten", ein schwerindustrielles Blatt alldeutscher Richtung, veröffentlichen „Warschauer Briefe", die in den Kreisen, die sich für die polnische Entwicklung interessieren, beachtet worden sind. In dem dritten und fünften Briefe wird die Art, in der die Verwaltung des Generalgouvernements Warschau die Judenfrage behandelt, einer scharfen Kritik unterzogen. Ob die „Warschauer Briefe" in Warschau geschrieben sind, mag bezweifelt werden. Soweit sie die Ostjüdenfrage behandeln, hätte man sie wohl richtiger überschrieben als „Briefe eines Theoretikers nach Warschau". Soweit sie mehr sind als die Wiederholung einer in einigen Studierstuben in Berlin ausgedachten Theorie, die die Ostjuden durch Förderung jüdisch-nationalistischer Bestrebungen als Träger deutscher Interessen gewinnen möchte, geben sie Informationen wieder, die einseitig auf jüdisch-nationalistische und zionistische Gewährsmänner zurückgehen. Bevor wir zu den einzelnen Behauptungen der „Warschauer Briefe" in großen Strichen Stellung nehmen, sei eine kurze Darstellung der politischen und kulturellen Schichtung der polnischen Juden gegeben. Eine dünne Oberschicht ist polnisch assimiliert. Es sind unter diesen sogenannten „Assimilanten" manche menschlich nicht sehr sympathische Elemente, Leiste mit allen Fehlern einer jungen Assimilation. Sie haben eine Tradition verloren und noch keine neue Tradition erworben. Setten war der Großvater schon assimiliert; oft war es noch nicht der Vater. Die liomines novi schämen sich derer, die so sind, wie die Vorfähren waren; sie überschätzten ihren äußeren Schliff und haben 'vielfach mindestens in jüdischen Dingen einen Mangel an Selbstbewußtsein und kein Gefühl für Würde. Es ist ihnen peinlich, wenn eine jüdische Sache zur Sprache kommt; man könnte damit Anstoß erregen. Vielleicht waren die deutschen Juden der ersten und zweiten Assimilationsgeneration nicht wesentlich anders. Viele neigen dazu, sich öder ihre Kinder ohne innere Ueberzeugung um gesellschaftlicher Vorteile willen taufen zu lassen. Es wird im Ernste behauptet, daß als Folge einer von der deutschen Verioaltung geschaffenen Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgesellschaft, die das verwilderte Gemeindeleben ordnen will, eine Massentaufe eintreten könne, wenn etwa dadurch die Gemeindesteuern erheblich erhöht würden. Menschen, die so materiell und traditionslos uralten Bindungen gegenüberstehen, und die aus solchen Gründen zu einem unwahrhaftigen Glaubenswechsel bereit sind, erwerben sich allerdings nirgends Achtung. Es dürfen aber keineswegs alle „Assimilanten" nach diesem Bilde ihrer unerfreulichen Genossen beurteilt werden. Es gibt in der assimilierten Schicht Männer und Frauen, die unermüdlich in 'der jüdischen sozialen Hilfstätigkeit arbeiten, die in Gemeindeverwaltungen nützliche Arbeit leisten und die aufrecht ihr Judentum bekennen. Das Urteil über die ganze assimilierte Schicht aber wird getrübt durch die recht zahlreichen Elemente der oben geschilderten Art. Die große Masse der polnischen Juden ist nicht polnisch assimiliert. Ihre Sprache ist die sogenannte jüdisch-deutsche Sprache. In dem polnischen Kulturkreis sind sie nicht aufgegangen. Es hat sich aber in Polen eine jüdische Kultur eigener Art Kultur im Sinne westeuropäischer Kultur ----- nicht entwickelt. Abgesehen von der von der Polnischen Kultur erfaßten Oberschicht lind einzelnen, von irgendwelchen westeuropäischen Kulturen beeinflußten Einzelindividuen ist die Kultur der Masse lediglich als eine mittelalterlich-religiöse Kultur zu werten. Falsch aber Untre es, mit dem Schreiber der „Warschauer Briefe", der die Abgeordneten Naumann und Haas in liebenswürdiger Weise der Blindheit bezichtigt, anzunehmen, daß die Polnischen Juden bewußt jüdisch-national seien. Der jüdischen Masse fehlt der nationale Wille und der sprachliche Wille; das Polnische Judentum befehdet sich gegenseitig in der Frage, welche Sprache in Zukunft ihre Sprache sein soll — ob polnisch, hebräisch oder jüdisch-deutsch. Diese Tatsache erklärt sich durch den Mangel einer eigenen modernen Kultur und durch das Fehlen eines selbständigen wirtschaftlichen nationalen Lebens. Eine Gemeinschaft, die zerstreut unter anderen lebt, der die große Grundlage nationalen Lebens, der eigene Bauernstand, fehlt, die auch außerhalb des Landes kein nationales Zentrum hat, die in nichts selbständig, aber tausendfach von der Umwelt abhängig ist, kann kein eigenes nationales Leben entwickeln und erhalten. An dieser Tatsache können die schönsten Wahlerfölge der Nationalisten nichts ändern, die ein Protest gegen den polnischen Antisemitismus, aber kein Ausfluß nationalen Willens sind. Die große Masse ist bewußt jüdisch-orthodox. Sie ist politisch indifferent; sie verlangt Schonung ihrer religiösen Empfindungen und gerechte Behandlung. National-politische Ansprüche erhebt sie nicht.

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