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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-07-13 · Heft 28 (13.7.1917) · p. Seite 333

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 28 (13.7.1917)
Date
1917-07-13
Page
Seite 333 (sequence 9)
Language
German
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333 brachte. Dort scsi sie jahraus, jahrein und strickte. Wir Lehmannskinder Gesuchten sie manchmal: Mit mir besonders sprach sie gern. Aus ihrem Tische stand ein Seidel Wasser, das nur erneuert wurde, wenn sie es ausgetrunken hatte — nach zwei bis vier Tagen also. Da sie an einem Freitagabend Plötzlich starb, am Sabbat aber feines der Familie einen Dienst tun durste, bat man Mama herunter, eine Kiste aufzuschließen, in der man nicht nur das Totenhemd, sondern auch noch große Schätze vermutete. In der Kiste fanden sich indessen nur Lumpen, nichts als Lumpen, vor, geschweige denn ein Kreuzer Geld — nicht einmal das Totenhemd. Die alte Hrau, die ihr ganzes Vermögen dem Manne Angebracht hatte, um die sich im Leben keine Katze kümmerte, wurde nun mit jüdischen Zeremonien bestattet und betrauert. * * * ' Die letzte Stunde hatte an opernfreien Abenden ein jüdischer, lehr fleiß-iger, aber ebenso unmusikalischer Buchhändler, der einzige, der seine Stunden wirklich regelrecht beglich. * * * Durch meine Nieder weht manchmal ein Erinnern, der Dust eines so poetischen Fleckchens^ wie ich wenige kennen lernte. Der alte Judenkirchhof Prags, mitten im Getto gelegen, angelehnt an die älteste Synagoge, die „Alt Schul" genannt. In diese Gegend lmnen wir allerdings selten; nur wenn Freunde oder Bekannte die 3tadt besuchten, führten wir sie auch in diesen abgelegenen Teil des hnndertlürmiigen Prag. Im Frühling aber fanden wir Mädchen doch den Weg dahin. Dann war der kleine Friedhof über sät mit Teilchen, die unter den großen Grabsteinen, die kunterbunt übereinander gefallen waren, aus ihren, grünen Blättern hervorleuchteten. Ein Bild voll Poesie, Dust und Frieden. Die alten, längst vermoderten Juden, die darunter geschlafen, hatten keinen lefl mehr am Gedanken des Todes; sie waren längst übergegangen in friedlich duftendes Leben der -blauen« Veilchen und der alten Holundersträucher. Als sie einst hier eingescharrt wurden, lagen sie hart aneinander, wie sie auch im Leben -aus die engsten Plätze angewiesen waren, in ihren engen Gettoräumen, wo drei bis oier Familien oft in einem einzigen Zimmer., nur durch Kreidenriche von einander getrennt, hausten. Als ich dieses Viertel vor einigen Jahren, aller kindlichen Naivität entblößt, wiedersah, standen nur noch ein paar kleine, elende Wahrzeichen zum Abbruch bereit. Das andere war verschwunden, dem Boden gleichgemacht der, wie überall der unteren Moldaustadt entlang, um mehrere Meter erhöht werden sollte. Sie sagten aber noch genug von all dem in Geduld und mit fanatischem Glauben getragenen Elend eines menschenunwürdigen Lebens, und mit Schauder, wandte ich mich ab von dieser einst so lebendigen Einfassung des kleinen, toten Friedhofs Plätzchens, das erhalten bleibt, und mit seinen blauen Aei'lchenaugeu der Poesie freundlicher Herzen nach wie vor weitere Währung zu führen wird. * 4- * Aber auch sonst sei diesem trefflichen Buche lebhaft das Wort geredet. Nicht nur nrusikübende und musikliebende Leser, und insbesondere Leserinnen werden hohen Genulß finden,, die berühmte Künstlerin, die große Frau, die durch rastlosen Fleiß sich zur höchsten Meisterschaft emporgerun-gen und jederzeit „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" betätigt, aus ihrem Lebens- und Werdegang zu begleiten. Regina Neisser. Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna G o l d s ch m i d t. Ssgm (19. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ch wundere mich, daß sich, da wir dm Bahnhof verlassen \ haben, nicht unser Quartett regelrecht teilt, daß sich jjjg jlüei Schwestern nicht so viel zu erzählen haben nach der dreitägigen Trennung, daß sie eingehakt vorangehen und mir Günther überlassen. Wir gehen immer zu vieren, so oft auch einer mal ausweichend vor- oder zurücktreten muß. Paula bleibt in unserer Reihe, und Rosa läßt meine rechte Seite nicht los. Sie wollen auf meine Wohnung zustcuern. „Nicht doch! Erst liefere ich das Paketchen gewissenhaft franko Haus", sage ich aus Rosa schauend, „ich hab's der Großmama so versprochen." Als sich die Haustür in der Karlstraße endlich hinter den Mädchen geschlossen hat. atme ich tief und glücksbereit auf. Jetzt komme ich erst daran, jetzt beginnt mein Tag. Wird er wieder auf die Verwandten schelten oder sich unumwunden über meine Heimkehr freuen? — ganz gleich, freudvoll und vergnügt wird es auf alle. Fälle sein, selbst wenn ich streiten und mich wehren und ihn auszanken muß. „Ihre sogenannten Nichten sind zwei richtige Rassejüdinnen, wie sie im Buche stehen." „Haben Sie schon wieder etwas an den Verwandten auszusetzen?" sage ich kampflustig. „Lassen Sie doch die armen Dinger in Ruhe." „Oho, Tante Trude, diesmal verstehen Sie mich aber höllisch miß. Die Mädels sind ja bildschön." Ich weiß nicht, aber auf einmal ist es mir, als wenn sich ein grauer Vorhang über eine blühende Wiese senke. „So? Ich wußte gar nicht, daß das Ihr Genre ist. Aber natürlich sind sie hübsch, das ist ja eine alte Sache. Besonders Rosa." Mir ist selbst nicht klar, warum ich die Kleinere in den Vordergrund rücke. Will ich sie ihm wirklich zeigen, oder soll sie die Aeltere in den Schatten stellen? „Welche finden Sie denn hübscher?" „Mag sein, daß die Kleine noch regelmäßigere Züge hat, aber die ist noch ein bißchen kindermäßig. Die Aeltere ist fertiger." Mir fällt nichts ein zu sagen, meine Gedanken gehen weiter. Wieso war Paula allein an der Bahn ohne den Schutz von Großmutter oder Bruder? Ob ich ihn so etwas gefragt habe? „Ich begegnete Fräulein Löb und ihrem Bruder. Es schien, er ließ sich sehr gern die Ritterpflicht für sein hübsches Fräulein Schwester abnehmen." „Und Sie übernahmen sie auch gern", sage ich. Ob mir der leis neckende Ton gelang? Jedenfalls antwortete er ganz harmlos: „Sicher! Ich ging ja sowieso zur Bahn, um Sie zu holen. Herr Löb bog dann am Markt ab." „Ja, ja, ich weiß schon. Das ist unverantwortlich von meinem Großvetter. Er weiß, wie seine Großmutter darüber denken würde." „Tante Trude:'" Günther bleibt stehen und sieht mich groß und vorwurfsvoll an. „Spricht da Ihre Tante Phine oder sprechen Sie? Beiße ich denn, daß man mir kein junges Mädchen vis zum Bahnhof anvertrauen darf? Na, hören Sie mal, aber wie Sie zu den vorsintflutlichen Ansichten kommen, das ist mir wirklich schleierhaft. Wie so eine alte Tante." „Ich bin ja eine, Günther", sage ich und bin froh, daß meine Haustür so recht im Schatten liegt. So kann er die Tränen nicht sehen, die mir plötzlich in die Augen schießen, und meiner Stimme hört er sie wohl auch nicht an. Wenn ich vielleicht eine Minute wartete/ fände sich ein versöhnendes, ein erlösendes Wort. Aber ich sage schnell und abwehrend: „Gute Nacht," und all mein bitteres Weh schließe ich mit in mein einsames Haus ein. * Die kleine Rosa war da, aber ich konnte sie schlecht ertragen. In ihrer großen Anhänglichkeit an mich kann sie mir gar nichts von all dem Wichtigen vorenthalten, was sich ereignet, und in ihrem Leben ereignet sich immer Wichtiges. Sie weiß nun alles, was in den Tagen ihrer Abreise hier geschehen ist. Das

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