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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-13 · Heft 28 (13.7.1917) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 28 (13.7.1917)
Date
1917-07-13
Page
Seite 334 (sequence 10)
Language
German
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. .1-1- <j.. IM1* W - .134i f ( ) Ereignis des heutigen Tages ist: der Lederhändler hat geschrieben. So schnell, wie die Post es nur zuließ, kam der Brief. Der Freier scheint es gar nicht erwarten zu können, daß er nur wiederkommen darf, „um sich dann gleich zu verloben". Es paßt ihm aus tausend Gründen so am besten. Von den 5000, die er eigentlich mehr beansprucht hat, sagt er gar nichts mehr; so gut hat ihm hier alles gefallen, das junge Mädchen, das Haus, die feine Verwandtschaft. Na also! Siehst du, Väterchen, so kommt dein Ansehen ja doch noch wem zustatten. Nur nicht deiner eigenen Tochter. „Sonst ist nichts mit der Post gekommen?" frage ich. „Nein!" Der Witwer hat also nicht geschrieben. Natürlich nicht! Ich gab ihm ja auch keinen Anlaß dazu. Das hat freilich Paula bei ihrem Rotkopf noch weniger getan. Aber sie ist jung. Was ist da viel zu reden. Die Jugend siegt immer. Wenn sie sich nur zeigt, hat sie schon gesiegt. Nicht um die Welt würde ich auf „die Partie, die man mir antrug", eingehen, und eigentlich wäre es ein Unglück, wenn man einem älteren, ernsten Mann, der schon so viel Trauriges durchgemacht zu haben scheint, einen Korb geben müßte, — aber Paula wird begehrt und ich nicht. Hier wie dort siegt die Jugend. „Du mußt hinkoinmen. Taute Trude," bettelt Rosa. „Du mußt Großmama ein bißchen beruhigen; sie ist jetzt sehr häßlich zu Paula. Ich kann aber auch Paula nicht begreifen; ich nahm' ihn doch." „Aber Rosa! Hat ihn dir Paula beschrieben? Hat sie dir gesagt, wie zuwider er ihr ist?" „Das wohl," sagt sie ungerührt; „aber ich nähm' ihn doch. Sieh mal, der Großmama kann man nicht ausreißen, wenn es einem noch so schlecht bei ihr gefällt. Da hieße es gleich, man ist undankbar. Aber dem Mann kann man doch einfach davonlaufen, wenn er einem nicht paßt. Da kann kein Mensch was sagen. Wenn man doch unglücklich verheiratet ist!" „Du hast ja reizende Ansichten von der Ehe," sage ich. Und trotz meiner eigenen Verstimmung erfaßt es mich wie eine Schuld, daß ich nicht tiefer in die verwahrlosten Seelenkämmerchen, zu denen Großmama der Schlüssel fehlt und die sich mir so willig öffnen, eindringe. Hier gibt es viel auszuräumen und umzustellen. Und „noch so schlecht bei Großmama gefallen" darf es einem auch nicht. Auch mit Tante Phine muß ich reden, bei allem schuldigen Respekt. Ich versprach hinzukommen und weiß doch nun nicht, ob ich mein Versprechen werde halten können. Nachmittags war Paula hier. Sie hat mir nichts getan, war bescheiden, fast demütig zu mir — die Geschwister überschätzen mich ja unendlich —, gab sich so ganz, so rückhaltslos in meine Hand. Aber sie hat mir weinend und stöhnend und außer sich über die eigene Entdeckung anvertraut, daß sie Dr. Westphal liebe. * In mir ist ein rauher, quälender Neid auf alles, was jung ist, auf alles, was Vater oder Mutter hat. In meinen Augen gibt es keine rechtlosere, keine zurückgesetztere Menschenklasse als die der Dienstmädchen. Es ist auch kein Wunder, daß man, wenn man sie noch so gut behandelt zu haben glaubt, eines Tages merkt, daß sie doch unsere bezahlten Feinde sind/ Solange ihr Stand noch so tief herabgedrückt, ihre Arbeit so niedrig an Geld und Achtung bezahlt wird, ihnen die einfachsten Ansprüche an Geltung und Sicherstellung der Zukunft versagt bleiben, kann man sich nicht wundern, wenn sie niedrig auch in ihrem Denken und Fühlen bleiben und die höheren Gefühle: Dankbarkeit, Treue, Wahrheitsliebe nicht kennen und nicht üben. Aber heute ist meine Josephs zu ihrer Mutter gefahren. Sie weiß nicht, wie ihr fröhliches Singen vor der Abfahrt, mit dem sie mir vielleicht sogar ihre dankbar frohe Laune über die zwei freien Tage zeigen wollte, mich gequält hat. Sie hat noch eine Mutter, zu der sie fahren kann. Wie hat sie es gut gegen mich! Ich ging möglichst früh nach der Karlstraße. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, so lange nicht dagewesen zu sein. „Heute bleibe ich länger," sagte ich gleich, „ich bin allein zu Hause." „Wo ist denn deine Schickse?" In Tantes Stimme klingt schon eine leichte Entrüstung mit. Die Entrüstung sitzt immer bereit für etwaige Uebergrisfe der Bediensteten. Bei der Generation haben sie es noch schlechter als bei uns Neueren, die wir doch schon mehr darüber nachgedacht haben, daß sie auch Menschen sind. „Jetzt, mitten in der Woche? Heißt ne Chuzpe!" „Sie wollte durchaus zu ihrer Mutter, sie hat diese Nacht geträumt, ihr Bruder Karl sei vor Arras gefallen", antworte ich. „Hauptschkorem!" sagt Tante. „Bei Großmama ist alles Stuß oder Schkorem", mault Rosa. „Man kann doch auch mal so was träumen." „Freilich, gerad wie mers braucht", sagt Tante Phine. Sie ist jetzt nicht in nachgiebiger Stimmung. „Außerdem kannste draußen in de Küche Paulan helfen, wir haben was zu besprechen." „Immer wird man rausgeschickt, wie ein kleines Kind. Als wenn ich aus dem Hause klatschte", aber sie ist nun doch schon an der Tür und verschwindet. Tante und ich wollen beide reden. Ich habe mir, in dieser schlaflosen Nacht zu fest vorgenommen, ihr gut zuzureden. Gerade, weil in mir eine dumpfe Bosheit ist, — Gott verzeih mir, in meinem Herzen sieht es schwarz und böse aus, seit tri) weiß, Paula hebt ihre Augen zu etwas, das meine Welt bleibe» muß —, suche ich mich vor mir selber durch ein möglichst gutes Gewissen zu retten. Es ist schwer, mit Tante zu sprechen. Sie ist, wenn man es äußerlich auch nur an ihren ruckweisen, harten Bewegungen, an ihren weiter als sonst geöffneten Augen sieht —, maßlos erregt. „Wenn sie ihn doch nicht leiden kann, Tante?" „Das Leiden find't sich. Das Mädchen bleibt m'r sitzen. Ich geh' von der Welt und se bleiben sitzen, alle beid'. Tut dr Große keinen Schiddach, sitzt de Kleine auch allein da." Ganz außerhalb meiner klingt es mir von den Lippen: „Das wäre freilich schlimm." „Ob 's schlimm wär'", sagt sie so laut und aufgeregt, daß ich Angst bekomme, um ihre Gesundheit. „Ich war heute auf en guten Ort." „Gerade heute, Tante, wo du so schon so erregt bist!" In meiner Stimme zittern gleich die Tränen. Draußen bei Vater und Mutter war sie. „Ich dacht', ich würd' ruhiger dort. Ich dacht' auch, vielleicht. schickt mer der liebe Gott en guten Rat, ich weiß.mer nicht mehr ein un aus." Und dann nach einer erregte» Schweigepause: „Wie kennen das, Kind, Kind, wie kennen das Eltern bloß zugeben! Wie kammer sich de Kinder neben sich betten wollen im Leben und im Tode?! Schlimm genug, wenn Eltern hintern Sarg der Kinder hergehen missen! So en armes Kind mögen se zwischen sich legen untern Rasen. Es weiß nebbig nischt dervon, und se selber is es ne Beruhigung. Aber wir kammer en Kind, daß einen, wie's doch Weltordnung is, unberufen bis 100 Jahr überlebt, — wie kammer das for fiel)

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